Zentralrat der Juden Präsidentin fürchtet um ihr Leben

Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, erhält immer wieder Morddrohungen. Anlässlich des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht warnt sie vor "braunen Rattenfängern" und fordert ein Verbot der NPD.


Berlin - "Wir müssen den braunen Rattenfängern entgegenarbeiten", sagte die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, anlässlich des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht. Bei der zentralen Gedenkfeier der Bundesregierung und des Zentralrats der Juden in Berlin warnte sie am Sonntag vor den "leisen und nicht so leisen Signalen" antidemokratischer Bewegungen in Deutschland.

Knobloch: Warnte vor "leisen und nicht so leisen Signalen"
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Knobloch: Warnte vor "leisen und nicht so leisen Signalen"

Dabei forderte sie erneut ein Verbot der rechtsextremen NPD. Deren Erstarken bei den brandenburgischen Kommunalwahlen Ende September mache ihr Angst. "Wenn man ins Internet oder in meine Post schaut, dann gibt es schon Menschen, die mich lieber auf dem Friedhof sähen", sagte Knobloch der Zeitung "Bild am Sonntag".

Sie sieht in den Ereignissen der Reichspogromnacht 1938 eine Mahnung für alle nachfolgenden Generationen. Die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 habe "Gewalt, Zerstörung und Tod" gebracht und müsse den "künftigen Generationen Mahnung und Auftrag sein", sagte Knobloch am Sonntag in der Berliner Synagoge an der Rykestraße.

Die 76-Jährige griff in ihrer Rede auch die Bemerkung des niedersächsischen Ministerpräsidenten und CDU-Vizes Christian Wulff an, der in einer TV-Talkshow im Zusammenhang mit der Kritik an Finanzmanagern von einer "Pogromstimmung" gesprochen hatte. "Dieses mangelnde Geschichtsbewusstsein ist nicht hinzunehmen", sagte Knobloch.

Die Zentralratspräsidentin betonte, der "Wirklichkeit gewordene Alptraum" der Reichspogromnacht sei kein "spontanes Pogrom" gewesen, sondern der vorläufige Höhepunkt einer deutschen Politik der "Diskriminierung und Vertreibung der Juden".

Sie selbst sei damals sechs Jahre alt gewesen, als sie an der Hand ihres Vaters durch ihre Heimatstadt München auf der Flucht vor den Ausschreitungen gehastet sei. "Wir waren jedes bekannten und geliebten Ortes beraubt worden", schilderte Knobloch ihre Erlebnisse. Die damalige "Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein" seien auch heute noch in ihrem Leben präsent, "als ob es erst gestern geschehen wäre". Die sechs Millionen ermordeten Juden dürften nicht "zu einer Fußnote der Geschichte" werden, mahnte Knobloch.

Für die Zukunft hat sie demnach vor allem einen Wunsch: "Dass die Antisemiten in der Mitte der Gesellschaft, die es ja gibt, zur Einsicht kommen". "Sie müssen uns Juden nicht lieben, sie sollen uns akzeptieren", sagte sie weiter.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 hatten Nazis überall in Deutschland Synagogen in Brand gesetzt sowie Geschäfte und Wohnungen jüdischer Bürger zerstört. Die Pogromnacht steht für den Beginn der systematischen Verfolgung und Vernichtung der Juden in Deutschland und weiten Teilen Europas durch die Nazis.

rom/dpa/AFP/ddp

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