Zeppelinfeld in Nürnberg Hitlers maroder Aufmarschplatz

Auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg inszenierten sich die Nazis einst in ihrem Größenwahn, inzwischen ist das Gelände marode. Während manche Historiker für einen Verfall plädieren, setzt die Stadt auf eine Sanierung - und stellte jetzt erste Pläne vor.

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Schilder auf den graubeigen Steinen warnen die Besucher: "Betreten auf eigene Gefahr". Gitter, Zäune und Fangnetze sind aufgebaut, Plakate geben Auskunft über die "Vorbereitung einer Generalinstandsetzung". Die Zeppelintribüne, eines der letzten großen Relikte der Nazi-Zeit, ist marode. Steine bröckeln, das Bauwerk ist durchfeuchtet.

Albert Speer, Adolf Hitlers Stararchitekt und späterer Rüstungsminister, hatte sich das anders vorgestellt. Die Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Nürnberger Reichsparteitagsgelände, steingewordener Ausdruck des Größenwahns der Nazis, sollte gewissermaßen für die Ewigkeit gemacht sein. "Die Verwendung besonderer Materialien sowie die Berücksichtigung besonderer statischer Überlegungen sollten Bauten ermöglichen, die im Verfallszustand, nach Hunderten oder (so rechneten wir) Tausenden von Jahren etwa den römischen Vorbildern gleichen würden" - so schrieb es Speer in seinen Erinnerungen.

Die Stadt Nürnberg hat eine nüchterne Bestandsaufnahme vorgenommen: Ein dauerhafter Verfall des mehr als zwölf Fußballfelder großen Zeppelinfeldes mit seiner Haupttribüne und den Wallanlagen ist demnach nur mit einer baldigen Instandsetzung zu verhindern. "Sonst haben wir hier irgendwann nur noch einen Schutthaufen", sagte Baureferent Daniel Ulrich (parteilos) am Montag in Nürnberg.

Ulrich stellte zusammen mit Kulturreferentin Julia Lehner (CSU) die ersten Baumaßnahmen an zwei sogenannten Musterflächen an der Tribüne und an einem Abschnitt der Wallanlage vor. Mit deren Hilfe soll unter anderem geklärt werden, mit welchen Gesamtkosten zu rechnen ist. Bislang gibt es lediglich eine grobe Prognose aus dem Jahr 2009, in der von 60 bis 75 Millionen Euro die Rede ist.

Die Signale aus Berlin sind vielversprechend

Die Stadt will das Gelände als "authentischen Lernort" und "nationales Erbe" erhalten. Die baulichen Relikte auf dem Zeppelinfeld könnten deutlich machen, wie sich das NS-Regime in Szene gesetzt habe, argumentiert etwa Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD).

Tatsächlich kommen jährlich bis zu 150.000 Menschen an den Ort, wo sich Hitler auf den Reichsparteitagen von den Massen bejubeln ließ, wo der "Lichtdom" für einen besonderen Effekt sorgte, indem mehr als 150 Scheinwerfer senkrecht in den Himmel strahlten.

Viel ist von der ursprünglichen Zeppelintribüne aus Beton, Ziegelmauerwerk und Muschelkalk nicht übriggeblieben: Das große Hakenkreuz wurde bereits im April 1945 von der US-Armee gesprengt. 1967 ließ die Stadt Nürnberg die Pfeilergalerien abbrechen - sie waren baufällig. Wenige Jahre später wurden die Seitentürme auf halbe Höhe abgetragen.

Die Sanierung, bei der es nicht um eine Rekonstruktion, sondern um eine Sicherung des Status quo gehen soll, kann nicht von der Stadt allein getragen werden. Sie hält eine finanzielle Förderung von Bund und Land für nötig.

Die Signale aus Berlin sind vielversprechend: Die schwarz-rote Bundesregierung hat das Nürnberger Gelände in den Koalitionsvertrag aufgenommen. Authentischen Orten wie etwa dem früheren Reichsparteitagsgelände komme "eine wesentliche Funktion für die Geschichtskultur in Deutschland zu", heißt es darin.

Für einen "kontrollierten Verfall"

Trotzdem ist die mögliche Sanierung der maroden NS-Bauwerke nicht unumstritten. Der Jenaer Geschichtsprofessor Norbert Frei etwa hatte im vergangenen Dezember für Aufsehen gesorgt, als er in einem Gastbeitrag für die "Zeit" fragte: "Gibt es vernünftige politische, gesellschaftliche oder ästhetische Gründe für die Restaurierung (...) architektonischer Banalitäten und Monstrositäten, an denen sich bis heute diejenigen ergötzen, die immer noch die Aura des 'Führers' suchen?"

Frei sprach sich für einen sogenannten "kontrollierten Verfall" des Nürnberger Geländes aus und verwies auf entsprechende Vorschläge von Architekten. Zu ihnen gehört unter anderem der Schweizer Willi Egli, der Vorsitzender des Nürnberger Baukunstbeirats ist. Egli hatte in der "Neuen Zürcher Zeitung" gesagt, man solle das Areal "als ein verseuchtes Stück Erde der Natur überlassen".

Die Stadt hält solchen Vorschlägen auch entgegen, dass man dann die Zeppelintribüne aus Sicherheitsgründen umzäunen müsste und so zur ungewollten Mystifizierung beitragen würde.

Im Frühjahr 2016 will das Nürnberger Baureferat eine Kostenaufstellung für die Instandsetzung vorlegen. Besucher können weiter auf eigene Gefahr über die Stufen der Zeppelintribüne laufen. Wie etwa der US-Amerikaner, der am Montag mit Fotoapparat gekommen war. "Very impressive", sagte er - sehr beeindruckend.



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