Zionisten-Ehrenpreis Beckstein und der fünfte Stamm

Nach seiner Auszeichnung mit dem Zionisten-Ehrenpreis zeigt sich Bayerns Innenminister Günther Beckstein als Hardliner im Kampf gegen Rechtsextremismus, lässt die NPD rechts liegen und sendet ein bajuwarisches Signal an die jüdische Gemeinschaft.

Von , München


München - Die Fahne hängt ein bisschen verkorkst im Wind. "Du musst sie ganz aufdrehen, sie ist nicht ganz offen", sagt sie. Er hingegen ist gerade damit beschäftigt, den Satz von der freien Meinungsäußerung zu artikulieren, die "auch uns" zustehe. Schließlich klappt die Koordination, die Fahne mit dem NPD-Logo flattert im Wind. Zwischen sich spannen die beiden ein Plakat mit der Aufschrift "Stoppt Israel-Terror".

Bayerns Innenminister Beckstein (Archivbild): "Verlässlicher Freund der jüdischen Gemeinschaft"
DDP

Bayerns Innenminister Beckstein (Archivbild): "Verlässlicher Freund der jüdischen Gemeinschaft"

Die beiden Mittfünfziger sind keine Neonazis. Sie tragen weder Bomberjacken noch Springerstiefel. Es sind Spießbürger, er in Bundfaltenhose und Batik-Hemd aus den Achtzigern, sie etwas korpulenter in Rock und Bluse. Als der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) vorfährt, ruft das Batik-Hemd: "Schämen Sie sich, dass Sie sich von diesen Palästinensermördern einen Orden umhängen lassen."

Damit sind die Fronten geklärt. Die Zionistische Organisation in Deutschland (ZOD) verleiht an diesem Montagabend ihren "Jerusalem Award" in Anerkennung seines Engagements für Israel an Günther Beckstein. Der Innenminister würdigt die NPD-Vertreter keines Blickes. An diesem Abend wird er auch dafür geehrt, dass er vor sechs Jahren das - letztlich gescheiterte - Verbotsverfahren gegen die NPD "ins Rollen gebracht hat", wie Israels Botschafter Shimon Stein später sagt.

Beckstein "kein Schwalbenkönig"

Der Rechtsextremismus habe heute viele Gesichter, so Stein, er lasse sich "längst nicht mehr nur einer Schicht zuordnen". Deshalb sei "kluges Vorgehen gefragt". Jüngst hatte Beckstein das bundesweite Schulprojekt "Wölfe im Schafspelz" präsentiert, Jugendlichen sollen darin die neuen, vielfältigen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus vermittelt werden.

Im Kampf gegen die Extremen habe sich Beckstein als "verlässlicher Freund der jüdischen Gemeinschaft" gezeigt, sagt Charlotte Knobloch in ihrer Laudatio. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland hält eine warme, eine berührende Rede. Beckstein sei "ein großer Kämpfer für die Sache der Menschlichkeit", er packe die Dinge an, er sei "kein Schwalbenkönig, er fällt nicht um". Der Kampf des Bayern gegen Rechtsextremismus sei "bundesweit vorbildlich und ohne Vergleich".

Beckstein ist sichtlich gerührt, presst die Lippen aufeinander, wackelt mit dem Kopf und schaut manchmal schüchtern zur Seite. Umso entschlossener tritt er in seiner Dankesrede auf: Jeder müsse in Deutschland "absolut sicher" sein, "es darf keine No-Go-Areas geben". Ja, er sei ein Hardliner, dazu stehe er und dafür werde er angegriffen. Aber "besser ein Hardliner für Recht und Ordnung als ein Weichei für Unrecht und Unordnung". Es sei seine Aufgabe, "mich zu exponieren", er zeige Gesicht, "wenn die Freiheit anderer Menschen in unserem Land bedroht ist".

Satz des Abends

Und dann kneift Günther Beckstein die Augen zusammen, zieht die Mundwinkel leicht hoch und zuckt mit den Schultern. Es kommt der Satz des Abends, er kommt am Anfang humorig daher, am Ende ist er ernst und evoziert heftige "Bravo"-Rufe im Publikum: Man wisse ja, Bayern habe verschiedene Stämme, die Altbayern, die Schwaben - und natürlich die Franken. Amüsiertes Schulterzucken, Beckstein ist Franke. Nach dem Krieg seien die Sudetendeutschen als vierter Stamm integriert worden. Der fünfte Stamm der Bayern aber, "das sind die Juden". Ohne sie sei "unsere Kultur nur bruchstückhaft, wir sind stolz auf diesen Stamm der Bayern".

Dieser Bayern-Satz macht aber auch eine Disharmonie an diesem Abend deutlich. Die Zionistische Organisation versteht sich als Interessenvertreterin Israels, in Videoeinblendungen wird zum Beispiel ein jüdisches Münchner Mädchen gezeigt, das sich im Alter von 15 Jahren entschlossen hat, nach Israel zu gehen. Für die ZOD mag das ein leuchtendes Beispiel sein, für Beckstein und besonders für die Zentralratspräsidentin Knobloch gilt das wohl nicht: Ihr gemeinsamer Kampf ist es, jüdische Deutsche im Land zu halten.

Beckstein: "Verbrecher Ahmadinedschad"

Alle Redner des Abends gehen hart ins Gericht mit Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad. ZOD-Präsident Robert Guttmann etwa fordert von Bundeskanzlerin Angela Merkel eine deutlichere Sprache, es sei wie mit Hitler: "Verbrecher bleibt Verbrecher, ob mit oder ohne Schnurrbart." In diesem Zusammenhang wird es Beckstein hoch angerechnet, dass er anlässlich des WM-Spiels Mexiko-Iran in Nürnberg an einer Demonstration der jüdischen Gemeinden gegen den "Tyrannen aus Teheran" (Knobloch) teilgenommen hat.

Damals sprach Beckstein vom "Verbrecher Ahmadinedschad", den in Deutschland nur sein Diplomatenpass vor sofortiger Festnahme schützen würde. Die Stimmung an diesem Nürnberger Demo-Tag im Juni war eindrucksvoll friedfertig: Juden und Muslime ins Gespräch vertieft, Deutsche tauschten Fahnen mit Exil-Iranern und jüdische Teilnehmer forderten einen palästinensischen Staat neben dem israelischen.

Becksteins Schlusssatz am Abend der Preisverleihung beginnt wieder humorig: Ob man es denn am Wochenende habe donnern hören? Das sei der Stein gewesen, der ihm vom Herzen gefallen sei, nachdem die Weltmeisterschaft so sicher abgelaufen sei. Und es sei eine "große Sehnsucht", sagt der Geehrte dann etwas leiser, "wenn auch Israel diese Sicherheit haben könnte".



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