Zivildienst: Hat sich Joschka Fischer gedrückt?

Von

"Haben Sie gedient?" Zugegeben, diese Frage unter Deutschlands Politikern sollte eigentlich nur dazu dienen, die Nachricht über das 40-jährige Bestehen des Zivildienstes zu illustrieren. Doch die Recherche erwies sich als ausgesprochen brisant. Die rot-grüne Ministerriege mag die Frage gar nicht.

Vote
Kein Dienst im Geheimen!

Sollten Politiker grundsätzlich über ihren Wehr- bzw. Zivildienst aussagen?



Ex-Sponti Fischer: Wegen Sehschwäche ausgemustert?
AP

Ex-Sponti Fischer: Wegen Sehschwäche ausgemustert?

Berlin - Jürgen Trittin widerfuhr 1974, was Hunderte andere Kriegsdienstverweigerer auch durchlebten. Nach zwei vergeblichen Klagen gegen seine Einziehung zur Bundeswehr musste er ab April 1974 als Fernmelder zur grünen Truppe.

"Für mich war immer klar zu verweigern", erinnert sich der heutige Umweltminister. "Ich wurde aber in zwei Instanzen nicht anerkannt. Im November 1974 habe ich meine Klage gegen die Ablehnung als Kriegsdienstverweigerer endlich gewonnen. Ab Januar 1975 machte ich Zivildienst in einem Heim für schwer erziehbare Jungen bei Bremen."

Keine Auskunft über eine Staatspflicht

Nicht jeder männliche Minister der Bundesregierung gibt so bereitwillig Auskunft über seine Staatspflicht. Immerhin lässt der eine oder andere auf Anfrage mitteilen, ob er überhaupt Wehr- oder Zivildienst geleistet hat.

Umweltminister Trittin: Zivildienst in einem Heim für schwer erziehbare Jungen
DPA

Umweltminister Trittin: Zivildienst in einem Heim für schwer erziehbare Jungen

Danach hat Verkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) als einziger neben Trittin den Kriegsdienst verweigert. Sein Parteigenosse, Innenminister Otto Schily, musste gar nicht dienen, da er mit seinem Geburtsjahr 1932 zu den so genannten weißen Jahrgängen gehörte, die von der Wehrpflicht ausgenommen waren. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder blieb vom Zwangsdienst verschont, weil sein Vater im Krieg gefallen war.

Gedient hat nur der Verteidigungsminister, wenn auch nur sechs Monate. Rudolf Scharping hatte sich 1966 für zwei Jahre zur Bundeswehr verpflichtet. Seinen Dienst in Büchel in der Eifel trat er noch an, wurde dann jedoch wegen einer Sehschwäche entlassen.

In Kohls Kabinett hatte keiner gedient

Immerhin, mit den Zivis Bodewig und Trittin und dem Ex-Soldaten Scharping hat Schröders Kabinett dem Staate bereits weit mehr gedient als die Regierung Kohl. Denn in der Ministerriege des Altkanzlers habe, sagt "Bild"-Kolumnist Mainhardt Graf Nayhauß, kein einziger Wehrdienst geleistet, geschweige denn Zivildienst.

Verteidigungsminister Scharping: Nach sechs Monaten wegen Sehschwäche entlassen
AP

Verteidigungsminister Scharping: Nach sechs Monaten wegen Sehschwäche entlassen

Aber was der Rest von Schröders Mannen getrieben hat, liegt im Dunkeln. Vier Minister verweigern jede Auskunft über ihre Dienstvergangenheit. Wirtschaftsminister Werner Müller zum Beispiel. Sein Sprecher bürstet die Frage mit dem Satz ab, sein Chef gebe auf solche Fragen "prinzipiell" keine Antwort. Das falle unter den Schutz der "Privatsphäre".

Dabei finden sich auf der Homepage des Wirtschaftsministeriums weitaus privatere Informationen über das parteilose Kabinettsmitglied. Dass Müller verheiratet ist, steht da zum Beispiel, und dass er zwei Kinder hat.

Aber das ficht seinen Sprecher nicht an. Diese Auskünfte lägen alle "im Ermessen" des Ministers. Er wolle eben sein "Privatleben" für sich behalten. Deshalb gehe er auch nicht zu Alfred Biolek in die Sendung.

Auch andere Kabinettsmitglieder geben sich wortkarg, was ihre staatsbürgerlichen Pflichten angeht. Finanzminister Hans Eichel wahrt ebenso Stillschweigen wie Arbeitsminister Walter Riester. Auf den Webseiten der Ministerien findet sich kein Anhaltspunkt.

Ministerschutz oder Wählerrecht?

Muss ein Minister nicht Auskunft darüber geben, ob er Wehr- oder Zivildienst geleistet hat? Hat der Wähler nicht ein Recht zu erfahren, welche Staatspflicht jedes Mitglied seiner Regierung erfüllt hat? Viele Minister und ihre Sprecher antworten mit einem klaren Nein.

Wirtschaftsminister Müller: Staatsdienst gehört zur Privatsphäre
AP

Wirtschaftsminister Müller: Staatsdienst gehört zur Privatsphäre

Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen konservative Vermieter über junge Wohnungsbewerber mit der Frage "Haben Sie eigentlich gedient?" entschieden haben. Aber jeder Jobanwärter schreibt in seinem Lebenslauf, ob er Soldat oder Zivi war.

Möglich, dass ein Minister ausgemustert oder schlicht nicht eingezogen wurde, dass er sich also nicht vor dem Wehrdienst gedrückt hat. Allein um eine Antwort drücken sich viele Schröder-Minister herum. Und nähren so den Verdacht, sie hätten etwas zu verbergen.

Vor allem Joschka Fischer gebärdet sich wieder einmal merkwürdig ungeschickt. Tagelang gab er keine Antwort, nur um schließlich mitteilen zu lassen, dass er keine Auskunft gibt.

Vor ein paar Wochen noch regte sich Fischer über das Wühlen der Journalisten in seiner Vergangenheit auf, jetzt gibt die Pressestelle des Außenministeriums die Anregung, ob man das nicht "auf anderen Wegen" herausfinden könne.

Biografen äußern sich widersprüchlich

Doch in den einschlägigen Nachschlagewerken findet sich kein Hinweis - weder auf der Ministeriums-Homepage, noch im Bundestagshandbuch oder beim Munzinger-Archiv. Und seine Biografen äußern sich widersprüchlich. Nach Auskunft des Fischer-Kritikers Michael Schwelien hat der Ex-Sponti den Wehrdienst verweigert. Dieser Hinweis findet sich auch in der "Tageszeitung" vom Februar 2000.

Hingegen ist sich die dem Außenminister sehr wohl gesonnene Fischer-Biografin Sybille Krause-Burger sicher, dass Fischer wegen einer starken Kurzsichtigkeit von minus neun Dioptrien ausgemustert wurde.

Fischer bei einer Frankfurter Demo: "Ohne Brille wie eine Fledermaus"
DPA

Fischer bei einer Frankfurter Demo: "Ohne Brille wie eine Fledermaus"

Auch das wollte das Auswärtige Amt auf Nachfrage nicht bestätigen. "Wir sind weder eine Augenarztpraxis noch ein Kreiswehrersatzamt, sondern für Fragen der Außenpolitik zuständig", witzelte ein Sprecher.

Sollte Fischer wirklich so kurzsichtig gewesen sein, hätte er ohne Sehhilfe kaum auf die Straße gehen können. Bei minus neun Dioptrien verschwimmt ab zwei Metern Entfernung jegliche Sicht. Sollte sich diese These bewahrheiten, wären sämtliche Vermutungen, er selbst habe mit Molotow-Cocktails auf Polizisten gezielt, hinfällig.

Zwar trägt Fischer auf Jugendfotos eine Brille, doch viele Bilder aus seiner Frankfurter Spontizeit zeigen ihn ohne. Der Kabarettist und ehemalige Weggefährte Matthias Beltz bestätigt, dass Fischer ohne Brille kaum sehen konnte. "Ich habe ihn oft als Fledermaus erlebt, wenn er keine Brille auf hatte."

So bleiben vorerst nichts als Spekulationen und weitere Recherchen. Hat sich Fischer vor seiner Staatsbürgerpflicht gedrückt? Wurde er tatsächlich ausgemustert? Oder hat er den Kriegsdienst verweigert?

Noch 1991, mitten im Golfkrieg, pries Joschka Fischer jene deutschen Männer, die sich dem Kriegsdienst entziehen. Der Vorwurf der Drückebergerei "ist nicht ehrenrührig, der adelt", gab er zu Protokoll. Bis auf weiteres nehmen wir jetzt mal an, er meinte damit auch sich selbst.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback