Zu wenig Nachwuchs Massenruhestand verursacht alarmierenden Ärztemangel

Landärzte im Rentenalter, verwaiste Sprechzimmer - und kein Nachwuchs in Sicht: Fast jeder fünfte niedergelassene Arzt in Deutschland steht vor dem Ruhestand. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt vor akutem Medizinermangel - denn längst nicht jede Praxis wird neu besetzt.

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Hamburg - Dr. Hage Hagemann aus Mecklenburg-Vorpommern hatte von einem geruhsamen Lebensabend geträumt. Ausspannen, mit seiner Frau verreisen, die Enkel besuchen, das stellte sich der Allgemeinmediziner unter seinem wohlverdienten Ruhestand vor. Stattdessen fährt er auch heute noch täglich in seine Praxis in der Kleinstadt Grimmen. Hagemann ist 72.

Junger Landarzt im brandenburgischen Briesen: Eine Ausnahmeerscheinung
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Junger Landarzt im brandenburgischen Briesen: Eine Ausnahmeerscheinung

"Eigentlich haben wir seit 2003 geschlossen", sagt er bitter. "Wir halten die Praxis nur noch den Mitarbeitern zuliebe offen. Und natürlich für Hunderte Patienten, die sonst ohne Arzt auskommen müssten". Seit Jahren sucht Hagemann erfolglos einen Nachfolger. Inzwischen hat er resigniert - spätestens im Herbst will er seine Praxis dichtmachen.

Sprechstunde beim "Herrn Doktor" im Rentenalter, Gemeinden mit verwaisten Behandlungsräumen - besonders für Landärzte ist es schwierig, einen Erben für ihre Praxis zu finden. Und weil Ärzte statistisch betrachtet immer älter werden - über die Hälfte aller niedergelassenen Mediziner ist über 50 - ist die medizinische Grundversorgung in Gefahr, warnt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV).

Laut KBV nähert sich knapp ein Fünftel der Praxisärzte der Pension. Vor 15 Jahren waren es gerade einmal zehn Prozent. Bis 2012 werden sich gut 30.000 Ärzte altersbedingt aus ihrer Praxis zurückziehen, schätzt die Gewerkschaft Marburger Bund. Doch längst nicht jede Praxis wird neu besetzt, warnt Roland Stahl von der KBV: "Nachwuchsärzte von heute zieht es eben eher in Großstädte oder Ballungsräume", sagt Stahl zu SPIEGEL ONLINE. Zudem würden Länder wie Kanada, die Schweiz und Großbritannien dank üppiger Gehälter immer mehr deutsche Ärzte abwerben. "Jungmedizinern ist bewusst, wie gefragt sie sind", so Stahl.

Lauterbach: "Deutschland hat genügend Ärzte"

Dennoch warnt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach vor der voreiligen Diagnose eines Ärzteschwunds. "Ich teile die Sorge der KBV nicht", sagt Lauterbach zu SPIEGEL ONLINE. "Die Ärztedichte in Deutschland ist immer noch deutlich höher als in anderen europäischen Ländern." Lauterbach zufolge gibt es nicht zu wenig Ärzte in Deutschland, "sie sind einfach nur ungerecht verteilt". Während es in vielen Städten ein "massives Überangebot" an Ärzten gebe, seien einige ländliche Regionen ärztefreie Zone. Auf die Selbstverwaltung der Kassenärztlichen Vereinigungen allein dürfe man sich nicht verlassen, sagt Lauterbach: "Wir brauchen eine politische Lösung, die wirtschaftliche Vorteile für Landärzte schafft", so der Politiker.

CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn hingegen rät von zu viel Engagement des Staats ab: "Eine von der Politik diktierte Lösung würde unter den Ärzten kaum akzeptiert werden", sagt Spahn zu SPIEGEL ONLINE. Der Politiker ist "optimistisch, dass wir das Altersproblem in den Griff bekommen" und verweist auf mehrere Modellprojekte, mit denen Länder und Kommunen dem Ärztemangel entgegenwirken wollen.

Ans Haus gefesselte Patienten in Sachsen-Anhalt können seit Anfang 2008 sogenannte "mobile Praxisassistentinnen" in Anspruch nehmen, die im Auftrag eines Hausarztes Blutdruck messen oder Injektionen geben. Auch in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern gehen Arzthelferinnen auf Hausbesuch, überwachen Therapien und führen Vorsorgegespräche.

In Brandenburg sollen aus Osteuropa eingewanderte Mediziner den Ärztemangel mildern - in einem Modellprojekt werden zurzeit 20 russischstämmige Ärzte in einem zehnmonatigen Kurs weitergebildet. Wer sich in Nordrhein-Westfalen verpflichtet, später in eine schlecht versorgte Kommune zu gehen, bekommt während der Ausbildung zum Allgemeinmediziner statt 2000 Euro das Doppelte.

Doch Geld allein reiche nicht, betont Spahn: In erster Linie müssten die Arbeitsbedingungen für Praxisneulinge verbessert werden. "Welche junge Ärztin etwa will auf dem Land eine Familie gründen, wenn sie jedes Wochenende für den Notdienst bereitstehen muss?", kritisiert der Politiker.

Problemzone Provinz

In der Tat schrecken Nachwuchsdoktoren oft vor dem wenig attraktiven Arbeitsalltag als Landarzt zurück - welcher zwar auf dem Land ebenso ernüchternd bürokratisch ist wie in der Stadt, aber noch unbequemer. Als Arzt auf dem Dorf hat man kaum geregelte Arbeitszeiten, muss immer ansprechbar sein. Eine Praxis auf dem Land ist zudem weniger lukrativ, da in ländlichen Regionen weniger Privatpatienten als in der Stadt leben.

Besonders gravierend ist das Altersproblem in Brandenburg: Fast jeder dritte ambulant tätige Mediziner ist laut KV Potsdam 60 Jahre und älter. Doch der Ärztemangel ist längst nicht nur eine ostdeutsche Angelegenheit. Während sich Großstädte vor Anträgen auf Neuzulassungen kaum retten können, werden ländliche Regionen im gesamten Bundesgebiet von Jungmedizinern verschmäht. Nicht nur der Uckermarck, auch der Oberpfalz oder dem flachen Land in Niedersachsen droht ein akuter Ärztemangel, warnt die KBV.

Rosige Stadtporträts als Lockmittel

Mitunter treibt der Mangel an Nachwuchsärzten Länder und Kommunen zu außergewöhnlichen Notfallmaßnahmen. Die sächsische Landesregierung bezuschusst schon mal einen Jungmediziner mit 60.000 Euro, damit er eine Landarztpraxis übernimmt. Das Internetportal hausarzt-in-brandenburg.de wirbt mit ländlicher Alleenidylle: Rosige Stadtporträts ("Forst - eine grüne Stadt mit Charme") sollen Nachwuchsärzte in die Region locken.

Doch die Anreize scheinen nicht überall zu helfen. Die brandenburgische Kleinstadt Görzke etwa muss seit zwei Jahren ohne Hausarzt auskommen. Auch wenn die Gemeinde ein üppiges Geschenkpaket schnürte - inklusive kostenfreier Praxisübernahme, einer prall gefüllten Patientenkartei, mietfreier Räume für fünf Jahre und einer Finanzspritze von 150.000 Euro - hat sich noch niemand gefunden, der den Hausarztjob übernehmen will.

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