Stasi-Unterlagen 111 Kilometer Akten, 1,8 Millionen Fotodokumente - jede Menge Probleme

Was tun mit den Akten der DDR-Geheimpolizei, deren Papier langsam zerfällt? Der Bundestag bat zwei Experten um einen Vorschlag zur "Zukunft der Stasi-Unterlagen" - er dürfte für Kontroversen sorgen.

Außenstelle Neubrandenburg der Behörde für Stasi-Unterlagen
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Außenstelle Neubrandenburg der Behörde für Stasi-Unterlagen


Seit Jahren tobt der Streit um die Zukunft der Stasi-Unterlagen-Behörde, einer der großen Errungenschaften der friedlichen Revolution 1989/90. Nie zuvor in der Weltgeschichte konnten sich Opfer die Akten ansehen, die eine Geheimpolizei über sie erstellt hatte. Doch wie lange braucht das geeinte Deutschland eine solche Behörde? Und was soll aus den Stasi-Papieren werden?

2016 beauftragte der Bundestag zwei Experten, ein Konzept auszuarbeiten, wie man das Stasi-Archiv in das Bundesarchiv integrieren könne: Roland Jahn, Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, und Michael Hollmann, Präsident des Bundesarchivs. Deren Ausarbeitung "Die Zukunft der Stasi-Unterlagen" ist nun abgeschlossen und soll am Mittwoch Bundestagspräsident Wolfang Schäuble übergeben werden. Das Papier liegt dem SPIEGEL vor. Es dürfte - so kurz vor den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen - für Kontroversen sorgen.

Laut dem Konzept sollen die zwölf Außenstellen der Stasi-Unterlagen-Behörde deutlich an Bedeutung verlieren, die noch in Chemnitz, Dresden, Erfurt, Frankfurt (Oder), Gera, Halle, Leipzig, Magdeburg, Neubrandenburg, Rostock, Schwerin und Suhl sitzen. Künftig soll es in jedem neuen Bundesland nur noch eine Vertretung mit einem Archiv geben. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben prüft bereits mögliche Standorte.

Auch in Berlin soll sich alles ändern. Jahn und Hollmann schlagen vor, auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg ein "Archivzentrum zur SED-Diktatur" einzurichten. In dem neuen Zentrum sollen Opfer, Wissenschaftler und Journalisten künftig nicht nur die Papiere des Ministeriums für Staatssicherheit auswerten können, sondern auch die Akten der SED, vieler DDR-Ministerien oder der Massenorganisationen der DDR. Die Bestände liegen im Augenblick im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde.

Minderwertiges Papier zerfällt schnell

Die beiden Experten begründen ihre Vorschläge auch mit dem Zustand des Stasi-Erbes 30 Jahre nach dem Mauerfall. "Da ist Gefahr in Verzug", sagt Präsident Hollmann. Es geht um insgesamt 111 Kilometer Akten, ca. 1,8 Millionen Fotodokumente sowie rund 2800 Filmdokumente. Die Stasi-Unterlagen-Behörde nutzte nach der Wende Gebäude der Stasi, die sofort zur Verfügung standen.

Die Frage, ob Unterlagen dort angemessen gelagert werden können, spielte keine Rolle. So verfügt bis heute nur die Außenstelle der Stasiunterlagenbehörde in Halle über eine "Klimatisierung in den Archivräumlichkeiten". Sicher ist das Stasi-Erbe dort allerdings auch nicht: Die Außenstelle liegt in einem Hochwassergefährdungsgebiet.

Hinzu kommt die schlechte Papierqualität der Akten: Die Geheimpolizisten der DDR tippten nach Angaben von Jahn und Hollmann weit überwiegend auf "säurehaltigen, qualitativ minderwertigem Papier"; ein solches Papier zerfällt schnell. Viele Unterlagen sind durch den täglichen Dienstgebrauch der Stasi beschädigt.

Bundestag sollte sich rasch entscheiden

Hollmann und Jahn hoffen darauf, dass das Bundesarchiv aufgrund seiner langjährigen Erfahrung im Umgang mit altem Papier die Stasi-Akten dauerhaft sichern kann. Beide wünschen sich eine "zeitnahe Entscheidung" des Bundestags zu ihren Vorschlägen.

Sowohl die Stasi-Unterlagen-Behörden als auch das Bundesarchiv unterstehen Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die ihre Zustimmung zu dem Konzept bereits signalisiert hat. Ginge es nach Grütters, wäre die "Überleitung des Stasi-Unterlagen-Archivs in das Bundesarchiv" bis Ende 2021 erledigt.

Anmerkung: In einer älteren Version hieß es, die zwölf Außenstellen würden gestrichen. Wir haben die Passage angepasst.



insgesamt 24 Beiträge
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brooklyner 12.03.2019
1.
Glasplatte, Digitalkamera drüber, Aktenseiten drunter, Foto machen, in den Rechner laden, Software Fotografiertes in editierbaren Text umsetzen lassen, der sich dadurch auch leicht auswerten lässt. Problematik erst Mal aufgeschoben. Leute, die das machen können, finden sich ja einfach, z.B. ein paar der 20.000, die Deutsche Bank und Commerzbank freizustellen gedenken. So einfach ist das. Aber das wäre ja zu pragmatisch.
juba39 12.03.2019
2. Eine HALBE Errungenschaft
"...einer der großen Errungenschaften der friedlichen Revolution 1989/90. Nie zuvor in der Weltgeschichte konnten sich Opfer die Akten ansehen, die eine Geheimpolizei über sie erstellt hatte...." Ich weiß nicht, wo Herr Wiegrefe 1989/90 verbracht hat. Aber ich (heute 70) war mittendrin. Und deshalb nur eine HALBE Errungenschaft der friedlichen Revolution. Ich möchte hier daran erinnern, daß der Runde Tisch der DDR die Öffnung der Archive BEIDER Deutschen Inlandsgeheimdienste auf die Tagesordnung stellte. Das die westdeutschen Opfer, und für mich sind die Menschen, die unter dem "Radikalenerlaß" mit Berufsverbot belegt wurden, auch Opfer, eben nicht einbezogen wurden, verdanken wir einem Politiker der noch heute die Strippen zieht. Damals als Innenminister und Verhandlungsführer, heute als Bundestagspräsident. Auch daß es, wie es im Art. 146 GG gefordert wird, "Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist." nicht verwirklicht wurde. Auch DAS gehört für mich zur anderen, unvollendeten Geschichte der friedlichen Revolution. Leider, das zeigen ja auch wieder Diskussionen, wird uns das noch für Generationen anhängen. Eine Unvollendete Geschichte, selbst gemacht.
juba39 12.03.2019
3. Eine HALBE Errungenschaft
"...einer der großen Errungenschaften der friedlichen Revolution 1989/90. Nie zuvor in der Weltgeschichte konnten sich Opfer die Akten ansehen, die eine Geheimpolizei über sie erstellt hatte...." Ich weiß nicht, wo Herr Wiegrefe 1989/90 verbracht hat. Aber ich (heute 70) war mittendrin. Und deshalb nur eine HALBE Errungenschaft der friedlichen Revolution. Ich möchte hier daran erinnern, daß der Runde Tisch der DDR die Öffnung der Archive BEIDER Deutschen Inlandsgeheimdienste auf die Tagesordnung stellte. Das die westdeutschen Opfer, und für mich sind die Menschen, die unter dem "Radikalenerlaß" mit Berufsverbot belegt wurden, auch Opfer, eben nicht einbezogen wurden, verdanken wir einem Politiker der noch heute die Strippen zieht. Damals als Innenminister und Verhandlungsführer, heute als Bundestagspräsident. Auch daß es, wie es im Art. 146 GG gefordert wird, "Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist." nicht verwirklicht wurde. Auch DAS gehört für mich zur anderen, unvollendeten Geschichte der friedlichen Revolution. Leider, das zeigen ja auch wieder Diskussionen, wird uns das noch für Generationen anhängen. Eine Unvollendete Geschichte, selbst gemacht.
Sleeper_in_Metropolis 12.03.2019
4.
Vor allem finde ich es tragisch, das auch Jahrzehnte nach dem Ende von DDR&Stasi ein Großteil der Akten immer noch nicht gesichtet und zugänglich gemacht wurden. Noch schlimmer steht es wohl um die geschredderten Akten : Immer mal wieder liest man von sensationellen, automatisierten Scannern, die Aktenschnipsel automatisch ordnen, aber tatsächlich zu passieren scheint da wenig. Natürlich ist der Aktenberg riesig, aber warum hat man den Eindruck, das es da extrem langsam voran geht ? Ein Trugschluss ? Wird das Stasi-Erbe einfach nur Stiefmütterlich behandelt ? Oder ist das politisch gewollt, weil manche Politiker ( auch im Westen) etwas zu verbergen haben ?
ambulans 12.03.2019
5. es
wäre schon längst angebracht gewesen, diese akten beiseite zu legen (also: nicht mehr für "gewisse" zwecke auf vorrat zu halten, liebe ex-DDR'ler!) und, in der sache, eine art "allgemeine amnestie" durch unser parlament, den bundestag zu verkünden: der allgemeine rechtsfriede hätte es wenigstens gedankt. übrigens: wenn auch nur ein bruchteil dieses verfolgungseifers, den einige immer noch die-DDR-war-der-einzige-unrechtsstaat-auf-deutschem-boden auf alle ewigkeiten-verfolger sich gegen den wirklichen deutschen unrechtstaat - nämlich die "tausend jahre" zwischen 1933 bis 1945, gerichtet hätte, wären wir (selbst heute) erheblich weiter ...
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