Zukunftskonvent der SPD Chancenschlacht mit Scheitergarantie

Die beste Schule, viele Sprachen, schnelle Karriere: Die SPD debattiert auf ihrem Zukunftskongress über Bildungschancen, die für alle gelten und jedem nutzen sollen. Doch die Formel geht nicht auf - das Angebot der unbegrenzten Möglichkeiten überfordert einen Teil der Gesellschaft.

Von Franz Walter


Göttingen - Die gebeutelten Sozialdemokraten laden am Samstag nach Nürnberg zu einem Zukunftskonvent ein. Dort geht es wieder einmal um den "Vorsorgenden Sozialstaat und gleiche Lebenschancen". Längst ist in der SPD die Formel von der "Chancengesellschaft" an die Stelle des alten Slogans vom "demokratischen Sozialismus" getreten.

Deutsche Studenten: Wo die einen Chancen ergreifen, scheitern die anderen
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Deutsche Studenten: Wo die einen Chancen ergreifen, scheitern die anderen

Aber auch nahezu alle anderen tragenden Formationen der Republik, von den Grünen bis zu den Liberalen, von Christdemokraten bis zu den Gewerkschaftern, von Kirchen bis zu Unternehmerverbänden hängen apodiktisch der neuen Zauberformel des frühen 21. Jahrhunderts an: "Chancen durch Bildung". Das generelle Credo heißt "Alle Bildungspotentiale müssen ausgeschöpft werden." Denn: "Der Wohlstand und das Funktionieren unseres Landes hängen davon ab."

Nun ist die projektierte "Chancengesellschaft" natürlich nicht ohne Sinn und Basis. Mehr noch: Es spricht in der Tat einiges dafür, dass das 21. Jahrhundert von vielen Bürgern als ein Jahrhundert ganz ungewöhnlicher Chancen, Perspektiven, Optionen wahrgenommen und genussvoll ausgelebt wird.

Doch in der Chance lauert für andere das Menetekel des Scheiterns. So ist zu erwarten, dass das 21. Jahrhundert zugleich ein Jahrhundert des Versagens, der Überforderung, auch - für viele - des Nicht-Dabeiseins ist, wenn Chancen ergriffen werden.

Die niederländischen Politologen René Cuperus und Frans Becker sehen die mitteleuropäischen Gesellschaften künftig gespalten in solche, die die Zukunft "umarmen" möchten, da sie ihnen vielfache und spannende Möglichkeiten bieten, und andere, die sich vor dieser Zukunft zutiefst fürchten, da sie ganz realistisch ahnen, dass ihnen die neue Gesellschaft außer lebenslanger Dürftigkeit nichts Gutes bringt.

Demütigung, Versagen, Scheitern

In dieser Gruppe des bildungsbenachteiligten unteren Fünftels der Gesellschaft löst die Formel "Chancen durch Bildung" weder Hoffnung noch Enthusiasmus aus. Dort verbindet man mit "Bildung" nicht Perspektive, sondern Demütigung, Versagen, Scheitern - letztlich die Alltagserfahrung des Abgehängtseins gegenüber denen, die stets leichter lesen, besser rechnen, problemlos fremde Sprachen lernen konnten. Neuere Studien des Heidelberger Sinus-Sociovision dokumentieren das drastisch: Bildung gilt in den unteren Schichten als Offenbarungsort eigener Defizite, als erinnerte Sphäre von Frustration, Minderwertigkeit, Ohnmacht und Überforderung, ja: Chancenlosigkeit.

In der Mitte der bundesdeutschen Gesellschaft wiederum hat sich im Kampf um Chancen über Bildung nunmehr eine erbarmungslose Rivalität aufgetan. Die Familien im sozialen Zentrum erscheinen im Zuge des allgegenwärtigen Wettbewerbsdrucks derzeit geradezu von der Furcht gepeinigt, dass sie für ihre Kinder lebensentscheidende Gelegenheiten verpassen, die Weichen für künftige Karrieren ihres Nachwuchses nicht rechtzeitig stellen könnten.

In der gnadenlosen Konkurrenz um Chancen grenzen sich die verschiedenen Elternmilieus schroff voneinander ab, verhindern entschlossen, dass ihre Kinder mit dem Nachwuchs der jeweils mindestens subjektiv unter ihnen verorteten Schichten in Kontakt geraten. Das klassische Bildungsbürgertum achtet neuerdings mehr als in den vergangenen drei Jahrzehnten darauf, dass ihre Sprösslinge nicht mit den "Parvenüs" aus dem Mittelstand ihre Freizeit verbringen. Und die kleinbürgerliche Mitte sperrt sich schroff gegen Familien aus der "Underclass".

Wer nicht mithält, hat verloren

So zeichnet sich bereits jetzt deutlich ab, dass die "Chance" keineswegs in die "soziale Gesellschaft" führt, sondern als individualisiertes Prinzip eher in eine zunehmend tribalistische Gesellschaft scharf abgegrenzter Schichten und Lebenskreise führt. Auch wenn die Kinder des unteren Fünftels durch Frühförderung und Ganztagsschulen künftig chancenfähig gemacht würden - was unzweifelhaft das Ziel jeder demokratischen Gesellschaft sein muss - entsteht dadurch allein noch keineswegs eine gute, gerechte, zivile Gesellschaft.

Im Gegenteil: Der offene Zugang zu Chancen in einer ansonsten strukturell unveränderten Gesellschaft mit riesigen Einkommensdifferenzen, Machthierarchien, Klassenunterschieden, Distinktionen in Rang, Reputation und Renommee wird zu einem gnadenlosen Ringkampf um weiterhin privilegiert angesiedelte Positionen führen. Wer in dieser individualisierten Schlacht durch rigide Chancennutzung nicht mithält, hat rundum und für allemal verloren.

Bildung ist die Heilsvision säkularer Gesellschaften, so der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann, "gleichzeitig aber auch ein falscher Trost für schamlos so genannte Modernisierungsverlierer, die, weil ohne Bildung, damit auch an ihrem Schicksal selber Schuld waren." Denn nun gelten Bildungsabständige als "gerecht" gescheitert, weil sie im "fairen Chancenwettbewerb" versagt haben, also selbst für ihr negatives Schicksal verantwortlich sind, genauer: gemacht werden.

"In der Realität kann man dieses Dilemma nicht lösen"

Die moderne Chancengesellschaft, die den Kontext der alten Klassensolidaritäten oder religiös inspirierten Zuwendungen wie Barmherzigkeiten hinter sich lässt, wird eine ziemlich kalte und rohe Angelegenheit sein. Sie wird massenhaft Scham erzeugen, zum Verlust der Selbstachtung beitragen, Ungleichheit auf paradox demokratische Weise verfestigen und legitimieren.

Der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch wundert sich daher, dass viele Politiker auch der Linken vom Thema Bildung geradezu "besessen" sind. Aus deren Sicht sind gut ausgebaute und offene Bildungssysteme der Königsweg zu mehr vertikaler Mobilität. "Doch", so Crouch, "da nur eine Minderheit in den Genuss des sozialen Aufstiegs kommen kann und dieser sich überdies nur in Konkurrenz zu allen anderen realisieren lässt, ist es eigentlich merkwürdig, dass ausgerechnet diese Strategie als Lösung für alle Probleme des Lebens empfohlen wird. In der Realität kann man dieses Dilemma nicht auflösen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
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Herrmann, 30.05.2008
1. Chanchengleichheit
wird immer ein Ziel sein, dass anzustreben sich lohnt,dass eine Ganztagsschule ein "Zielmittel" ist, ist unbestritten, ebenso andere soziale Maßnahmen. So wird es sie immer geben die Abgehängten, ich kenne da keine Patentlösung
tomrobert 30.05.2008
2. Trostlose Zukunft
die der Autor da aufzeigt.Bildung ist Eigenkapital.Zynisch,dass gerade Arbeitslosen und schwachen Familien diese Bildung vorenthalten wird.Natürlich ist die sozial sicher Einbettung und ein Herauslösen der Kinder aus bildungsfernen Schichten auch essentiel für Demokratie und ihre immer schwieriger werdenden Entscheidungsprozesse. Gerade das wird von der Politik nicht geleistet.Es wird zwar darüber geredet, was man alles machen möchte, getan wird nichts. An der Bildung aber hängst wirklich. Bildung ist auch Training, nicht nur Wissen.Nur so können , wenn auch nicht sofort,Schichten überwunden werden.
Diddl, 30.05.2008
3. Guter Artikel
Der sehr gute Artikel von Professor Walter bringt mich zum nachdenken. Oft schreibt er sehr allgemein, aber diesmal legt er den Finger in die Wunde. Chancengleichheit heißt auch die Chance zu haben zu versagen und nun ist man auch noch selbst schuld daran. Andererseits muss eine möglichst gute Aneignung von Bildung das Ziel der Gesellschaft bleiben. Was mit denjenigen passiert die dazu nicht in der Lage ist eine noch nicht zufriedenstellend geklärte Frage.
Newspeak, 30.05.2008
4. ...
Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit gibt es doch gar nicht im heutigen Deutschland... Die unteren Schichten scheitern nicht am Studium, sondern an dessen Finanzierung! Wirkliche Leistungsträger (Krankenschwestern, Facharbeiter z.B.) werden finanziell abgestraft, Geldvernichter (Manager, Berufspolitiker) sichern sich ihre Privilegien! Es ist einzig und allein das Geld, das heute den sozialen Status in dieser Gesellschaft bestimmt...das Thema Bildung ist die Nebelkerze derjenigen, die von dieser Tatsache ablenken wollen.
wassolldas1 30.05.2008
5. Ein bisschen einseitig...
... und zwar nicht nur der Artikel von Herrn Walther, sondern die Bildungsdiskussion als solche. Es ist immer nur die Rede von Mathematik, Sprachen, Ingenieurswissenschaften usw. Was mich stört, ist diese streng utilitaristische Herangehensweise an das Thema Bildung. Bildung ist, was der Industrie nützt. Es ist aber klar, dass nicht jeder für diese Art Bildung das Talent hat. Da nützt auch die beste Frühförderung nichts. Zu meiner Zeit hieß es noch, der Besuch eines Gymnasiums solle auch zur Ausbildung einer unabhängigen Denkweise befähigen, zu Geschmack, zu kulturellen Fähigkeiten und zu erweiterten sozialen Kompetenzen. Dazu gehören das Erlernen von Kulturtechniken ebenso wie Medienkompetenz und eine solide Allgemeinbildung. Dieses Bildungsideal scheint mir zunehmend verloren zu gehen, obwohl es heute nötiger zu sein scheint als je zuvor - wenn man sich die heutigen Absolvent/innen höherer Bildungseinrichtungen so ansieht, die dann in FlipFlops und Strandoutfit in die Universitäten schlappen und Niveau für eine Creme halten. Statt immer mehr Mathematik und Naturwissenschaften in die Stundenpläne zu pumpen, wäre es viel nötiger, wieder einmal auf die Ideale der humanistischen bildung zurück zu greifen - und diese ALLEN Schülern, quer durch alle Bildungs- und Einkommenschichten zugute kommen zu lassen. Weg mit dem jetzigen dreigliedrigen Schulsystem, hin zu einer späteren Selektion - und eine integrative Förderung von so vielen Kindern wie möglich. Aber sind wir ehrlich: das kostet sehr viel Geld. Und ohne eine bundesweit zentralisierte Bildungspolitik ist so etwas ebenfalls nicht zu bewerkstelligen. Andere Länder können es ja. Siehe unsere Nachbarn im Norden Europas oder auch Kanada, siehe Spiegel-Artikel vom 4. Dez. 2007 (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,520573,00.html) Das Geheimnis: Man geht optimistisch an die Sache heran, man versucht zumindest, so viele Schüler wie möglich so weit wie möglich zu bringen. Mit dem Pessimismus eines Herrn Walther ist einer solchen humanistischen Form der Schulpolitik sicher nicht gedient.
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