Zukunftsvisionen: Zwei Genossen im Wunderland

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Das macht die Politik aus unserem Staat: Das Hamburger Miniaturwunderland hat sechs Landschaften nach den Visionen der Parteien gestaltet. SPD-Chef Müntefering und Arbeitsminister Scholz zeigen sich bei einem Rundgang beeindruckt - nur weniger von den Ideen ihrer Partei als von der Modellbahn.

"Utopia": Parteipolitik in Modellform Fotos
REUTERS

Hamburg - Sie stehen wortlos da und staunen. Franz Müntefering, Vorsitzender der SPD, und Bundesarbeitsminister Olaf Scholz beobachten eine Eisenbahn. Der Zug fährt über eine Brücke und verschwindet dann in einem Tunnel, die beiden alten Jungs suchen mit ihren Augen, wo er wohl wieder aus dem Berg kommen wird. Sie besuchen das Miniaturwunderland, eine riesige Modellbahn in der Hamburger Speicherstadt. Und sie gefährden gerade den Zeitplan.

Eigentlich sollten sie nur kurz einen Blick auf die Amerika-Landschaft und das nachgebaute Hamburg werfen, doch die beiden SPD-Politiker haben ihre private Führung verlängert und stehen jetzt mitten im 250 Quadratmeter großen Schweiz-Modell. Ihre Begleiter schauen nervös auf ihre Uhren. Überall blinkt es, mehr als 800 Züge rumpeln über die insgesamt zwölf Kilometer lange Gleisanlage. Ständig brechen simulierte Feuer aus, Rauch steigt dann auf, Sirenen heulen.

Die Wunderland-Betreiber haben die Parteien eingeladen, jeweils einen Quadratmeter Miniaturlandschaft selber zu gestalten, ganz nach den eigenen Idealen. Die Parteien willigten ein und schickten Skizzen, jetzt gibt es sechs verschiedene Zukunftsvisionen. Ab Mittwoch sind die Partei-Dioramen Teil der Ausstellung und sollen den Besuchern Politik näherbringen.

Visionen im Maßstab 1:87

Vorher darf die Parteiprominenz das Ergebnis im Maßstab 1:87 begutachten. Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast war schon da, Dirk Niebel von der FDP, Hamburgs CDU-Bürgermeister Ole von Beust - nun sehen sich Müntefering und Scholz die Modelle an.

Doch die SPD-Männer stehen in der Schweiz und sehen sich ein gut besuchtes Open-Air-Konzert von DJ Bobo an. "Mehr als 20.000 Figuren", sagt Gerrit Braun, der sich das Wunderland mit seinem Zwillingsbruder Frederik ausgedacht hat und durch die Landschaften führt. Dicht drängen sich die Figürchen, Müntefering guckt. Am Freitag hat er in Husum die heiße Phase des Wahlkampfs in Schleswig-Holstein eröffnet. Es kamen rund 500 Menschen.

Die zahlreichen Besucher der Anlage lassen sich von den prominenten Gästen nicht stören, eher noch von den Fernsehleuten, die den Blick auf die Modellbahnen verstellen. Einmal erkennt ein kleiner Junge Franz Müntefering, er zupft am Ärmel seines Vaters und flüstert es ihm zu. "Nee", sagt der Vater. "Doch", sagt die Mutter und der Junge nestelt am Jackett von Müntefering herum, weil der direkt vor einem Schalter steht, der etwas blinken lässt.

Steueroase und Extrawurst

Bevor die Sozialdemokraten schauen können, was die Modellbauer aus den Vorgaben der Parteizentrale gemacht haben, müssen sie an den Quadratmetern der anderen Parteien vorbei. Auf einem Nachbau des Brandenburger Tors wurde die Quadriga durch die Bavaria samt Löwen ersetzt, im Tiergarten ist ein Oktoberfestzelt aufgeschlagen, und ein Trachtenumzug marschiert mit dem Transparent "Ein starkes Bayern in Berlin": Die Vision der CSU, für die ursprünglich kein eigenes Modell vorgesehen war, weil die CDU ja schon eins hat. Aber die Bayern forderten eine Extrawurst. "Das kennen wir ja schon", sagt Müntefering und lacht.

"Eine Steueroase mitten in Deutschland", stellt Olaf Scholz fest und deutet auf das Diorama der FDP. Auf dem Marktplatz wird Champagner neben einem Denkmal für die Glühbirne geschlürft, Straßenarbeiter montieren Verkehrsschilder ab. Daneben, bei den Grünen, ragt ein Windrad neben Bio-Bauernhof und Solarzellenfabrik empor. Bei der Linken wird gegen eine Bank demonstriert, und in einem Copy-Shop können andere Parteien politische Forderungen kopieren.

Dann endlich das "Sonnendeck" der SPD, ein Dutzend Häuschen, die an eine langweilige Kleinstadt erinnern. Es gibt eine Straßenbahn, eine Ganztagsschule, zwei Kleingärten. "Schrebergärten finden wir gut", sagt Müntefering und freut sich über die sozialdemokratische Stadt, die aus Zukunft sein soll und nach Vergangenheit aussieht. Er bekommt einen roten Edding in die Hand gedrückt und soll eines der Modellhäuser signieren.

Langeweile auf dem Sonnendeck

"Nimm das Leben, wie es ist, aber lass es nicht so", krakelt er auf den grauen Putz eines Hauses und reicht den Stift weiter. Scholz bekommt das SPD-Bürgerbüro, er schreibt: "Niemand darf am Wegesrand zurückbleiben", ein Satz aus dem Regierungsprogramm der SPD, den der Arbeitsminister schon länger in seinen Reden verwendet.

Zusammen stellen sie das Miniatur-Bürgerbüro zurück auf seinen Platz, mitten in die Idylle mit Hausboot, Karneval der Kulturen und wegen Vollbeschäftigung geschlossener Arbeitsagentur. Ob das nicht das Modell einer mittelmäßigen Stadt mit dem Charme der siebziger Jahre sei, will jemand wissen. "So sehen viele unserer Städte aus", antwortet Müntefering.

Er denkt laut nach. Von der "energiepolitischen Wende" seiner Partei kommt er auf Willy Brandt. "Leben in Frieden in Freiheit", zitiert Müntefering den Übervorsitzenden, er spricht von der Geschichte seiner 146 Jahre alten SPD, von den guten alten Zeiten. Von seiner eigenen Schulzeit kommt er auf die Gründung der Arbeiterbildungsvereine Mitte des 18. Jahrhunderts. Vielleicht ist das alles schon eine Übung für seine nächste Rede. Am Abend wird er in Baunatal bei Kassel erwartet, der Ortsverein Altenbauna feiert sein 100-jähriges Jubiläum.

"Da müssen wir mehr machen"

Dabei soll es hier doch um die Zukunft gehen, um kühne Träume, um Visionen. Der modellgewordene Wunschtraum der SPD: Ein gemütliches Miteinander, ein bisschen Solarstrom und mehr Gleichberechtigung. Müntefering sucht jetzt das Diorama ab. "Sparkasse auch dabei, immer ein gutes Wort zur Sparkasse", sagt er, und: "Kita, da müssen wir noch mehr machen." Olaf Scholz sieht die ganze Zeit über aus, als wüsste er nicht recht, was er sagen sollte. Jedenfalls sagt er nichts und lässt Müntefering immer weiterreden. "Erzieherinnen, da müssen wir mehr machen."

Nach genau einer Stunde im Wunderland machen sie sich wieder auf. "Bedanken wir uns", sagt Müntefering, als er sich bedanken will. Ein paar Meter weiter, in "Knuffingen", brennt es schon wieder. Rauch steigt auf, Sirenen heulen.

Sehen Sie dazu auch die Reportage "Politik in H0 - Wahlkampf im Miniaturwunderland" auf SPIEGEL TV am Sonntag, 6. September, um 22.20 Uhr auf RTL.

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