Zum Tod von SPD-Politiker Scheer: Der grüne Genosse

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Die große Karriere blieb ihm verwehrt, in der SPD war er immer nur Außenseiter. Denn Hermann Scheer folgte einer Vision, die lange nicht ins Parteiprogramm passte - er warb unermüdlich für den Ausbau der erneuerbaren Energie. Jetzt ist Scheer im Alter von 66 Jahren gestorben.

Hermann Scheer: Trauer um einen Querdenker Fotos
dpa

Berlin - Querdenker, Dickschädel, Visionär, Einzelgänger - Hermann Scheer hat sich in seiner politischen Karriere viele Attribute erarbeitet. Lobeshymnen wurden ihm weniger gesungen, dafür legte sich der gebürtige Hesse zu oft mit den Granden der SPD an und erwarb sich so den Ruf eines prinzipientreuen Abweichlers.

Es gibt zwei Sätze von dem überzeugten linken Sozialdemokraten, mit denen sich Scheer wohl am treffendsten selbst beschrieben hat:

"Opportunismus kotzt mich an", lautet der eine.

"Ich bin doch kein Diplomat", der andere.

Für manche Genossen war der promovierte Wirtschaftswissenschaftler pure Provokation. So für Gerhard Schröder, als Scheer 1999 gegen die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg argumentierte und die Nato-Bombardements auf die Zivilbevölkerung im Parteivorstand als Kriegsverbrechen geißelte. "Dann schick mich doch gleich nach Den Haag vor den Internationalen Gerichtshof", blaffte der damalige Bundeskanzler und SPD-Chef und drohte Scheer mit dem Parteiausschluss.

Scheer zog 1980 erstmals in den Bundestag ein; mit Fragen zur Außenpolitik und zur Abrüstung machte er zunächst auf sich aufmerksam. Aber schon bald entdeckte er für sich ein Thema, das ihn die folgenden Jahrzehnte beschäftigte: die regenerative Energie.

1985 schrieb Scheer in seinem Buch "Befreiung von der Bombe" in einem Exkurs über Solarkraft und erhielt Unterstützung von Willy Brandt: "Ich habe keine Ahnung davon, aber ich spüre in den Fingern, dass es das ist", zitierte Scheer einmal in der "Frankfurter Rundschau" die Worte Brandts.

"Sonnengott" und "Solarpapst"

In seiner Partei, die damals noch für Atomkraft war, konnte Scheer nur wenige für die regenerativen Energieformen begeistern. "Solarpapst" nannten ihn manche, andere "Sonnengott", doch darin schwang eher Spott mit als Anerkennung. Schließlich galt ökologisches Engagement lange Zeit auch in der SPD bestenfalls als Orchideenthema: unwichtig und langweilig.

Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 wollte Scheer einen SPD-Kongress zu alternativen Energien organisieren, aber die Partei bremste ihn aus. An einen Wechsel zu den Grünen hat er da dennoch nicht gedacht: "Es ist wichtiger, eine große Partei zu verändern, als eine kleine hinter sich zu haben."

1988 gründete Scheer Eurosolar, eine gemeinnützige Vereinigung für Erneuerbare Energien, und wurde ehrenamtlicher Präsident. Ihr Ziel: die vollständige Ablösung atomarer und fossiler Energiequellen durch erneuerbare. Elf Jahre später wurde Scheer mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet - für seinen "unermüdlichen Einsatz zur weltweiten Förderung der Sonnenenergie", wie es in der Begründung hieß.

Spätestens seit dieser Auszeichnung galt Scheer als international anerkannter Vorkämpfer für die Solarenergie. Das US-Magazin "Time" kürte Scheer zum "Hero for the green century". Auf Öko-Kongressen war er ein gefragter Redner.

In der rot-grünen Bundesregierung war Scheer der entscheidende Mann hinter dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, das zum Vorbild für viele Länder wurde.

In seiner Partei kam Scheer nie in die erste Reihe: Bei der Verteilung von Ministerposten wurde er ignoriert. Wer darüber mit ihm sprach, merkte, dass ihn das wurmte, zugeben wollte er dies öffentlich aber nie. "Ich habe mir meine Artikulationsfähigkeit erhalten und dafür auf Ämter verzichtet", sagte Scheer einmal trotzig.

Freiwilliger Rückzug aus dem SPD-Vorstand

Aus dem Vorstand der SPD, in dem er seit 1993 saß, verabschiedete er sich 2009 aus freien Stücken, durchaus genervt: Er habe keine Lust mehr, "in den SPD-Gremien behandelt zu werden wie ein Außenseiter - obwohl meine Themen in der Gesellschaft längst mehrheitsfähig sind", sagte Scheer damals der "tageszeitung".

Einmal hätte es etwas werden sollen mit einem Ministeramt - aber auch das scheiterte. Für die Landtagswahl 2008 berief die damalige hessische SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti Scheer in ihr Schattenkabinett. Für Wirtschaft und Umwelt sollte er zuständig sein, es wäre ein Superministerium gewesen, mit dem Scheer die Nummer zwei in einer von Ypsilanti geführten Regierung gewesen wäre.

Und er hatte große Pläne für das Land. Die Wind- und Solarenergie wollte der Alt-Linke massiv ausbauen, Atomstrom möglichst schnell durch Strom aus erneuerbaren Energien ersetzen. In der hessischen SPD taten sich damals einige schwer mit der Nominierung, Scheers Öko-Pläne erschienen vielen als ambitioniert.

Die Wahl am 27. Januar 2008 brachte keine klaren Mehrheitsverhältnisse, Ypsilanti strebte eine rot-grüne Minderheitsregierung unter Duldung der Linkspartei an, obwohl sie dies zuvor ausgeschlossen hatte. Scheer galt dabei als wichtigster Berater und Antreiber Ypsilantis. Aber der Plan der Minderheitsregierung scheiterte, weil vier SPD-Abgeordnete ihrer Spitzenkandidatin die Unterstützung verweigerten. Sie sahen in Ypsilantis Verhalten einen Wortbruch. Scheer, der sehr leidenschaftlich werden konnte, tobte.

Wer ihn in dieser Zeit erlebte, traf einen verbitterten Mann.

Wie sehr er den Widerspruch mochte, bewies Scheer erst vor ein paar Tagen, als er sich in einem Gastbeitrag für den "Freitag" mit dem vor wenigen Wochen veröffentlichten Buch "Unterm Strich" von Peer Steinbrück auseinandersetzte - mit dem früheren Finanzminister, der zum rechten Flügel der SPD gezählt wird, hatte sich Scheer in der Vergangenheit häufiger Auseinandersetzungen geliefert. Steinbrücks Buch sei ein "Lehrstück an bigotter Selbstvergessenheit", schrieb Scheer. Der frühere Minister halte sich zugute, Deutschland aus der Finanzkrise manövriert zu haben, dabei habe er "die Lunte der Finanzkrise mitgelegt".

Am Donnerstag starb Scheer im Alter von 66 Jahren an Herzversagen. SPD-Chef Sigmar Gabriel würdigte Scheer als Politiker, "der politische Wirkung auch ohne formale Ämter in Regierung oder Parteien entfaltete - durch seine klaren Argumente, durch seine visionäre Kraft und seine charismatische Erscheinung".

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insgesamt 109 Beiträge
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1. Ein großer Verlust
MasaGemurmel 15.10.2010
Der Tod von Hermann Scheer bewegt mich. Schon in den 80er Jahren ist er mir aufgefallen als jemand, der früher als alle anderen das Potential und Wichtigkeit von erneuerbaren Energiequellem erkannt und vorangetrieben hat. Schon vor vielen Jahren hat er vorgerechnet, daß uns Wind, Sonne und Wasser mehr als ausreichend Energie liefern. Ich hoffe, daß sein Tod nicht dazu führt, daß das Thema in Berlin weniger Gewicht bekommt. Künftige Generationen werden über uns fluchen mit Blick auf CO2-Ausstoß, verseuchte Böden und Meere, ewig strahlenden Atommüll und Umweltkatastrophen. RIP, Hermann Scheer
2. Aktion gegen den Titelmurks
yogtze 15.10.2010
Zitat von sysopDie große Karriere blieb ihm verwehrt, in der SPD war er immer nur Außenseiter. Denn Herrmann Scheer folgte einer Vision, die lange nicht ins Parteiprogramm passte - er warb unermüdlich für den Ausbau der erneuerbaren Energie. Jetzt ist Scheer im Alter von 66 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,723373,00.html
Auch mich hat die Nachricht heute morgen wie aus heiterem Himmel getroffen. Einer der besten SPD- Politiker ist mit ihm verstorben. Sein Einsatz für erneuerbare Energien und soziale Gerechtigkeit müssen fortgesetzt werden - innerhalb der SPD. Ich hoffe, dass Männer seines Schlages bald nachwachsen.
3. wünschte mir wir hätten mehr diesen von charakterstarken Menschen
sukowsky 15.10.2010
wünschte mir wir hätten mehr diesen von charakterstarken Menschen, doch leider sind in der Politik Menschendiamanten nicht gefragt.
4. ****
Carla 15.10.2010
Ich muss sagen, dass ich bei seinen letzten TV-Auftritten teilweise den Eindruck hatte, als ob Scheer schwer alkoholisiert gewesen wäre. Im Nachhinein, also jetzt nach seinem Tod, fragt man sich natürlich, ob das womöglich kein Alkohol, sondern medikamenten- bzw. krankheitsbedingt war. Schade, dass er keinen besseren Abtritt von der Bühne hatte.
5. -
semper fi 15.10.2010
Zitat von sysopDie große Karriere blieb ihm verwehrt, in der SPD war er immer nur Außenseiter. Denn Herrmann Scheer folgte einer Vision, die lange nicht ins Parteiprogramm passte - er warb unermüdlich für den Ausbau der erneuerbaren Energie. Jetzt ist Scheer im Alter von 66 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,723373,00.html
Dass ein Nachruf sich mit Kritik zurückhalten soll, das verstehe ich. Aber muss deshalb gleich in's Gegenteil übertrieben werden? Erst gestern gab es einen SPON-Artikel, der sich (mit Recht) kritisch mit der gnadenlosen Solar-Förderung zu Lasten breiter Bevölkerungsschichten auseinander gesetzt hat. Dort wurde auch - ebenfalls mit Recht - angemerkt, dass die ganze Solartechnologie für einen etwas sonnenarmen Standort wie Deutschland wohl nicht so ganz das Richtige ist. Mit seinem Lobbyismus hat Scheer es immerhin geschafft, aus einen Grünen-Politiker (Asbeck, Solarworld) einen Millionär zu machen. Das war doch 'mal eine richtig fruchtbare Symbiose. Und Scheers Widerstand gegen den "Nachrüstungsbeschluss" kann immer noch bestenfalls naiv genannt werden. Nein, Scheer war kein vorausschauender Politiker, kein Visionär und kein Querdenker. Er war ein Querulant, der mit dem Sonnenzeugs seine Plattform gefunden hat. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
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Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.
Das neue Energiekonzept
Laufzeiten von Atomkraftwerken
DPA
Die Laufzeiten werden um durchschnittlich zwölf Jahre verlängert. Die sieben bis 1980 ans Netz gegangenen Anlagen bekommen acht Jahre mehr, die zehn jüngeren AKW 14 Jahre. Dadurch erhöht sich die von Rot-Grün beim Ausstieg festgelegte Regellaufzeit von 32 auf 40 bis 46 Jahre. Das könnte - je nach Produktion der Anlagen und Strommengenübertrag von stillgelegten Meilern - Atomkraft in Deutschland bis 2040 oder sogar 2050 bedeuten.
Zahlungen der Stromkonzerne
dpa
Die Konzerne müssen eine neue Atomsteuer zahlen, die dem Bund von 2011 bis 2016 fast 14 Milliarden Euro für die Haushaltssanierung bringen soll. Für den Ausbau der Ökoenergie sollen sie zusätzlich eine Sonderabgabe von insgesamt 1,4 Milliarden in einen neuen Ökostromfonds zahlen. Von 2017 an, wenn Steuer und Abgabe ausgelaufen sind, sollen sie langfristig bis zu 15 Milliarden Euro aus ihren Laufzeit-Gewinnen für den Fonds abgeben.
Windkraft
dpa
Über die Staatsbank KfW wird vom nächsten Jahr an der Ausbau von Windparks in der Nordsee gefördert. Die Genehmigungsverfahren werden vereinfacht. Um den Windstrom von der Küste in die Ballungszentren zu bringen, will die Regierung den Ausbau der Leitungsnetze beschleunigen. Dafür will sie nächstes Jahr ein Konzept "Zielnetz 2050" vorlegen.
Kohle
Getty Images
Bei der Stromgewinnung aus Kohlekraftwerken soll die Technik zur Abscheidung und unterirdischen Speicherung des Klimakillers Kohlendioxid (CO2)vorangetrieben werden. Bis 2020 soll es zwei Modell-Kraftwerke geben. So sollen Klimaziele besser erreicht werden.
Energieeffizienz
DPA
Hier will die Regierung mit intelligenten Stromnetzen und mehr Anreizen für Verbesserungen sorgen. Um Verbraucher und Wirtschaft beim Energiesparen zu unterstützen, wird beim Wirtschaftsministerium ein "Effizienzfonds" eingerichtet. Laut Umweltministerium lässt sich durch mehr Effizienz bis zu 50 Prozent Energie sparen.
Kontrolle
REUTERS
Die Regierung will die Fortschritte beim Umbau der Energieerzeugung fortlaufend von Wissenschaftlern prüfen lassen. Alle drei Jahre soll es ein "Monitoring-Verfahren" geben.