Zum Tod von Wischnewski "The work is done"

Als legendärer Troubleshooter erlangte "Ben Wisch" Weltruhm. Sein Meisterstück lieferte er in den siebziger Jahren bei der Befreiung der gekaperten Lufthansa-Maschine "Landshut" ab. Gestern ist der SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewksi im Alter von 82 Jahren in Köln gestorben.

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Hans-Jürgen Wischnewski: In den sechziger Jahren Entwicklunghsilfeminister
DDP

Hans-Jürgen Wischnewski: In den sechziger Jahren Entwicklunghsilfeminister

Hamburg - Es waren dramatische Stunden damals im Herbst 1977. Fünf Tage lang hielten arabische Entführer die "Landshut" in ihrer Gewalt. Nach mehreren Stationen war die Maschine auf dem Flugplatz von Mogadischu gelandet. Das Flugzeug mit Brandsätzen gespickt, die 87 deutschen Urlauber mit Alkohol übergossen, damit sie besser brennen. Deutschland hielt den Atem an.

Hans-Jürgen Wischnewski, damals Staatsminister im Kanzleramt, gelang es mit einer List, die Entführer hinzuhalten: Er ging zum Schein auf ihre Forderungen ein, elf deutsche RAF-Terroristen freizulassen und auszufliegen. So schaffte er es, das Ultimatum der Hijacker bis zur Dunkelheit aufzuschieben, damit die GSG-9 bessere Chancen bei ihrer Befreiungsaktion hatte.

Wischnewski-Briefmarke: Eine Ehre von  Jassir Arafat zum 75. Geburtstag für den Deutschen
Bundesdruckerei

Wischnewski-Briefmarke: Eine Ehre von Jassir Arafat zum 75. Geburtstag für den Deutschen

Als Wischnewski schließlich im Kanzleramt anrief und den berühmten Satz "the work is done" in den Hörer sprach, schossen sogar dem sonst so kontrollierten Kanzler Helmut Schmidt die Tränen in die Augen.

Die Aktion in Somalia war das Glanzstück in der bewegten Karriere von "Ben Wisch" - aber bei weitem nicht die einzige herausragende Leistung. Er hatte weit verzweigte Kontakte in die arabische und lateinamerikanische Welt. Häufig nutzte er sie, um Menschen aus bedrohlichen Situationen zu helfen.

Das erste Mal passierte das 1970, als eine Splittergruppe der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO drei Flugzeuge in ihre Gewalt brachte. An Bord der Maschinen waren auch Deutsche. Damals lernte er Jassir Arafat kennen, der sich ebenfalls für die Befreiung der Geiseln einsetzte.

Arafat war sein enger Freund

Mogadischu 1977: Wischnewski und GSG-9-Chef Wegener
AP

Mogadischu 1977: Wischnewski und GSG-9-Chef Wegener

Bis zu Arafats Tod im November vergangenen Jahres hielten die beiden Politiker engen Kontakt. Gemeinsam mit Außenminister Joschka Fischer nahm Wischnewski als Vertreter Deutschlands am Begräbnis des Palästinenserpräsidenten teil.

Mit seiner markanten großen Bille und der knarzenden Stimme war er an vielen Krisenherden der vergangenen vier Jahrzehnte anzutreffen: 1978 schaffte er es, die völlig verhärteten Fronten im Tarifstreit des Druckgewerbes aufzuweichen. 1985 trug er in El Salvador entscheidend zum Austausch der von Rebellen entführten Tochter von Präsident José Napoleón Duarte, Inés, bei. Ein Jahr später gelang ihm als Vermittler in Nicaragua, acht Deutsche frei zu bekommen, die von den Contras entführt worden waren.

In Lateinamerika wurde der umtriebige Deutsche unter dem Spitznamen "Commandante Hans" bekannt.

Bei Saddam in Bagdad 1993: Wischnewski setzte sich für den Deutschen Kai Sondermann ein
AP

Bei Saddam in Bagdad 1993: Wischnewski setzte sich für den Deutschen Kai Sondermann ein

In Teheran und Beirut setzte er sich 1987 für die Freilassung der entführten deutschen Manager Rudolf Cordes und Alfred Schmidt ein. Im gleichen Jahr nahm er auf Bitten der nicaraguanischen Regierung an den Waffenstillstandsverhandlungen mit den Contras teil. 1993 erreichte Wischnewski in Bagdad die Freilassung des Deutschen Kai Sondermann aus irakischer Haft.

Geld der Rebellen lag auf seinem Sparkassenkonto

Die Kontakte Wischnewskis in die weite Welt begannen Ende der fünfziger Jahre bei einem Besuch der algerischen Exilregierung - damals war er Juso-Chef. Während des Unabhängigkeitskrieges unterstützte er den Widerstand und bewahrte sogar das Geld der Freiheitskämpfer für kurze Zeit auf seinem Sparkassenkonto in Köln auf. Nach der Unabhängigkeit revanchierten sie sich. Wischnewski sagte später einmal: "Die Algerier haben mir die gesamte arabische Welt geöffnet."

Die Kontakte blieben bis heute bestehen und sein Wort zählte dort noch immer. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder nahm den über Achtzigjährigen im Oktober vergangenen Jahres noch mit nach Tripolis, zum heiklen Staatsbesuch beim libyschen Diktator Muammar al Gaddafi. Der begrüßte den kleinen alten Mann euphorisch mit den Worten "my friend" und einer herzlichen Umarmung.

Wischnewski und Arafat: Die beiden Weggefährten hatten Weihnachten zusammen feiern wollen
DDP

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Wischnewski gehörte zu den einflussreichsten Politikern der sozial-liberalen Koalition. Er war Bundesgeschäftsführer der Partei, unter Helmut Schmidt Staatssekretär im Außenministerium und später Kanzleramtsminister. Aber sein damaliger Wunsch, Außenminister zu werden, blieb ihm aus Koalitionsgründen stets verwehrt.

Koalitionsräson stoppte seinen Aufstieg zum Außenminister

1985 legte er seine Parteiämter nach einem deftigen Streit mit dem damaligen Fraktionschef Hans-Jochen Vogel nieder, dem er das Etikett "Oberlehrer" angeheftet hatte. 1990 zog er sich auch aus dem Bundestag zurück.

Doch zur Ruhe setzten konnte sich der Beamtensohn aus Ostpreußen nicht: 2003 stieg er nocheinmal als Unternehmensberater ins Berufsleben ein. Er stellte für deutsche Firmen Kontakte im arabischen Raum her.

Noch Mitte Feburar war er vital zum politischen Aschermittwoch seiner Partei mit Bundeskanzler Gerhard Schröder in Köln erschienen und von den Genossen gefeiert worden. Der Zusammenbruch wenige Tage danach und sein Tod kamen für Angehörige und Wegbegleiter völlig überraschend.



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