Zum Tode Paul Spiegels "Er war ein großer Brückenbauer"

Mit Paul Spiegel ist womöglich der letzte Präsident des Zentralrates der Juden gestorben, der ein Überlebender des Holocaust war. In seiner Amtszeit kämpfte er gegen die Fremdenfeindlichkeit und für die Integration zugewanderter Juden aus Osteuropa. Sein Nachfolger steht vor einer Herkules-Aufgabe.


Hamburg - Wo sein Zuhause war, daran hat Paul Spiegel nie einen Zweifel gelassen: "Ich würde nicht in Deutschland leben, wenn ich nicht gerne hier leben würde", sagte der als "rheinische Frohnatur" geltende Mann einmal.

Als er im Jahr 2000 die Nachfolge des verstorbenen Ignatz Bubis antrat und Präsident des Zentralrats der Juden wurde, begannen für die Organisation schwierige Zeiten. In den Gemeinden kam es zu einem Generationswechsel, es gab Spannungen zwischen Traditionalisten und Reformern, hervorgerufen durch die starke Zuwanderung osteuropäischer Juden. Heute haben gut 80 Prozent der 110.000 Juden in den 102 Gemeinden ihre Wurzeln im Osten. Das Geld ist knapp, ebenso die Zahl gut ausgebildeter, möglichst russisch- sprachiger Mitarbeiter und Rabbiner - die Zentrifugalkräfte sind immens.

Zugleich sah sich Spiegel mit einer Zunahme rechtsextremer Gewalttaten und des Antisemitismus konfrontiert - und warnte unermüdlich, die demokratische Gesellschaft dürfe nicht wegsehen. Große Aufmerksamkeit erregte der "zornige Versöhner", wie ihn eine Zeitung betitelte, am 9. November 2000 auf einer Kundgebung in Berlin anlässlich des Jahrestags der Pogromnacht 1938. Er forderte deutliche Signale der nichtjüdischen Bevölkerung, dass sie "uns und unsere jüdischen Gemeinden in diesem Land haben wollen".

Vier Jahre später warnte Spiegel nach den Wahlerfolgen von DVU und NPD in Brandenburg und Sachsen, das "braune Gedankengut" sei "längst wieder salonfähig" geworden. Es gebe überall in der Gesellschaft Sympathisanten, "bis hinein in die vermeintlich demokratische Mitte der etablierten Parteien".

Das Augenmaß verlor Spiegel bei aller Kritik nie. Dazu passt, dass er im Juli 2001 beim öffentlichen Gelöbnis der Bundeswehr im Bendler-Block im Berliner Tiergarten, dem Sitz des Heeresoberkommandos im Dritten Reich, als erster Repräsentant der Juden in Deutschland teilnahm und die Bundeswehr als einen "Teil unserer rechtsstaatlichen Demokratie" bezeichnete.

Von Insidern wird am ehesten Zentralrats-Vizepräsident Salomon Korn als der "natürliche" Nachfolger Spiegels gesehen, der die schwierigen Aufgaben der Zukunft übernehmen könnte. Der 1943 in Polen geborene Frankfurter Architekt und Akademiker vereinige Elan mit Intellekt, heißt es. Er war bereits nach dem Tod von Ignatz Bubis als oberster Repräsentant der Juden im Gespräch. Mehr als ein Jahrzehnt älter als Korn ist Vizepräsidentin Charlotte Knobloch (München), was ihre Wahlchancen deutlich mindern dürfte. Kaum jemand rechnet damit, dass aus den Reihen der jüngeren Generation, wo zum Beispiel in Frankfurt oder München ebenfalls "fähige Leute" gesehen werden, binnen weniger Monate Kandidaten für das wichtige Amt aufgebaut werden können.

Angst vor den "Riesen, die Kinder umbringen"

Am 31. Dezember 1937 im münsterländischen Warendorf geboren, musste Spiegel als kleiner Junge mit seinen Eltern und seiner Schwester Roselchen aus dem münsterländischen Warendorf vor den Nazis nach Belgien fliehen. Der Einmarsch der Wehrmacht riss die Familie auseinander. Vater Hugo, ein Viehhändler, überlebte die Konzentrationslager Buchenwald, Auschwitz und Dachau, während Roselchen, 1942 verschleppt, in einem Konzentrationslager ums Leben kam.

Die Mutter schaffte es, unterzutauchen und ihren Sohn bei einer katholischen Bauernfamilie unterzubringen. Paul wurde als "Verwandter aus Deutschland" ausgegeben und besuchte jeden Sonntag die Messe in der Dorfkirche. Bis zuletzt besaß er als Erinnerung an seine Retter einen Rosenkranz, den er "wie einen Augapfel" hütete.

Als Paul Spiegel sieben Jahre alt war, kam er mit seinen Eltern wieder zusammen. Vor der Rückkehr nach Deutschland hatte der Junge zunächst Angst, weil es dort nach seiner Vorstellung "Riesen gibt, die jüdische Kinder umbringen". Nur langsam gewöhnte sich der junge Paul Spiegel, der aus alter Gewohnheit zunächst nur Französisch sprach, an seine alte Heimat. Jahrzehnte später erhielt er die Ehrenbürgerwürde von Warendorf und - neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen - auch das Bundesverdienstkreuz.

Anfänge als Redakteur, dann Künstler-Agent

Seine berufliche Laufbahn begann er 1958 als Redakteur bei der "Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung", später arbeitete Spiegel als politischer Korrespondent bei verschiedenen Zeitungen. Schon früh begann sein Engagement im Zentralrat der Juden. Seit den sechziger Jahren übernahm er verschiedene Ämter im Dachverband der jüdischen Gemeinden, bis er 1993 einer der zwei stellvertretenden Präsidenten des Zentralrats wurde.

In den achtziger Jahren hatte Spiegel in Düsseldorf eine internationale Künstler-Agentur eröffnet. Er vermittelte Feuerschlucker, organisierte bunte Abende und zog für Showstars oder Musiker Aufträge an Land. Als er 2000 auf Bubis folgte, zog er in seinem Hauptberuf aber nur noch im Hintergrund die Strippen. Fortan war Spiegel, der Geselligkeit über alles schätzte, in gepanzerten Limousinen und mit Bodyguards unterwegs und musste damit leben, dass vor seinem Wohnhaus in einer kleinen Straße im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel rund um die Uhr Dutzende von Polizisten patrouillierten.

Politisch verortete sich Spiegel, der den verstorbenen Altbundespräsidenten Johannes Rau zu seinen Freunden zählte, als "nicht rechts, nicht links". Zentraler Punkt im Leben des Klassik-Liebhabers blieb ungeachtet zahlreicher Ehrenämter stets seine Familie. Trotz seiner zahlreichen Termine sorgte er dafür, dass er abends heim zu Frau und zwei Kindern kam: "Am schönsten und entspannendsten ist es für mich, alleine zu sein mit meinen drei Frauen - zu Hause oder bei Spaziergängen entlang des Rheins in Düsseldorf."

"Er mahnte, wo viele stumm blieben" - die Würdigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel drückt aus, was das Leben und die Arbeit Spiegels bestimmte. Sein Tod im Alter von nur 68 Jahren kam für viele überraschend, obwohl er schon seit Februar schwer krank war. "Es wird sehr schwer, ihn zu ersetzen", sagt der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer. "Paul Spiegel war ein großer Brückenbauer, hochgeschätzt über alle Religionen hinweg."

Seine Aufgabe hatte Spiegel noch lange nicht als erfüllt angesehen: Bis vor kurzem noch hatte er vorgehabt, im November für eine weitere Amtszeit an der Spitze des Zentralrats anzutreten.

itz/ddp/AFP/dpa



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