Fachkräfte in Bayern Die Zuwanderungsprofiteure

Spitzenpolitiker der Union gehen gegen "Armutszuwanderung" auf die Barrikaden. Deutschland könne sich das nicht leisten, sagen auch Landräte in Bayern. Doch gerade bayerische Unternehmen profitieren von der Fachkräfte-Migration aus Rumänien und Bulgarien.

Deggendorfer Landrat Bernreiter: "Wir brauchen die jungen Leute"
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Deggendorfer Landrat Bernreiter: "Wir brauchen die jungen Leute"


Hamburg - Seit am Neujahrstag der Arbeitsmarkt der Europäischen Union (EU) auch für Bulgaren und Rumänen vollständig geöffnet wurde, hagelt es Kritik von CDU und CSU. "Sozialschmarotzer" werden befürchtet, CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer warnt vor "Armutseinwanderung". Und das, obwohl gerade Bayern von Bulgaren, Rumänen und anderen EU-Bürgern profitiert. Nur eben von Fachkräften.

"Wir brauchen die jungen Leute und heißen alle willkommen", sagt Christian Bernreiter, CSU-Landrat im Landkreis Deggendorf am Rande des Bayerischen Waldes. Vor drei Jahren leierte er eine Kooperation mit Bulgarien an, 31 Auszubildende lernen seitdem in seinem Landkreis. Noch in diesem Jahr sollen die ersten Maurer, Straßen- und Betonbauer sowie Azubis im Bereich Gastronomie ihre Abschlussprüfung bestehen.

Mit einer Arbeitslosenquote von 2,7 Prozent verzeichnet Bernreiter in seinem Landkreis nahezu Vollbeschäftigung, im November blieben über 400 Ausbildungsplätze unbesetzt. Unversorgte Jugendliche gebe es durch den demografischen Wandel nicht, deshalb habe er die Kooperation mit der Stadt Burgas in Bulgarien durchsetzen können.

Dass sein Parteichef gegen Migranten aus Bulgarien und Rumänien wettert, stört Bernreiter nicht: Ministerpräsident Seehofer kenne sein Projekt und unterstütze es. Ein Problem seien vielmehr diejenigen Migranten, die sich durch Scheinverträge und Scheinselbständigkeit ins deutsche Sozialsystem mogeln würden. Ein Hintertürchen, das geschlossen werden müsse. "Armutszuwanderung können wir uns nicht leisten", sagt Bernreiter.

Großer Bedarf bei Vollbeschäftigung

"Wichtig ist, dass die Leute, die zu uns kommen, auch willens und fähig sind, etwas für ihren Lebensunterhalt zu tun", sagt auch Hans Rampf, Oberbürgermeister in Landshut in der Metropolregion München. Tausend neue Einwohner verzeichne Landshut pro Jahr. Darunter etwa 13 Prozent ausländische Arbeiter und weitere 20 Prozent mit Migrationshintergrund. Rampf hofft, dass alle nach Tarif bezahlt werden ,schwarze Schafe wolle er jedoch "keinesfalls" ausschließen.

Mehrere hundert Rumänen seien derzeit in Landshut beschäftigt - dank der Städtepartnerschaft mit Sibiu. Die Zusammenarbeit mit dem dortigen deutschstämmigen Oberbürgermeister, Klaus Johannis, schildert Rampf als Geben und Nehmen. "In Sibiu gibt es gute Leute, die wir herholen können", sagt er. Im Gegenzug haben Landshuter Firmen in der rumänischen Stadt Zweigstellen oder ganze Werke angesiedelt.

Die Migranten in Landshut seien relativ gut ausgebildet, "nur die Arbeitseffizienz muss in manchen Bereichen noch angepasst werden", sagt Rampf. Deswegen wolle er die Kooperation mit Rumänien vor allem im Pflegebereich weiterführen. "Das wird eine bunte Gesellschaft", sagt er. "Das ist zwar nicht ganz das, was sich jeder Landshuter gern vorstellt. Aber da müssen sie eben durch."

"Anständige, gute und auch fleißige Menschen"

In Cham in der Oberpfalz hat man sich vom Deggendorfer Ausbildungsprojekt inspirieren lassen. "Bienvenido" heißt es auf der Homepage des Landkreises: "Vielleicht finden Sie Gefallen und wir dürfen Sie schon bald als neue(n) Bürger(in) in einem unserer attraktiven Orte und als neue(n) Mitarbeiter(in) in einem unserer erfolgreichen Unternehmen begrüßen", lautet die Botschaft an spanische Interessierte. Der Text ist auch auf Tschechisch abzurufen.

Über 2000 Fachkräfte aus Tschechien arbeiten im Kreis Cham. Landrat Franz Löffler spricht von "guter qualifizierter Zuwanderung", die dringend gebraucht werde. Die 250 offenen Ausbildungsplätze kann Löffler jedoch nicht mit Tschechen besetzen, da deren Ausbildungssystem nicht kompatibel sei. Deswegen richtete der Chamer Landrat seinen Blick nach Südeuropa. 25 "anständige, gute und auch fleißige Menschen" aus Spanien haben im September 2013 in Cham ihre Ausbildung zum Industriemechaniker sowie im Hotelfach oder in der Pflege angefangen.

Obwohl dankbar für die qualifizierten Fachkräfte aus europäischen Ländern, stimmt auch Löffler der Kritik an der Armutsmigration zu: "Den Missbrauch von Sozialleistung müssen wir kontrollieren und bestehende Regeln sinnvoll anwenden", sagt der CSU-Mann. Sein Ausbildungsprojekt sieht er durch die negative Stimmungsmache nicht gefährdet: "Die Diskussion hat sich noch nicht nach Spanien durchgeschlagen."

Den Missbrauch von Sozialleistungen musste Löffler in seinem Landkreis mit "sehr gut funktionierendem Arbeitsmarkt" bisher nicht bekämpfen. Das sei vielmehr in Großstädten und Ballungsgebieten Thema. Von den 344 rumänischen und 112 bulgarischen EU-Bürgern, die in Cham gemeldet sind, beziehen nur fünf Sozialleistungen. Weitere zwölf sind arbeitssuchend gemeldet, kassieren jedoch kein Geld vom Staat. "Möglicherweise kommen jetzt noch neue Migranten", sagt der Landrat. "Aber dass wir überrumpelt werden, glaube ich nicht."

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littlegirl 17.01.2014
1. Quatsch
was da erzählt wird ist Schönrednerei. Bei der Anzahl Arbeitsloser, Unterbeschäftigter und Ausländer in HartzIV brauchen wir keine Zuwandertung - im Gegenteil. Ich lasse mich ungern für ganz dumm verkaufen. Auf die Veröffentlichung verzichte ich!
sinnfindung 17.01.2014
2. Toll
Zitat von sysopDPASpitzenpolitiker der Union gehen gegen "Armutszuwanderung" auf die Barrikaden. Deutschland könne sich das nicht leisten, sagen auch Landräte in Bayern. Doch gerade bayerische Unternehmen profitieren von der Fachkräfte-Migration aus Rumänien und Bulgarien. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wie-bayern-von-einwanderern-aus-bulgarien-und-rumaenien-profitiert-a-943640.html
"Wichtig ist, dass die Leute, die zu uns kommen, auch willens und fähig sind, etwas für ihren Lebensunterhalt zu tun" Klar. Die Konzerne picken sich die Rosinen raus und können das Lohndumping auch auf die ausdehnen, die derzeit noch ganz gut verdienen. Menschen über 50 werden auch nicht mehr gebraucht. Ab in die Tonne. Der große Rest der Migranten muss von der Allgemeinheit mit durchgeschleppt werden. Das Motto kenne wir ja: "Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren"
ein schelm ... 17.01.2014
3.
Zitat von sysopDPASpitzenpolitiker der Union gehen gegen "Armutszuwanderung" auf die Barrikaden. Deutschland könne sich das nicht leisten, sagen auch Landräte in Bayern. Doch gerade bayerische Unternehmen profitieren von der Fachkräfte-Migration aus Rumänien und Bulgarien. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wie-bayern-von-einwanderern-aus-bulgarien-und-rumaenien-profitiert-a-943640.html
Und wo ist jetzt da der Widerspruch? --> "doch gerade.." Wenn die Schweizer den Anspruch von EU-Ausländern auf Sozialhilfe streichen wird das hier als grandioser Sieg der direkten Demokratie gefeiert und als völlig selbstverständlich erachtet, wenn in D gleiches propagiert wird, wird gleich die Nazi Keule rausgeholt und denjenigen latenter Rasismus unterstellt. Ich kann es nicht mehr hören! Wer zum arbeiten kommt ist herzlich willkommen, wer zum abkassieren kommt nicht. Wo ist da das Problem? Das versteht man sogar in Rumänien!
gerkaiser 17.01.2014
4. Unerträglich
Armutseinwanderung und Zuwanderung von benötigten Fachkräften sind unterschiedliche Themen. Beides miteinander in einem Atemzug zu benennen dient nicht der sachlichen Betrachtung.
nickleby 17.01.2014
5. Fachkräfte jeder Art willkommen
Das ist ein guter Ansatz. Diejenigen, die nichts als ihren Wunsch nach besserem leben mitbringen und nicht qualifiziert sind, können in ihrem Heimatland Sozialleistungen beanspruchen, die auch noch von Brüssel finanziert werden. 50% der Sozialleistungen der gesamten Welt werden an 7% der Weltbevölkerung verteilt, nämlich an die Menschen in Europa. Darum , "Contenti estote, begnügt euch mirt eurem Kommissbrote" ( Schiller, Wallensteins Lager)
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