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Zuwanderung: Deutschland, was bietest du?

Deutschland diskutiert seinen Fachkräftemangel. Nun sollen's Ärzte und Ingenieure aus dem Ausland richten. Dabei tut die Regierung so, als müsste sie sich nur hinstellen und rufen - und schon kämen Hochqualifizierte aus aller Welt angelaufen. Aber warum sollten sie?, fragt Hasnain Kazim.

Kanzlerin Merkel: "Als wärst du das Zentrum des Universums" Zur Großansicht
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Kanzlerin Merkel: "Als wärst du das Zentrum des Universums"

Liebes Deutschland,

du bist ein bemerkenswertes Land: schön und wohlhabend, vielseitig und ziemlich einflussreich. Du hast Europa maßgeblich geprägt, du stehst - verzeih die Klischees - für Tugenden wie Fleiß und Zuverlässigkeit. Deine Ingenieurskunst genießt in der ganzen Welt einen guten Ruf, deine Firmen sind auch auf der anderen Seite des Globus wohlklingende Namen. Kurz: Du hast eine Menge zu bieten.

Gleichzeitig leidest du unter einem gewaltigen Problem: Deine Bevölkerung schrumpft und altert, dein Rentensystem funktioniert deshalb schon im Ansatz nicht. Wieder einmal stellst du fest, dass du zu wenig qualifizierte Arbeitskräfte hast. Diesmal sind es nicht Arbeiter, die du suchst wie damals beim Wirtschaftswunder und die du unter Missachtung der Realität "Gastarbeiter" nanntest. Diesmal sind es Ärzte und Ingenieure. Und wie damals kommst du zu dem Schluss, dass Zuwanderung die Misere lösen soll.

Kürzlich fragte mich ein indischer Software-Ingenieur mit zwei Jobangeboten, für welches er sich entscheiden soll: eines von einem amerikanischen Computerhersteller, das andere von einem deutschen Software-Konzern. "Ich müsste für das eine in die USA ziehen, für das andere nach Deutschland. Was soll ich tun?"

Was soll ich dem Inder empfehlen?

Ich mag dich, Deutschland, und ich würde dir wünschen, dass du deine Probleme nicht hättest. Aber ganz ehrlich: Ich wusste nicht, was ich dem Inder raten sollte.

Deine Sprache, die ich so schätze, ist äußerst schwierig zu erlernen, und die meisten Hochqualifizierten dieser Welt können in Amerika, Kanada, Australien, Singapur, Malaysia, Neuseeland, Skandinavien, ja fast überall in der Welt problemlos mit ihren Englischkenntnissen starten. Nicht aber in dir. Dein Essen ist für die meisten Menschen auf dieser Welt, nun ja, gewöhnungsbedürftig, dein Klima eine Zumutung. Reden wir nicht von deiner Bürokratie. Und glaubst du wirklich, dass dein Sozialsystem, auf das du so stolz bist, irgendeinen Hochqualifizierten zu dir lockt?

Lass mich dich deshalb ganz offen fragen: Was bietest du eigentlich dem asiatischen Programmierer, dem afrikanischen Mediziner, dem Ingenieur aus Südamerika? Wo ist dein "Little Italy", dein "China Town", dein indisches Viertel? Über die türkisch geprägten Stadtteile zum Beispiel in Berlin meckerst du ja nur.

Bist du dir eigentlich bewusst, dass du als Land genauso um hochqualifizierte Zuwanderer werben musst wie eine Firma um gute Mitarbeiter? Dass du also im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe stehst? Dass dein Name und dein Ruf alleine nicht reichen, sondern dass du etwas auf den Tisch legen musst? Dass du eine echte Willkommenskultur brauchst und Vielfalt in jeder Hinsicht zulassen solltest?

Stattdessen diskutierst du darüber, wie die Hürden für Zuwanderung zu senken sind - als wärst du das Zentrum des Universums, zu dem es alle Menschen quasi durch Naturkraft hinzieht. Als wäre es nur an dir, die Schleusen entsprechend zu öffnen, damit die richtige Menge hineinfließt. Du bist, wie gesagt, ganz toll, aber du benimmst dich wie diese Typen, die sich für die großartigsten Kerle der Welt halten und glauben, jede Frau erobern zu können. Ich befürchte, am Ende bleibst du in deiner Selbstüberschätzung alleine mit deinen Problemen, weil du gar nicht merkst, dass dich - außer dir selbst - im Rest der Welt niemand für so unwiderstehlich hält.

Du willst auch etwas von den Einwanderern!

Jahrzehntelang hast du Zuwanderung als etwas Bedrohliches gesehen, hast damit geradezu paranoide Diskussionen wie die im vergangenen Jahr mit Thilo Sarrazin möglich gemacht und für eine feindselige Atmosphäre gesorgt. Und jetzt denkst du, du könntest dich hinstellen, "Fachkräfte!" rufen, und plötzlich kommen sie alle angerannt? Ich habe das Gefühl, du hältst dich durch das Senken von Hürden für Immigration für furchtbar großzügig und gnädig. Derzeit spricht deine Regierung ja mit Vertretern von Wirtschaft und Gewerkschaft. Noch aber liegt das Mindesteinkommen, das Hochqualifizierte aus Nicht-EU-Staaten erzielen müssen, um ein Daueraufenthaltsrecht zu bekommen, bei 66.000 Euro im Jahr. Soll das ein Witz sein? Welcher deutsche Arbeitnehmer verdient zu Beginn seiner Karriere so viel?

Du deutest an, diese Grenze senken zu wollen, ausländische Abschlüsse anzuerkennen und es Menschen mit Berufen, die du dringend suchst, leichter zu machen, zu dir zu kommen. So entfällt seit kurzem die sogenannte Vorrangprüfung bei Ingenieuren und Medizinern, es wird also nicht mehr zuerst nach einem einheimischen Bewerber gefahndet.

Lass dir gesagt sein, dass das nicht reicht. Vergiss nicht: Es sind nicht Wirtschaftsfaktoren, die da kommen, sondern Menschen. Menschen mit eigenen Wünschen und Träumen, Kulturen und Mentalitäten. Sie werden gewiss an sich arbeiten, um dir zu gefallen - aber nicht um jeden Preis. Sie werden ihre Eigenheiten beibehalten, ihre Sprache und Kultur pflegen wollen. Sieh das als Bereicherung, nicht als Bedrohung. Mach diese Menschen zu einem Teil von dir, behandele sie nicht wie Gäste. Denn so, wie sie etwas von dir wollen, willst du schließlich auch etwas von ihnen.

Andernfalls gehen sie in andere Länder, die ihnen diese Freiheit lassen, wo sie es einfacher haben - und wo sie bedingungslos willkommen sind.

Mit den besten Wünschen für deine Zukunft,

Hasnain Kazim

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 457 Beiträge
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1. titel
willhy 05.07.2011
Zitat von sysopDeutschland diskutiert seinen Fachkräftemangel. Nun sollen's Ärzte und Ingenieure aus dem Ausland richten. Dabei tut die Regierung so, als müsste sie sich nur hinstellen und rufen - und schon kämen Hochqualifizierte aus aller Welt angelaufen. Aber warum sollten sie?, fragt Hasnain Kazim. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,772300,00.html
Deutschland braucht keine Zuwanderung....hatte in der Vergangenheit schon vielzuviel......unter leidet darunter!
2. Sagen wir es mal so, bestünde Deutschland nur aus Bayern...
thepunisher75 05.07.2011
Zitat von sysopDeutschland diskutiert seinen Fachkräftemangel. Nun sollen's Ärzte und Ingenieure aus dem Ausland richten. Dabei tut die Regierung so, als müsste sie sich nur hinstellen und rufen - und schon kämen Hochqualifizierte aus aller Welt angelaufen. Aber warum sollten sie?, fragt Hasnain Kazim. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,772300,00.html
...könnten wir wenigstens so tun als wäre das Oktoberfest und Latzhosen attraktiv für Ausländer ! Und betrunkene Minister a la Brüderle normal. ; ) Aber mal im Ernst, Deutschland versaut sich seine Suche nach Auslandskräften gerade selbst, indem es Nörglern und Rechtspopulisten wie Grauweiler und Sarrazin erlaubt ihre Ewiggestrige, Kleingeistige Wut auf Ausländer und Migranten freien Lauf lässt. WARUM sollte ein Ausländer Lust haben in einem Land zu arbeiten, wo manche denken das er dort nur auf Zeit und als "Gast" ist (bedeutet: Gehts Deutschland gut, kannste wieder gehen !) und zugleich Rechtspopulismus wieder im Aufwind ist ? Das wäre so als würde man verlangen das ein Schwarzer in Amerika in einem Burger King arbeitet, der nur von KKK Mitgliedern besucht wird.
3. Was bietest Du?
axelmuller 05.07.2011
Hierarchie, Bürokratie, ...
4. Ich machs nur ohne Titel
dent42 05.07.2011
Dem Text ist nichts mehr hinzuzufügen Problem erkannt....und jetzt? Die latente Xenophobie werden sie denen die darunter leiden nicht austreiben können, Englisch als Landessprache wird auch nichts mehr, von Regierungsseite ist nicht viel zu erwarten, gerade was die Bürokratischen Hürden angeht, liegt da viel in der Hand der Länder und vor allem Kommunen. Es liegt wohl an den Unternehmen selber die Sache in die Hand zu nehmen und die entsprechende Atmosphäre zu schaffen und die Leute, möglichst gut, zu integrieren, warum auch nicht, die sind am direktesten dran.
5. Wenn wir ehrlich sind
anders_denker 05.07.2011
finden sich auch gut ausgebildete Leute in der Ukraine, In Russland oder sogar anderen osteuropäischen EU Staaten. Kulturell liegen diese uns sicher näher, eine Integration wird leichter und ja, es könnte sogar das zusammenwachsen mit Osteuropa fördern. Nur - man muss diesen Leuten eine Chance geben (dem Inder ntürlich auch). Final bedeutet dies weniger Bürokratie, das verstehen das diese Leute gleichwertige Arbeiter sind. Kein "wegwerfprodukt"! Schulabschlüsse müssen, hier muss die Politik von ihrem hohen Ross endlich runter, gleichwertig anerkannt werden. Aber irgendwie stehen wir uns in DE immer selber im Weg, lernen nicht aus den Erfahrungen anderer, verstehen nicht das beste zu übernehmen... erfinden lieber das scheibenrad x-mal neu anstelle ein besseres zu importieren.
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Das neue Integrationsprogramm
Fast 200 Seiten stark ist das Integrationsprogramm des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Darin haben Experten die bestehenden Integrationsmaßnahmen zusammengefasst und Empfehlungen für die Weiterentwicklung gegeben. Ein Überblick:
Deutschkenntnisse
Der Bericht betont die Rolle von Deutschkenntnissen für die Integration. Die Angebote zur sprachlichen Bildung in Kindertageseinrichtungen und Schulen müssten eng aufeinander abgestimmt sein - auch zwischen den verschiedenen Bundesländern. Empfohlen werden gemeinsame Angebote zum Deutschlernen für Eltern und ihre Kinder.
Integrationskurse
Der Bericht empfiehlt, die Integrationskurse mehr zu nutzen, um die Teilnehmer für den Arbeitsmarkt fit zu machen. So sollten Migranten stärker auf berufsbezogene Deutschkurse im Anschluss an den Integrationskurs hingewiesen werden. Zudem müsse darauf geachtet werden, dass nicht zu viel Zeit vom Abschluss des Integrationskurses bis zu einem Eintritt in den Beruf vergehe.
Lehrer mit Migrationshintergrund
Die Experten plädieren dafür, mehr Lehrer mit ausländischen Wurzeln zu gewinnen. Sie seien an deutschen Schulen immer noch die Ausnahme. Sie könnten Kenntnisse in Herkunftssprachen und Einblicke in andere Traditionen und Kulturen in den Unterricht einbringen. Damit die Aufnahme eines Studiums - auch auf Lehramt - nicht am Geld scheitert, werden Stipendienprogramme angesprochen.
Verbände
Sie sollten sich stärker für junge Migranten öffnen, rät der Bericht. Angeregt wird eine stärkere Zusammenarbeit mit Schulen und Migrantenorganisationen. Menschen mit Migrationshintergrund könnten dabei eine Art "Brückenfunktion" wahrnehmen, um junge Leute für die Verbandsarbeit zu gewinnen.

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Zeitleiste: Chronik der Integration in Deutschland


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Zugewanderte Akademiker: Die verhinderte Integration von Fachkräften
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Migranten in Deutschland: Integration mit Hindernissen

Die deutschen Zuwanderungsregeln
Die Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland sind zuletzt am 1. Januar 2009 reformiert worden. Vor allem für Akademiker wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert. 2011 will die EU die Hürden mit der Einführung der "Blue Card" weiter senken. Für Nicht- und Geringqualifizierte gilt weiterhin ein Anwerbestopp.
Einkommensschwelle
Keine Probleme haben Forscher und leitende Angestellte, die so viel verdienen, dass sie die Beitragsbemessungsgrenze der allgemeinen Rentenversicherung erreichen. Sie liegt in diesem Jahr bei 66.000 Euro. Diese Hochqualifizierten erhalten sofort eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, die ihnen die gleichen Rechte zugesteht wie deutschen Arbeitnehmern. Auch ihre Familienangehörigen dürfen arbeiten.
Vorrangsprinzip
Fachkräfte mit weniger lukrativen Stellen müssen sich weiterhin dem "Vorrangsprinzip" unterwerfen. Sie bekommen den Job nur, wenn die Bundesarbeitsagentur feststellt, dass es keinen deutschen Bewerber dafür gibt. Ihr Aufenthalt wird befristet. Erst nach drei bis fünf Jahren können sie mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen.
Selbständige
Selbständige können ohne Probleme zuwandern, wenn sie mindestens 250.000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen. Wer dies nicht leisten kann, muss darauf setzen, dass seinem Projekt ein "übergeordnetes wirtschaftliches Interesse" attestiert wird.
Studenten
Ausländische Studenten dürfen 90 ganze oder 180 halbe Tage arbeiten. Nach ihrem Studium können sie ihre Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängern, um einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden.
Blue Card
Mit der europäischen "Blue Card" werden ab 2011 die Anforderungen nochmals gesenkt. Fachkräfte aus Drittstaaten müssen einen mindestens ein Jahr geltenden Arbeitsvertrag vorlegen. Darin sollte ein Bruttogehalt vorsehen sein, das 1,5 mal höher liegt als das Durchschnittseinkommen des Mitgliedstaates. In Deutschland wären das nach aktuellem Stand 42.000 Euro.
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Migranten-Debatte: Was Berlins Muslime von Sarrazin halten

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