Zuwanderer in Deutschland Deutsche halten sich für tolerant

Wächst die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland? Wie steht es um die viel beschworene Willkommenskultur? Eine neue Studie zeigt: Die Deutschen selbst halten sich für weltoffen - fordern aber von Zuwanderern: Passt euch gefälligst an.

Islamfeindliche Pegida-Demo: Wie tolerant ist Deutschland
DPA

Islamfeindliche Pegida-Demo: Wie tolerant ist Deutschland

Von und (Grafiken)


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In keiner anderen Stadt zeigt sich das deutsche Dilemma in Sachen Willkommenskultur so deutlich wie in Dresden: Tausende Menschen zogen vor einer Woche durch das Stadtzentrum und solidarisierten sich mit Asylbewerbern. Drei Tage später marschierten wieder Menschenmassen durch die sächsische Hauptstadt, wieder ging es um Flüchtlinge - doch diesmal musste die Polizei verhindern, dass Pegida-Anhänger auf ein Flüchtlingscamp vor der Semperoper losgingen.

Dresden steht für die Uneinigkeit der Deutschen in dieser Frage: Wie soll die Bundesrepublik mit den derzeit etwa 630.000 Flüchtlingen im Land umgehen - und wie mit den Tausenden, die hierher ziehen wollen? Dass dieses Thema nicht nur die Gesellschaft spaltet, sondern auch im geografischen Sinne das ganze Land, zeigt eine repräsentative Emnid-Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung (wie die Daten erhoben wurden, lesen Sie im Infokasten unter diesem Text).

Die wichtigsten Ergebnisse der Erhebung im Überblick:

  • Sechs von zehn Deutschen finden, dass Zuwanderer hierzulande freundlich empfangen werden, 2012 meinte das nur jeder zweite Befragte. Insgesamt hat die Willkommenskultur in der Wahrnehmung der Deutschen deutlich gewonnen.
  • Ähnlich zufrieden sind auch die Migranten in Deutschland: 68 Prozent der befragten Zuwanderer fühlen sich von staatlichen Stellen willkommen geheißen - vor drei Jahren waren es gerade mal 57 Prozent.
  • Die Aufgeschlossenheit gegenüber Einwanderern und Asylbewerbern wächst insgesamt - allerdings nur in Westdeutschland: In den neuen Ländern ist die Tendenz gegenläufig zum Bundestrend.
  • Die große Mehrheit der Deutschen will, dass die Bundesrepublik noch attraktiver für Zuwanderer wird. Dafür fordern 82 Prozent der Befragten spezielle Hilfen für Migranten auf Arbeitsämtern (2012: 68 Prozent), 76 Prozent befürworten eine leichtere Anerkennung ausländischer Schul- und Berufsabschlüsse (2012: 69 Prozent) und 54 Prozent der Deutschen würden gegen die Benachteiligung von Einwanderern am liebsten mit Gesetzen vorgehen.

  • Mehr als die Hälfte der Deutschen will zudem die rechtliche Grundlage für Zugezogene verbessern: 56 Prozent der Befragten befürworten eine Erleichterung der Einbürgerung (2012: 44 Prozent) und 62 Prozent wollen ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht für Einwanderer aus anderen Ländern (2012: 55 Prozent).

  • In der Frage, ob Einwanderung nutzt oder schadet, ist Deutschland nach wie vor gespalten: Zwar sehen viele Menschen Vorteile für die Ansiedlung internationaler Firmen (68 Prozent), für ein interessanteres Leben in Deutschland (67 Prozent) oder die demografische Entwicklung (60 Prozent) - aber die Mehrheit der Befragten fürchtet durch Zuwanderung auch Probleme in Schulen (61 Prozent), eine Belastung des Sozialstaats (64 Prozent) und soziale Spannungen zwischen Einwanderern und Einheimischen (63 Prozent). Ostdeutsche sind dabei erheblich skeptischer als Westdeutsche:


  • Das Interesse an fremden Kulturen hat offenbar deutlich zugenommen: Vier von fünf Deutschen wünschen sich von Einwanderern, dass sie mehr von ihrer jeweils eigenen Kultur vermitteln - 2012 wollten das nur 69 Prozent der Befragten.

  • Zugleich ist der Wunsch nach der Integration von Zugezogenen deutlich gewachsen: 97 Prozent der Befragten finden, dass Einwanderer sich um ein gutes Zusammenleben mit Deutschen bemühen sollten (2012: 88 Prozent) und vier von fünf fordern mehr soziales Engagement von ihnen (2012: 72 Prozent). Drei Viertel der Deutschen erwarten schließlich von Einwanderern, sich an die deutsche Kultur anzupassen.

In einem Punkt sind sich West- und Ostdeutsche offenbar einig: Sie unterschätzen den demografischen Wandel. Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamtes von 2009 würde Deutschlands Bevölkerung ohne Zuwanderung bis 2060 um ein Viertel schrumpfen - von rund 80 auf dann 60 Millionen Menschen. Dass eine restriktive Zuwanderungspolitik auch eine solche Schrumpfkur mit sich brächte, glaubt aber gerade mal jeder fünfte Deutsche.


Zusammengefasst: Die Deutschen halten sich für aufgeschlossen gegenüber Flüchtlingen und Einwanderern - allerdings vor allem in Westdeutschland. Zugenommen hat das Interesse an der Kultur von Zuwanderern, zugleich ist aber vielen Menschen die Anpassung von Migranten an die deutsche Kultur wichtiger.

So wurden die Daten zur Willkommenskultur in Deutschland erhoben
Für die Untersuchung "Willkommenskultur in Deutschland" befragte das Institut TNS Emnid im Januar 2015 im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung 2024 Menschen ab 14 Jahren, die in Deutschland wohnen. Da TNS Emnid im Oktober 2012 bereits eine solche repräsentative Erhebung durchgeführt hatte, lassen sich die Zahlen beider Studien vergleichen und daraus Tendenzen ablesen. Die 1977 gegründete Bertelsmann-Stiftung gilt als wirtschaftsliberale Denkfabrik.

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