Zuwanderer aus Osteuropa Zehn Stimmen gegen Seehofers Populismus

Die CSU macht Stimmung gegen angebliche Armutsmigranten aus Osteuropa. Aber wer kommt wirklich in die Bundesrepublik? Und wie empfinden Bulgaren und Rumänen die Debatte? Zehn Zuwanderer berichten über ihr Leben in Deutschland.


Berlin/Hamburg - "Wer betrügt, der fliegt": So haben sich Bürger aus Rumänien und Bulgarien ihren Willkommensgruß in Deutschland wohl nicht vorgestellt. Seit Jahresbeginn können sie in der EU frei ihren Arbeitsplatz wählen. Wenige Monate vor den Europawahlen warnt die CSU mit scharfen Tönen vor einer Zuwanderungswelle in die heimischen Sozialsysteme - und hat damit den ersten Koalitionskrach ausgelöst.

Horst Seehofer wird weiter poltern: Die CSU trifft sich zu ihrer jährlichen Klausurtagung in Wildbad Kreuth. Doch die Debatte sorgt auch außerhalb der schwarz-roten Regierung für Kontroversen. Gerade wurden neue Zahlen veröffentlicht, die zeigen: Der Zustrom nach Deutschland ist so groß wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Gleichzeitig fürchten Vertreter der deutschen Wirtschaft, die Diskussion über Armutsmigranten könne Deutschlands Image als Einwanderungsland dauerhaft schädigen.

Wie erleben zugezogene Osteuropäer selbst die Debatte? Momentan arbeiten 160.000 Menschen aus Bulgarien oder Rumänien in Deutschland, viele von ihnen sind hochqualifiziert und seit vielen Jahren hier.

SPIEGEL ONLINE stellt zehn Zuwanderer vor, die ihre Meinung sagen - von der Uni-Dozentin über den Augenartzt bis zur Tierärztin.

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Kristina Shopova, 37, Angestellte aus Bulgarien

"Ich bin nur wegen der Liebe nach Deutschland gekommen. Bei einem Austausch habe ich in Bayern einen Jungen kennengelernt. Ich war 23 und dachte, es sei die große Liebe. Als es nach einem Jahr vorbei war, wollte ich wieder zurück, aber dann bin ich wegen meiner Kollegen geblieben. Seit 14 Jahren arbeite ich bei derselben Werbeagentur. Als sie mich eingestellt haben, war mein Deutsch nicht perfekt und von Werbung hatte ich keine Ahnung. 'Man sah es dir an, dass du arbeiten willst', hat mein Chef mir gesagt. Dass er mir diese Chance gab, hat mich sehr beeindruckt. Die Debatte um Armutsmigration macht mich sauer, weil Zuwanderung sofort mit Betrug gleichgesetzt wird. Ich finde es richtig, dass es für Leute, die tatsächlich arbeiten wollen, leichter wird. Als ich nach Deutschland kam, waren die Hürden noch so hoch, dass es fast unmöglich war, einen Job zu kriegen."

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Nikulay Tcholtchev, 32, Informatiker aus Bulgarien

"Ich bin nach Berlin gekommen, weil es hier die besten Studienmöglichkeiten für mich gab. Ich habe neben dem Studium gearbeitet, zunächst auf dem Bau und in der Gastronomie, dann als Informatiker. So konnte ich meine Ausbildung selbst finanzieren. Ob ich hierbleibe, ist offen. Ich werde aber auf alle Fälle noch meine Doktorarbeit abschließen. Ich kann mir auch vorstellen, in den USA, in Großbritannien oder in China zu arbeiten, aber nach Bulgarien würde ich nicht zurückgehen. Die jetzige Debatte um Armutsmigration ist nur eins: populistisch. Manche Politiker versuchen damit, Wählerstimmen herauszuschlagen. Ich versuche, über dieser Debatte zu stehen, aber ich merke auch, was für eine unangenehme Stimmung entstanden ist und spüre die Vorurteile. Trotzdem ist es nur eine Debatte. Viel schlimmer wäre es, wenn Bürger aus Rumänien und Bulgarien diskriminiert werden würden, zum Beispiel, indem man ihre Fingerabdrücke registriert."

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Mara Radulescu, 27, Kanzleiangestellte aus Rumänien

"Ich habe 2007 in Salzburg einen Studentenaustausch gemacht und wollte unbedingt nach Österreich oder Deutschland zum Studieren, weil ich das Universitätssystem besser finde, nicht so verschult wie in Rumänien. Ich bin die Erste in der Familie, die studiert, und war immer gezwungen, mir mein Studium selbst zu finanzieren. Ich habe immer gearbeitet und in die Sozialsysteme eingezahlt. Staatliche Leistungen habe ich noch nie bekommen. Das möchte ich auf jeden Fall vermeiden, weil ich dann das Gefühl hätte, gescheitert zu sein. Ich finde es sehr schade, wie die derzeitige Debatte geführt wird, denn es gibt sehr viele ehrliche Menschen, die bereit sind zu arbeiten, auch wenn sie nicht hochqualifiziert sind. Ich denke, dass die Freizügigkeit Deutschland sogar hilft. Hier gibt es Fachkräftemangel - und in Rumänien gibt es qualifizierte Arbeitskräfte."

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Sorin Draghici, 38, Augenarzt aus Rumänien

"Ich bin nach Deutschland gekommen, weil es in Rumänien nahezu unmöglich ist, ohne Bestechung Arzt zu werden. Ich wollte weg aus diesen Verhältnissen. Also habe ich mehrere Jahre in Neubrandenburg gearbeitet und dort meine Spezialisierung als Augenarzt gemacht. Mein dortiger Professor sagte mir, wie sehr er sich über uns Ärzte aus osteuropäischen Ländern freut, weil wir so fleißig und lernbegierig seien. Daran denke ich jetzt bei der Debatte um Armutseinwanderung. Ich glaube, es wird viel übertrieben. Es gibt sicher arme Leute, die herkommen und nicht arbeiten wollen. Aber das sind nicht viele. Ich habe mich in Berlin mit einer älteren obdachlosen Frau aus Rumänien angefreundet, die bettelt. Sie bekommt keine Sozialhilfe. Manchmal geb ich ihr Geld. Einmal war sie wegen ihrer Herzprobleme bei einem Kardiologen. Der wollte 195 Euro für eine Routinekontrolle. Wie kann man so herzlos sein!"

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Ivelina Kovanlashka, 29, Freiberuflerin aus Bulgarien

"Ich bin nach Berlin gegangen, weil ich die Ausbildung hier besser fand. Eigentlich würde ich gerne wieder ein paar Jahre in Bulgarien leben, das hängt aber davon ab, ob ich dort Arbeit finde. Die Debatte um Armutsmigration gab es doch auch schon im Fall von Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn, und damals haben sich die Befürchtungen nicht bewahrheitet. Auch jetzt scheinen sie mir übertrieben. Viele Rumänen und Bulgaren sind längst nach Deutschland gekommen, und die wenigsten beziehen Sozialhilfe. Die meisten möchten arbeiten. Außerdem braucht man Geld und Sprachkenntnisse, um hier etwas anzufangen. Es gibt also schon einen Ausleseprozess. Übrigens gibt es auch in Bulgarien eine ähnliche Debatte wie jetzt in Deutschland - und zwar über die syrischen Flüchtlinge."

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Mona Vintila, 30, Sozialarbeiterin aus Rumänien

"Die aktuelle Diskussion halte ich für übertrieben panisch. Wütend macht mich die Diskriminierung der Roma. Niemand sagt das Wort, aber wenn Politiker und Journalisten über Armutsmigranten sprechen, meinen die meisten Roma. Ich berate Roma und finde es unglaublich mutig, dass Menschen von kleinen Dörfern in die Metropole Berlin kommen - ohne die Sprache zu kennen, ohne das System zu kennen. Alle meine Klienten wollen arbeiten. Sie kommen, weil sie wollen, dass es ihren Kindern besser geht. Natürlich verlässt kein Mensch seine Heimat, wenn dort alles prima ist. Seit über 600 Jahren leben die meisten Roma in Rumänien am Rande der Gesellschaft. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie als Sklaven gehalten. Ihre große Chance ist, dass es in Deutschland den politischen Willen gibt, ihnen zu helfen. Und - große Überraschung - die Menschen integrieren sich. Da unterscheiden sich die Roma nicht von den Türken."

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Anna Simitchieva, 24, Studentin aus Bulgarien

"Ich bin keine Armutsmigrantin. Als ich mit 19 nach Deutschland kam, wollte ich vor allem eine andere Mentalität kennenlernen. Deswegen bin ich auch für sechs Monate nach Spanien gegangen. Ich finde, die Leute wissen viel zu wenig über ihre europäischen Nachbarn. Mit Bulgarien verbinden die meisten nur Negatives wie die schreckliche Wirtschaftslage. Über die Kultur oder das Essen wissen sie nichts. Oft werde ich gefragt, ob ich aus Bukarest komme. Für viele sind Rumänen und Bulgaren einfach die Osteuropäer. Es ist politisch nicht korrekt, alle in einen Topf zu werfen. Das stört mich auch an der jetzigen Debatte. Es kommen Leute, die arbeitslos sind, aber auch viele Akademiker. Wenn es um bulgarische und rumänische Minderheiten geht, dann sind die Befürchtungen aber berechtigt. Auch in Bulgarien leben sie vom Kindergeld. Aber es hilft nichts, ihnen zu verbieten, nach Deutschland zu kommen. Man muss Maßnahmen ergreifen, damit sich die Minderheiten besser integrieren können."

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Nicu Oarga, 36, Chirurg aus Rumänien

"Ich wollte ein besseres Leben haben als das in Rumänien. Ich wollte mehr lernen und mich als Facharzt besser qualifizieren und besser verdienen. Deshalb bin ich nach Deutschland gekommen, und meine Wünsche haben sich erfüllt. Ich verstecke mich nicht und sage immer, dass ich Rumäne bin. Die Leute sind oft verwundert, und meistens stellt sich heraus, dass sie überhaupt keine Vorstellung von Rumänien haben. Auch in der jetzigen Debatte um Armutszuwanderung entsteht teilweise der Eindruck, dass wir irgendwelche Wilden sind, die über Deutschland herfallen. Als würden wir Rumänen nur stehlen und unberechtigterweise von Deutschland profitieren wollen. Natürlich muss Missbrauch verhindert werden, aber wenn jemand hier eine Zeitlang arbeitet, dann hat er, wenn er arbeitslos wird, auch das Recht auf Unterstützung."

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Silvena Garelova, 26, Studentin aus Bulgarien

"Ich hatte eigentlich eine tolle Arbeit in Bulgarien. Nach Berlin bin ich wegen meines Freundes gekommen - und weil man mein Studienfach in Bulgarien nicht studieren kann. Ob ich in Deutschland bleibe, weiß ich nicht. Mir gefällt vieles an Deutschland, zum Beispiel, dass sich viele politisch engagieren. Die jetzige Debatte finde ich normal. Natürlich ist sie populistisch, wie immer, wenn mit den Ängsten der Menschen Politik gemacht wird. Natürlich gibt es auch Armutsmigranten. Nicht alle Bulgaren und Rumänen, die nach Deutschland kommen, sind Studenten oder Hochqualifizierte. Aber ist das nicht normal, dass Menschen dahin gehen, wo sie bessere Bedingungen vorfinden? Ich denke, dass man früher oder später einsehen wird, dass viele Ausländer in Deutschland das Land bereichern und niemandem etwas wegnehmen wollen."

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Raluca Marlene Fritzsch, 31, Dozentin aus Rumänien

"Eigentlich bin ich nur noch wegen meines deutschen Mannes und meines Kindes hier und hoffe, dass wir irgendwann wieder nach Rumänien gehen. Ich kenne viele Freunde, die wie ich hoch qualifiziert sind und wieder zurückwollen. Seit 2013 geht es Rumänien besser. Vor zwei Jahren wollten sie noch kommen, jetzt bleiben sie dort. Deswegen glaube ich nicht, dass es so viele Zuwanderer werden. Ich selbst fühle mich nicht angegriffen von den Vorschlägen der CSU. Gegen Hochqualifizierte hat sie ja nichts. Ich glaube auch, dass viele Leute nur wegen Hartz IV kommen, und das finde ich nicht in Ordnung. Auf der anderen Seite sollte EU-Recht für alle gelten. Ich fände es gut, wenn Zuwanderer erst einen Anspruch auf Sozialleistungen haben, nachdem sie drei Jahre hier gearbeitet haben. Außerdem geht es nicht nur um arme Leute, sondern um Organisierte Kriminalität. Ich glaube, dass hinter der Armutszuwanderung mafiöse Strukturen stecken - wie bei den Bettlerkolonnen der Roma."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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spaas11 07.01.2014
1. Der
Kommentar dieser Studentin zeigt, dass diese Debatte offensichtlich als nicht so "rechts" und superdramatisch aufgenommen wird. Ähnlich wie gestern: ein populistischer Artikel, der Fakten aufbläht, sonst nichts.
gog-magog 07.01.2014
2.
Zitat von sysopprivatDie CSU macht Stimmung gegen angebliche Armutsmigranten aus Osteuropa. Aber wer kommt wirklich in die Bundesrepublik? Und wie empfinden Bulgaren und Rumänen die Debatte? Zehn Zuwanderer berichten über ihr Leben in Deutschland. Zuwanderungsdebatte: Zehn Einwanderer im Porträt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/zuwanderungsdebatte-zehn-einwanderer-im-portraet-a-941984.html)
Wer sich an die Gesetze hält, ist in diesem Land stets herzlich willkommen, wer nicht, der nicht. Mir sind 20 arbeitshungrige Bulgaren deutlich lieber, als auch nur 1 Amigo. Und was Hoeness veruntreut hat, können sämtliche Rumänen der Republik zusammen nicht an Schaden verursachen. Das ist meine Meinung und die darf ja wohl auch mal gesagt werden. Wenn jemand rausgeschmissen werden sollte, dann die extrem teuren Amigos der Republik.
bronck 07.01.2014
3. Ausnahme oder Regel?
Wenn man so durch Duisburg, Oberhausen und andere Städte des Ruhrgebietes kommt, dann hat man den Eindruck in diesem Artikel werden Ausnahmen als Regel verkauft. Wenn man mitbekommen hat wie verzweifelt der Duisburger Oberbürgermeister im lezten Jahr sämtliche Behörden um Hilfe bei der Bewältigung der Probleme wegen der Armutszuwanderer förmlich angefleht hat, dann kann man kaum glauben, dass Armutzuwanderung ein unwichtiges Randproblem sei. Aber eventuell ist das im reichen Hamburg oder dem insolventen Hochglanzberlin ja auch gaaaanz anders.
renee gelduin 07.01.2014
4. optional
Wer hat denn behauptet ALLE bulgarischen und rumänischen Zuwanderer seien Sozialbetrüger ?
Marc Anton 07.01.2014
5. Populismus in Reinkultur
Ähm, SPON, kurzer Hinweis: Gegen die hier gebrachten Beispiele richteten Seehofers Worte nicht. Es geht gegen diejenigen, die herkommen, kurz mal versuchen eine Straßenzeitung zu verkaufen, daran scheitern, dann H4 beantragen und noch 8 Kinder mitbringen wegen des deutschen Kindergeldes. Jeder, der dieses Land voranbringt ist willkommen, die anderen nicht. Dieser Artikel ist purer Populismus. Und selbst wenn die Positivbeispiele überwiegen (was natürlich nicht erhoben werden kann), dann kosten die Negativbeispiele den Steuerzahler immer noch unverhältnismäßig viel Geld. Recherchieren Sie doch mal bitte in den betroffenen Kommunen wie Duisburg, Mannheim oder im Bezirk von Neukölln - da erhalten sie seriöse valide Zahlen und Antworten. Aber das würde ja nicht passen.....;)
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