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Zwangsehe in Deutschland: Auf der Flucht vor der eigenen Familie

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Der Vater schlug sie, ihren Onkel sollte sie heiraten, obwohl er sie vergewaltigen wollte. In letzter Minute flüchtete die junge Türkin Ebru vor ihrer Familie. Jetzt baut sie sich in Berlin ein Leben in Freiheit auf - und kämpft gegen die Angst, gefunden zu werden.

Berlin - Nichts an ihr soll an ihr altes Leben erinnern. Nichts, was sie trägt, hätte sie vor fünf Monaten tragen können.

Sie trägt Playboy-Bunnys an der Uhr, am Pulli. Blitzende Stecker im Ohr, eine goldene Kette, enge Jeans, schwere schwarzgetuschte Wimpern, solariengebräunte Haut. Die Haare sind dunkel, aber blondgesträhnt. Die Distanz schwindet aus ihrem Blick, sobald sie lächelt, und das tut sie heute öfter denn je: "Weil ich endlich glücklich bin."

Ebru*, 18, braucht nicht viel zum Glück. Sie braucht Freiheit. Sie weiß, wie sich ein Leben anfühlt, das aus Zwang besteht.

Ebru erzählt, wie dieses Leben war. Zwölf Stunden am Tag stand sie unter der Fuchtel des Vaters. Er habe sie geschlagen, mit dem Gürtel, "seit ich denken kann". Oft habe sie nicht mal in die Schule gedurft - ihre Eltern wollten es nicht. Wenn dann die Hauptschullehrer anriefen, habe sie nicht mit ihnen reden dürfen: Ebru sei krank, sagten die Eltern immer wieder. Genauer nachgefragt hat wohl niemand.

Putzen habe sie gemusst, den ganzen Tag. Und kochen. Schon als kleines Mädchen. "Wenn ich eins bin, dann eine perfekte Hausfrau", sagt Ebru.

Im Sommer 2006 seien die Eltern mit ihr in die Türkei gereist - um sie mit einem Onkel zu verloben. Der Mann ist 17 Jahre älter als sie. In den Wochen nach der Verlobung hätten die Eltern sie aufgefordert, sie solle doch mal mit ihm allein bleiben: um zu reden. Aber reden wollte der Onkel nicht mit jener Nichte, die seine Frau werden sollte. Er habe versucht, sie zu vergewaltigen, sagt Ebru. "Ich habe mich auf dem WC eingeschlossen, bis meine Eltern wiederkamen." Als sie dem Vater dann erzählt habe, "dass mein Onkel mich zu vergewaltigen versucht hatte, sagte er, ich würde lügen. Er schlug mich. Es war schließlich sein eigener Bruder".

Zurück in Deutschland wurde Ebru klar, dass sie nicht mehr viel Zeit haben würde. Bald würde sie wieder in die Türkei reisen müssen - diesmal für die Heirat. "Ich wusste, wenn ich diesen Sommer wieder mit ihnen in die Türkei gefahren wäre, dann wäre ich nicht nach Deutschland zurückgekommen."

Ebrus Mutter hatte selbst Angst vor dem Vater. Und mit ihrer älteren Schwester konnte sie wenigstens reden über ihre Sorgen und über den Onkel, ihren Verlobten.

Aber nicht darüber, was sie vorhatte.

Im März, vor fünf Monaten, sagte sie ihren Eltern, sie müsse zum Arbeitsamt. "Den Papierkram" erledigen. Sie verließ die Wohnung. Dann stieg sie in den Zug von Frankfurt nach Berlin, ohne Rückfahrticket.

In Berlin am Bahnhof trug sie zwei rote Rosen in der Hand. Als Erkennungszeichen für die Mitarbeiter des Hilfsvereins Hatun und Can. Sie nahmen die junge Frau gleich am Bahnsteig in Empfang.

"Wenn er mich findet, bringt er mich um"

Ebru kam bei einer Mitarbeiterin des Hilfsvereins unter, ein paar Wochen lang, für den Anfang. Dann zog sie in eine eigene Wohnung, in einem Stadtteil in Berlin, in dem viele Migranten aus der Türkei leben. Jeden Tag sitzt sie dort an einer Kasse im Supermarkt, für acht Stunden. Ein Minijob für 400 Euro. "Es ist das Wichtigste für mich, arbeiten zu können", sagt sie.

Ebru muss erst lernen, was es heißt, frei zu sein. Und wahrscheinlich braucht das noch lange. Erst einmal war sie bis jetzt in einem Café in Berlin, erst einmal im Freibad - das erste Mal in ihrem Leben. Besuch in ihrer Wohnung hatte sie noch nie.

"Ich mache immer alles allein. Mir fehlt einfach noch das Vertrauen zu fremden Leuten." Sie will kein Risiko eingehen, dass irgendwer sie erkennt. Sie sei schon nervös genug jeden Tag bei der Arbeit. "Ich habe noch zu viel Angst, dass mich jemand aus meiner Familie findet."

Nachts träume sie ständig davon, dass jemand sie entdeckt. Sie sei sicher, dass ihr Vater sie suche. "Und wenn er mich findet, dann bringt er mich um", sagt sie leise. Weil sie die Ehre der Familie befleckt habe - und weil sie jetzt ein Leben lebt, gegen das er immer war. Geschminkt, ohne Kopftuch, mit Arbeit. Ob sie gläubig ist? "Eigentlich schon, aber nicht wie mein Vater. Er denkt wie vor hundert Jahren."

Die Angst sei ihre ständige Begleiterin, sagt sie. Trotzdem würde sie alles genauso wieder machen. Jetzt plant sie ihre Zukunft, ihr Leben. "Irgendwann, wenn ich weniger Angst habe, würde ich gerne tanzen. Und eine Ausbildung als Kosmetikerin machen." Das sei ihr Traum.

Vielleicht in sieben oder acht Jahren könne sie wieder Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen: wenn sie verheiratet ist, eine eigene Familie hat. "Wenn ich Kinder habe, dann trage ich sie auf Händen", sagt Ebru - und formt die Handflächen zu einer großen Fläche.

*: Name geändert

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