Zwangsehen Mütter drohen heiratsunwilligen Töchtern mit Selbstmord

Immer mehr Migrantinnen suchen Hilfe, weil sie zwangsverheiratet werden sollen. Oft wählen Mütter die Heiratskandidaten aus. "Väter üben körperliche Gewalt aus, Mütter psychische", sagt Myria Böhmecke, Expertin bei der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes", im Interview mit SPIEGEL ONLINE.


SPIEGEL ONLINE: Frau Böhmecke, die Zahl der Mädchen, die sich an Sie wenden, weil sie von Zwangsheirat und Verschleppung ins Ausland bedroht sind, hat sich in den letzten zwei Jahren verdoppelt. Woran liegt das?

Zwangsverheiratete 14-jährige Afghanin: "Sobald das Mädchen verheiratet ist, werden ihm meistens Pass, Handy und sämtliches Bargeld abgenommen"
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Zwangsverheiratete 14-jährige Afghanin: "Sobald das Mädchen verheiratet ist, werden ihm meistens Pass, Handy und sämtliches Bargeld abgenommen"

Böhmecke: Wir können nicht genau nachvollziehen, woran es liegt - es gibt erst seit kurzem Erhebungen über die Anzahl der Betroffenen. Wir führen den Anstieg auch darauf zurück, dass das Thema enttabuisiert ist. Endlich wird wahrgenommen, dass sehr viele Mädchen in Parallelgesellschaften leben und zwangsverheiratet werden. Früher wurde dieses Thema nicht ernst genommen – und somit auch nicht die Opfer.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn es keine genauen Zahlen gibt - haben Sie Anhaltspunkte für das Ausmaß von Zwangsehen in Deutschland?

Böhmecke: Verschiedene Städte haben in den vergangenen Jahren Umfragen gemacht, die aber nicht repräsentativ sind - in Berlin geht eine Untersuchung im Jahr 2004 in 300 Fällen von Zwangsheiraten pro Jahr aus. Baden-Württemberg hatte 215 Fälle im Jahr 2005. In Hamburg waren es 2006 210 Fälle. Man muss davon ausgehen, dass es wahrscheinlich mehr als 1000 Mädchen im Jahr in ganz Deutschland sind. Die Dunkelziffer könnte bei weitem höher sein.

SPIEGEL ONLINE: Wissen die Mädchen seit langem, dass sie verheiratet werden sollen – oder werden sie davon während des Urlaubs im Heimatland überrascht?

Böhmecke: Viele Eltern sagen ihren Töchtern schon, wenn sie in die Pubertät kommen, dass sie irgendwann heiraten müssen. Manchmal werden die Mädchen im Heimatland auch gegen ihren Willen verlobt - man sagt ihnen zwar, dass die Hochzeit erst mit 18 stattfinden wird. Aber wenn dann die nächste Reise - etwa in die Türkei ansteht - haben viele die Befürchtung, dass sie schnell verheiratet werden sollen, weil sie ja bereits verlobt sind. Häufig trifft es die Mädchen dann aber doch unerwartet - sie rechnen nicht damit, dass es schließlich so schnell geht. Viele sind dann so überrascht oder haben so große Angst vor den Konsequenzen, dass sie nicht Nein sagen können und sich sagen: "Dann heirate ich den Mann eben und kehre in den nächsten Monaten trotzdem nach Deutschland zurück!" Das geht aber fast nie.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Böhmecke: Sobald das Mädchen verheiratet ist, werden ihm meistens Pass, Handy und sämtliches Bargeld abgenommen, und es gibt fast keine Möglichkeit mehr, Kontakt nach Deutschland aufzunehmen oder gar zurückzukehren. Wenn das Mädchen eine doppelte Staatsbürgerschaft hat, wird sie in dem jeweiligen Land - etwa der Türkei oder Pakistan - als Türkin oder Pakistanerin behandelt. Ein Eingreifen der deutschen Behörden ist dann nicht möglich. In Pakistan etwa ist Zwangsheirat nicht ungewöhnlich. Die Betroffenen müssen damit rechnen, dass sie von der Polizei keine Unterstützung bekommen, sondern zu der Familie zurückgeschickt werden. Wenn das Mädchen nur die deutsche Staatsbürgerschaft hat, ist es leichter zu helfen. Das läuft dann über die deutsche Botschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wird den Mädchen offen mit Gewalt gedroht, für den Fall, dass sie sich nicht verheiraten lassen wollen?

Böhmecke: Nicht immer. Oft haben die Mädchen aber nicht gelernt, Nein zu sagen, sie sind unterdrückt aufgewachsen - wussten, dass sie nicht mit Jungs sprechen dürfen, nach der Schule direkt nach Hause müssen, keinen Schulabschluss machen dürfen. Viele haben auch bereits vorher massive Gewalt in ihren Familien erlebt. Wenn sie nicht Nein sagen, heißt es nicht, dass sie Ja sagen wollen.

SPIEGEL ONLINE. Was raten Sie einem Mädchen konkret, das befürchtet, in die Zwangsehe getrieben zu werden?

Böhmecke: Auf keinen Fall sollte das Mädchen mit in den Urlaub reisen, wenn bereits von einer Ehe die Rede war oder das Mädchen gar verlobt ist. Viele nehmen per E-Mail anonym Kontakt mit uns auf - wir geben dann Tipps und arrangieren ein persönliches Telefongespräch. Wir weisen auf spezialisierte Einrichtungen wie die Mädchenschutzeinrichtung "Papatya" hin. Und wenn sich das Mädchen tatsächlich entschließt, ihre Familie zu verlassen, suchen wir in ganz Deutschland nach einer geeigneten Schutzeinrichtung für sie.

SPIEGEL ONLINE: In welche Länder werden die Mädchen am häufigsten verschleppt?

Böhmecke: Meistens in die Türkei, einfach weil die größte Gruppe der Migranten in Deutschland von dort stammt. Aber auch in den Libanon, nach Syrien, ins Kosovo, in den Irak und nach Iran.

SPIEGEL ONLINE: In welchem Alter sind die betroffenen Mädchen?

Böhmecke: Potentiell gefährdet sind Mädchen ab der Pubertät - weil ab dann für die Familie die "Gefahr" außerehelichen Geschlechtsverkehrs besteht. Die meisten sind minderjährig, häufig 16 bis 18 Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Werden die meisten Mädchen, die zwangsverheiratet sind, in der Ehe selber Opfer von körperlicher Gewalt?

Böhmecke: Man muss davon ausgehen, dass Gewalt in einer Ehe, die nicht freiwillig geschlossen wurde, sehr viel häufiger vorkommt. Es gibt eine nicht repräsentative Umfrage unter Männern, die eine Zwangsehe eingegangen sind. Alle Befragten haben geantwortet, dass sie ihre Frau schlagen und vergewaltigen.

SPIEGEL ONLINE: Sind es meist die Väter und Brüder, die das Mädchen zur Hochzeit zwingen? Welche Rolle spielen die Mütter?

Böhmecke: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Mütter eine sehr große Rolle spielen. Die Mütter schauen sich nach Heiratskandidaten um. Väter und Brüder üben körperliche Gewalt aus, die Mütter dafür psychische. Sie sagen etwa: "Wenn du nicht heiratest, bringe ich mich um", oder: "Dann können wir uns nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen, weil unsere Ehre verletzt ist." Die Mütter haben, wenn die körperliche Gewalt nichts nützt, die psychische in petto. Und die ist oft sehr wirkungsvoll.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass die Mädchen komplett mit ihrer Familie brechen müssen, oder gelingt es oft auch, die Eltern davon zu überzeugen, ihre Tochter nicht gegen ihren Willen zu verheiraten?

Böhmecke: Nein, dazu ist es meistens schon zu spät, wenn wir von den Fällen hören. Die Mädchen befinden sich schon in einer starken Bedrohungssituation. Man muss sehr vorsichtig sein, und Kontakt zu den Eltern herzustellen, ist meistens keine gute Idee. Wenn sie beschlossen haben, ihre Tochter zwangszuverheiraten, werden sie meistens nicht davon abrücken, nur weil sich eine Hilfsorganisation einschaltet und sagt: "Das dürfen Sie nicht!"

Das Interview führte Anna Reimann



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