Ende des Zweiten Weltkriegs Das schwierige Erinnern

Zum 70. Mal jährt sich am 8. Mai das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Das Gedenken an die NS-Herrschaft ist vor dem Hintergrund aktueller Krisen für die Kanzlerin und die deutsche Politik keine einfache Aufgabe.

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Vor der zerstörten Kulisse des Pariser Platzes, im Hintergrund das Brandenburger Tor, liegen verletzte deutsche Soldaten, Krankenschwestern sind zwischen ihnen, sowjetische Soldaten sind in der Ferne zu sehen. Das Bild datiert vom 3. Mai 1945, aufgenommen hat es einen Tag nach der Kapitulation der damaligen Reichshauptstadt der sowjetische Kriegsfotograf Ivan Shagin. An insgesamt sechs Orten der Stadt sind bis in den Mai hinein solche markanten Bilder des Kriegsendes zu sehen, organisiert von Berliner Kulturprojekten.

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Heft 18/2015
8. Mai 1945: Wie die Deutschen das Kriegsende erlebten

Es sind schlichte, beeindruckende Erinnerungsorte, von Einheimischen und Touristen in diesen ersten Frühlingstagen gut besucht. Berlin und die deutsche Politik bereiten sich auf das Gedenken vor, am 8. Mai, vor 70 Jahren, kapitulierte Nazi-Deutschland bedingungslos, der Krieg in Europa war damit beendet. Anders als noch vor fünf Jahren, zum 65. Jahrestag, findet das Gedenken diesmal in einem schwierigen außenpolitischem Umfeld statt. Der Krieg in der Ostukraine hat die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland spürbar erkalten lassen. Noch 2010 hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am 9. Mai - dem traditionellen Gedenktag in Russland - mit anderen westlichen Politikern an der Militärparade in Moskau teilgenommen - an der Seite von Präsident Wladimir Putin. Das wird es diesmal nicht geben. Merkel wird erst am Tag darauf mit Putin einen Kranz für den unbekannten Soldaten an der Kremlmauer ablegen. Ein feinsinniger diplomatischer Akt, die Regierung will sich nicht nachsagen lassen, die sowjetischen Kriegstoten nicht angemessen zu würdigen. Schließlich trug die UdSSR mit geschätzten 27 Millionen Toten die Hauptlast des Krieges.

Ein zentrales Gedenken der Regierung zum Kriegsende gibt es nicht. "Es entspricht dem Verständnis der Gedenkstättenkonzeption des Bundes, dass nicht die staatliche Seite selbst die Aufarbeitung von Geschichte und das Gedenken implementiert, sondern dies der Gestaltung durch die fachkundigen Einrichtungen und Initiativen der politischen, historischen und kulturellen Bildung überlässt", heißt es in einer Antwort des Staatsministers im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD), auf eine Anfrage der Linken. Das wiederum empörte die Linken-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen - die Regierung verweigere "damit vor allem den Angehörigen der Roten Armee ein ehrendes und würdiges Gedenken", heißt es auf ihrer Homepage.

Steinmeier: "Ein Gefühl der Befreiung"

Dass dem nicht so ist, zeigt nicht nur allein die Tatsache, dass Merkel nach Moskau fliegt. Auch andere Repräsentanten der Bundesrepublik wollen den Beitrag der Roten Armee würdigen und zugleich Gesten der Versöhnung setzen:

  • Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) besucht am 7. Mai mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow einen sowjetischen und deutschen Soldatenfriedhof in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, wo mit der Kapitulation der deutschen 6. Armee 1943 der Wendepunkt der Kriegsgeschichte begann. Zudem nehmen beide in der Stadt an einem Friedenskonzert der Osnabrücker und Wolgograder Sinfoniker teil.
  • Allen voran Bundespräsident Joachim Gauck, dessen Eltern einst beide in der NSDAP gewesen waren, dessen Vater nach Kriegsende für vier Jahre in einem sowjetischem Gulag verschwand, wird am 6. Mai der sowjetischen Soldaten gedenken, die während des Zweiten Weltkrieges in deutscher Kriegsgefangenschaft waren. Und die in solchen Lagern zu Hunderttausenden infolge von Hunger, Misshandlungen und Zwangsarbeit starben. Er besucht im westfälischen Schloss Holte-Stukenbrock die Dokumentationsstätte im ehemaligen Stammlager 326 Senne und wird anschließend eine Rede halten.
  • Am 8. Mai - dem Tag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht vor den Alliierten - wird Gauck im Bundestag als Gast mit dabei sein. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) werde voraussichtlich sprechen, heißt es aus der Pressestelle des Bundestags. Hauptredner aber wird der Historiker Heinrich August Winkler sein. Er hat sich in seinen Werken - etwa in "Der lange Weg nach Westen" - auch mit den Irrungen und Wirrungen der Deutschen im 20. Jahrhunderts beschäftigt.

Jahrzehnte tat sich die Bundesrepublik mit dem Gedenken an den 8. Mai schwer: War der Tag Niederlage oder Befreiung? Der in diesem Frühjahr verstorbene Bundespräsident Richard von Weizsäcker, einst Wehrmachtsoffizier, setzte 1985 mit seiner Rede vor dem Bundestag Maßstäbe - 40 Jahre danach nannte er den 8. Mai für die Deutschen zwar keinen Grund zum Feiern, wohl aber einen Tag der Befreiung von dem menschenverachtenden System der NS-Gewaltherrschaft.

Und heute? Außenminister Steinmeier, der am 2. Mai - dem Tag der Kapitulation Berlins - im dortigen Abgeordnetenhaus sprechen wird, sagt SPIEGEL ONLINE: "In erster Linie überwiegt bei uns Deutschen noch immer das Gefühl der Befreiung, wenn wir an das Kriegsende 1945 denken."

Doch wie weit trägt das Gedenken noch, da die Generation ausstirbt, die Erinnerungen an den Krieg hat? Der SPD-Politiker schlägt den Bogen in die Gegenwart, mit allen ihren Krisen. "Unser Wohlstand und unsere Sicherheit hängen davon ab, dass internationale Spielregeln eingehalten werden", mahnte er - indirekt mit Blick auf die Lage in der Ostukraine, mit Blick auf die Akteure in Moskau und in Kiew.

1945 habe Deutschland die Möglichkeit eines Neuanfangs gegeben, die Möglichkeit des Wiederaufbaus des Landes im Lichte einer besonderen Verantwortung. "Deutschland, der einstige Anstifter von Unordnung", so Steinmeier, "muss heute in besonderem Maße Ordnungsstifter sein". Deutschland müsse sich in Gemeinschaft mit seinen Partnern engagieren, sagt er, "für gemeinsame Werte, für politische Lösungen in Konflikten und für den Erhalt von friedenssichernden Strukturen."

insgesamt 43 Beiträge
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fafnir 26.04.2015
1. Schwierig.
Ohne Zweifel war es ein Tag der Befreiung. Ob wir mit der Dauerbezeichnung "Nazi-Deutschland" , "Nazi-Soldaten" ect. der Sache gerecht werden wage ich zu bezweifeln. Es waren deutsche Soldaten und deutsche Armeen die diesen Krieg geführt haben. Der Zusatz Nazi hôrt sich so an, als wenn wir nicht wirklich etwas safür konnten und irgendwie waren es keine Deutschen. Es waren Nazis. Nicht gut. Davon ab - wir können ohne Scham auch unsere eigenen Toten, Flüchtlinge, Vergewaltigungsopfer, Bombentote u.ä. bedauern und betrauern. Wir mûssen es sogar, wenn wir irgendwann mal wieder eine Nation sein wollen. Und für jeden den das stört sei eins gesagt: Eurooa erwartet von den Deutschen eine Führungsrolle, ob wir wollen oder nicht. Schaut alle mal auf eine Landkarte.
bellfleurisse 26.04.2015
2. Was ist so schwierig
daran der Befreiung und der Opfer des Krieges zu gedenken? Ist es so schwierig für Merkel und Co weil eine große Anzahl Deutscher lieber verdrängt und meckert und mault? Ist es so schwierig, die Dinge beim Namen zu nennen, heute noch? B E F R E I U N G Dafür muss man dankbar sein. Den Amerikanern, den Franzosen, den Briten, den Sowjets. Dankbarkeit meint keine Teilnahme an Militärparaden (wie so oft in den letzten Jahrzehnten. Die deutsche Politik täte gut daran, gerade jetzt, 70 Jahre nach Ende des furchbaren Krieges auch derer zu gedenken, die als Deutsche, Vertriebene und Kanonenfutter, ich denke z.B. an die Kinder und Männer des Volkssturm, so viel schreckliche Erfahrungen machen mussten. Die Regierungsmitglieder gedenken der Opfer die die Alliierten für Deutschland zu beklagen haben. Sie gedenken der Grausamkeiten gegen Juden, Homosexuellen, Kommunisten, Behinderten und allen Insassen und Toten in den KZ. Noch immer kein offizielles Wort zu denen, die ihre Heimat verloren haben. Das aber würde ENDLICH das (teilweise immer noch) revanchistische Gelaber der Vertriebenenverbände abstellen helfen. Noch immer kein offizielles Wort über die Opfer durch Vergewaltigung durch ALLe Kriegsparteien. Auch nach der Befreiung. Und durch Angehörige aller Alliierter. Gedenken ist nie schwierig. Es braucht nur Anstand , Aufarbeitung und Dankbarkeit für die Möglichkeit in Frieden und Freiheit zu leben.
kojak2010 26.04.2015
3.
im zweiten WK sind insgesamt 56 Millionen Menschen gestorben. Nur so zur Info.
hubertrudnick1 26.04.2015
4. Eigene Vergangenheit
Es ist für alle Völker immer ein schwieriger Umgang mit der eigenen Vergangenheit, noch dazu, wenn man der Welt und deren Menschen so viel Leid angetan hat, aber wichtig ist, dass man daraus seine Lehren gezogen hat, wobei sich das zwar nie wieder wiederholen sollte, aber leider werden von uns Menschen solche Dinge nie ganz unterdrückt. Wir erleben es auf der ganzen Welt, dass es immer wieder zu solchen schrecklichen Dingen kommen kann und oft sind wir machtlos und schauen nur zu und lassen solchen Leuten/Verbrecher walten. Mit dem Sieg über den deutschen Faschismus hat die Welt versucht neue durchzustarten und sich geschworen, dass es ab jetzt eine friedliche Welt geben wird, aber es waren nur Versprechungen, die nicht eingehalten wurden. Menschen werden weiterhin in Gefangenlager gehalten, gequält, gefoltert und ermordet und es werden weiter ständig neue Kriege vom Zaun gebrochen, alles nur, um einer Gruppe ihren Machtanspruch zu sichern und auszubauen, gerade in der jetzigen Zeit können wir es miterleben, dass die Welt in Kriegen verstrickt ist und das viele Menschen ihr Leben und ihre Heimat verlieren und viele auf die Flucht sind und selbst wir, die in scheinbaren sicheren Gebieten leben unternehmen zu wenig, um die Flüchtlinge aufzunehmen. Der 8.Mai sollte uns daran erinnern, dass die Welt sehr zerbrüchlich ist und uns auffordern von unserer Seite positive Zeichen zu setzen. Wir brauchen dabei nicht mal über das Mittelmeer schauen, auch bei uns in Europa brodelt es und auch hier kämpfen und töten sich Menschen gegenseitig und das nur weil einige erneut die Machtfrage stellen.
kopp 26.04.2015
5. Noch ein Hinweis zur gestrigen Spiegel-Doku in Vox
Ich schau normalerweise kein Fernsehen, habe mir diesmal aber die Doku einige Stunden lang angesehen und fand die Berichte der Zeitzeugen recht aufschlussreich. Warum allerdings Historiker zu Wort kamen, die diese Zeit nicht erlebt haben, ist mir rätselhaft. Völlig deplatziert war die offensichtlich gefühlskalte 'Wissenschaftlerin' mit ihren Kommentaren zu den Gräueltaten an deutschen Vertriebenen. Genauso widersinnig ist die häufig wiederkehrende Rechtfertigung die Deutschen hätten diese Gräueltaten verursacht; das waren nicht 'die Deutschen' sondern Hitler und seine Helfershelfer. Kaum ein deutscher Soldat ist freiwillig in den Krieg gezogen.
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