Zwischenlager Ahaus Regierung will Atommüll nach Russland schicken

Die Bundesregierung plant einem Zeitungsbericht zufolge drei Castor-Atomtransporte nach Russland. Es handelt sich demnach um Atommüll aus einer einstigen DDR-Forschungsanlage. Umweltschützer warnen vor dem Vorhaben - das Atomzentrum im Ural sei nicht sicher.

Castor unterwegs (hier in Frankreich): 18 Behälter sollen von Ahaus in den Ural fahren
DPA

Castor unterwegs (hier in Frankreich): 18 Behälter sollen von Ahaus in den Ural fahren


München - Der Transport von elf Castor-Behältern aus Frankreich ins niedersächsische Zwischenlager Gorleben wird von heftigen Protesten begleitet - gleichzeitig plant die Bundesregierung nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung", Atommüll, der in Deutschland lagert, nach Russland zu schaffen.

Es handelt sich demnach um geplante Transporte von 951 Brennelementen in insgesamt 18 Castoren, die aus dem nordrhein-westfälischen Zwischenlager Ahaus in das russische Atomzentrum Majak im Ural gebracht werden sollen. Es soll dabei um Atommüll aus der früheren DDR-Kernforschungsanlage Rossendorf gehen.

Ein entsprechendes deutsch-russisches Abkommen zur Abnahme des Atommülls sei unterschriftsreif verhandelt, berichtet die Zeitung unter Berufung auf Regierungskreise. Die Brennelemente lagern demnach seit 2005 in Ahaus. Der Transporttermin sei noch offen. Die Transportgenehmigung des Bundesamts für Strahlenschutz solle bis April gelten, die Ausfuhrgenehmigung steht aber noch aus. Ziel sei es, "die Menge an hoch angereichertem Uran so weit wie möglich zu reduzieren", heiße es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen. Eine Endlagerung in Deutschland sei keine Option, weil ein entsprechendes Lager in naher Zukunft nicht zur Verfügung stehe.

Grundlage für den Transport ist dem Bericht zufolge ein Abkommen Russlands mit den USA über die Rückholung von Brennelementen aus Forschungsreaktoren, die einst von der Sowjetunion bestückt worden waren. Damit soll waffenfähiges Uran eingesammelt werden. Mehrere einstige Warschauer-Pakt-Staaten nutzten das. Allerdings sollten die Abfälle des DDR-Forschungszentrums Rossendorf ursprünglich in Ahaus bleiben, bis ein Endlager in Deutschland errichtet ist. Die Brennelemente sollen jetzt in Majak zur Verwendung in Kernkraftwerken aufbereitet und später in Russland endgelagert werden, heißt es.

Umweltschützer und Grüne kritisieren den Plan scharf. "Billig vor sicher, nur darum geht es hier", sagte die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl. Wladimir Sliwjak von der russischen Umweltlobby Ecodefense warnte der Zeitung zufolge, Majak sei nicht sicher genug. So sei die Anlage vor Flugzeugabstürzen nur unzureichend geschützt.

In Gorleben ist inzwischen die von Aktivisten besetzte Strecke vor dem Atommüll-Zwischenlager vollständig geräumt worden. Laut Protestinitiative "X-tausendmal quer" beteiligten sich bis zu 4000 Menschen an der Blockade. Nach Angaben von Greenpeace wurde auch der Lkw der Organisation von der Strecke entfernt. Das Fahrzeug hatte die Straße vor dem Verladebahnhof blockiert. Zuvor hatte die Polizei zwei Umweltschützer aus dem Lkw geholt, die mit Armen und Beinen an einem Betonblock befestigt waren.

Nach Einschätzung des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel zweifeln inzwischen selbst Unionspolitiker an der Einrichtung eines Endlagers in Gorleben. Am Ende würde die Union den Vorschlag machen, den Atommüll ins Ausland zu exportieren, sagte Gabriel am Montag: "Sie werden mit den Russen reden. Da gibt es die ersten Angebote, das in die Weiten Sibiriens zu bringen." Dies geschehe dann aber nach russischen Sicherheitsstandards und nicht nach deutschen. Dies sei unverantwortlich.

anr/dpa/Reuters



Forum - Castor-Transport - wie viel Protest darf's denn sein?
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Seite 1
Gluteusmaximus 02.11.2010
1. Fruchtloses Unterfangen mit Kultstatus?
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Die Grenzen sind doch schon lange erreicht. Wer nun glaubt, die Transporte würden, selbst bei einer "Ausweitung" dieser Aktionen, zu einem Einlagerungsstop führen, dem kann es nicht ernsthaft um die Sache gehen. Alle derartigen "Proteste" werden im Sande verlaufen. Für die "Demonstranten", die angesprochen wurden, geht es vielmehr um den Spaßfaktor, quasi ein Mega-Event, welches in der linksautonomen Szene Kultstatus erreicht hat. Hier scheint der oympische Gedanke ("dagegen sein ist alles") im Vordergrund zu stehen.
Robert Rostock, 02.11.2010
2.
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Wenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
GyrosPita 02.11.2010
3. Ich gebe keinen Titel mehr an
Zitat von Robert RostockWenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
In anderen Ländern werden vor solchen Anlässen Schnellgerichte eingeführt, um solche Verbrecher zeitnah aburteilen zu können. Das würde hier auch den einen oder anderen abschrecken, wenn einer von diesen selbstgerechten Weltverbesserern noch am gleichen Tag wegen gefährlichen Eingriffs in den Schienen/Straßenverkehr ein oder zwei Jährchen ohne Bewährung bekommen würde...
Eutighofer 02.11.2010
4. pseudo-religiöser Wahn
Es werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
rehabilitant 02.11.2010
5. Reaktion
Zitat von EutighoferEs werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
Schwachsinnige politische Entscheidungen ziehen gelegentlich schwachsinnige Aktionen der Betroffenen nach sich.
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