Superwahljahr 2017 Wie SPIEGEL ONLINE über Umfragen berichtet

Wahlprognosen sind in Verruf geraten. Trotzdem berichtet SPIEGEL ONLINE Woche für Woche über Umfrageergebnisse. Warum wir das machen - und welche Standards dabei gelten.


2016 war ein schlechtes Jahr für Wahlforscher - zumindest, was ihren Ruf in der Öffentlichkeit angeht. Im Juni prophezeite ein Meinungsforschungsinstitut, Großbritannien werde in der EU bleiben - und Stunden später kam der Brexit. Fünf Monate danach wählten die Amerikaner Donald Trump zu ihrem neuen Präsidenten. Von einem "Versagen der Umfragen" war auch hier die Rede.

2017 ist nun Superwahljahr in Deutschland. In den kommenden Wochen wählen Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein neue Landtage. Im September kämpft Angela Merkel (CDU) gegen Martin Schulz (SPD) in der Bundestagswahl um eine vierte Amtszeit. Und schon jetzt machen Umfragen zur Bundestagswahl Schlagzeilen.

SPIEGEL ONLINE berichtet ausführlich über die neuesten Sonntagsfragen und die Beliebtheitswerte der beiden Kandidaten. Haben wir aus dem vergangenen Jahr etwa nichts gelernt?

Doch, natürlich. Wir haben in der Redaktion intensiv diskutiert, wie wir künftig im Wahljahr mit Wahlumfragen umgehen und welche Standards wir dabei anlegen. Der Überblick:

Warum berichten wir überhaupt über Umfragen?

Zu unserer politischen Berichterstattung gehört es, die Stimmung im Land abzubilden. Vertreter von Parteien und Interessenverbänden können immer nur Einzelmeinungen äußern. Umfragen sind hingegen - zwischen den Wahlterminen - das einzige Werkzeug, das ein repräsentatives Meinungsbild der Menschen in Deutschland liefert. Was und wen halten die Menschen für wichtig? Wie ändern sich Ihre Einstellungen durch aktuelle Ereignisse? Solche Fragen können nur Meinungsumfragen beantworten.

Politiker orientieren sich bei der Ausübung ihrer Ämter oder bei der Festlegung ihrer Wahlkampfstrategie an Umfragen. Würden wir über Umfragen nicht berichten, hätten zwar die Politiker die Daten, unsere Leser aber nicht. Auch deshalb ist es wichtig, sie zu kennen, so wird politisches Handeln transparent.

In den vergangenen Jahren haben Umfragen die Wahlen in Deutschland zudem gut vorhergesagt - mit wenigen Ausnahmen. Die Berichterstattung fokussiert sich häufig auf diese negativen Ausreißer. Dabei gerät aus dem Blick, wie gut die Methoden prinzipiell funktionieren.

Über welche Umfragen berichten wir auf SPIEGEL ONLINE?

Sie finden auf SPIEGEL ONLINE zwei verschiedene Umfragetypen:

  • Der SPON-Wahltrend: In Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey erhebt SPIEGEL ONLINE einen eigenen repräsentativen Wahltrend. In regelmäßigen Updates berichten wir über Zustimmung zu einzelnen Parteien und gehen auf Zusammenhänge ein, wie zum Beispiel der Parteipräferenz nach Alter oder Geschlecht. Uns ist wichtig, dass der SPON-Wahltrend für Sie als Leser transparent ist. Deshalb finden Sie unter jedem dieser Artikel einen Kasten, der ausführlich die Methodik erläutert.
  • Ergebnisse anderer Umfrageinstitute: Wir berichten auch über die Ergebnisse anderer Umfrageinstitute, wenn diese relevante Neuigkeiten beinhalten. Wenn die SPD zum Beispiel in einer Umfrage erstmals die CDU/CSU überholt, ist das so ein Fall. Dabei berichten wir nur über Umfragen, die bestimmte methodische Standards erfüllen. Dazu gehört, dass die Umfragen repräsentativ sind. Das bedeutet, dass die Umfragen die Meinung der Bevölkerung tatsächlich widerspiegeln - wichtig ist dafür zum Beispiel, dass ausreichend viele Menschen befragt werden. Wenn uns in der Berichterstattung über Umfragen Fehler unterlaufen, korrigieren wir sie transparent.

Wie berichtet SPIEGEL ONLINE über Umfragen?

Eine Lehre des vergangenen Jahres ist: Die Berichterstattung muss die Unsicherheit der Wahlumfragen explizit benennen. So waren die Umfragen in den USA vor der Wahl mit erheblichen Unsicherheiten belastet und der Vorsprung von Hillary Clinton vor Donald Trump war nicht so sicher, wie es den Eindruck machte.

Woher kommen diese Schwankungen? Es gibt eine Reihe von Fehlerquellen bei Umfragen; letztlich lassen sie sich alle darauf zurückführen, dass man nicht jeden Bürger befragt, sondern nur eine kleine Auswahl. Deshalb liefern Umfragen niemals exakte Ergebnisse, sondern nur Schätzungen, die mit Fehlern behaftet sind.

Ein Beispiel: In einer Umfrage kommt heraus, dass 30 Prozent für die SPD stimmen wollen. Der statistische Fehler beträgt 3 Prozent. Dann bedeutet dies: Die Zustimmung der SPD liegt zwischen 27 und 33 Prozent, am wahrscheinlichsten sind 30 Prozent.

Auf diese Fehlerbereiche weisen wir in unseren Artikeln hin - im Fall des SPON-Wahltrends zum Beispiel so:

Auch bei fremden Umfragen finden Sie Angaben zum Fehlerbereich, zum Institut, zum Befragungszeitraum und zur Methodik im Artikel. Wann immer möglich, vergleichen wir zudem die Ergebnisse mehrerer Umfragen zum selben Thema und verlinken zu den Originalquellen, damit auch deutlich wird, welche Fragen genau gestellt wurden.

Wir möchten Sie schnell, präzise und transparent über Wahlumfragen informieren - das ist unser Anspruch. Dann, sind wir überzeugt, liefern die Umfragen einen wichtigen Beitrag zur politischen Meinungsbildung in Deutschland.

Christina Elmer und Roland Nelles (für das Politik-Ressort und das Daten-Team von SPIEGEL ONLINE)



insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
RamBo-ZamBo 21.03.2017
1. asdf
Klingt für mich wie die Mär vom "besser erklären" die uns die Politiker seit längerem erzählen. Nach dem Motto: Wir haben keine Fehler gemacht, es bleibt alles wie es ist, wir müssen es den Leuten nur besser verkaufen. Die wahre Ursachen für ungenaue Prognosen wurden hier gar nicht thematisiert: Die fortgeschrittene Individualisierung und die Zersplitterung in immer kleinere Milieus, die Diskrepanz zwischen öffentlich vertretener und privater Meinung, sowie die Schnelllebigkeit des politischen Diskurses.
jh2015 21.03.2017
2. Sinnvolle Berichterstattung aber bitte mit Hintergrundinfo
Sicher sinnvoll, ueber die Trends in Wahlumfragen zu berichten. Dabei sollten jedoch ein paar Punkte beachtet werden:1) Berichte nicht ueber einzelne Umfragen , sondern immer vollstaendig im Vergleich aller aktuellen Umfragen, 2) Toleranzbreite herausstellen, 3) Verdeutlichen , ob " aktuelle Stimmungslage" oder "Prognose" des Institutes, 4) Wenn verfuegbar , waere es gut mehr darueber zu erfahren , wie die jeweilige Agentur ihre Justierungen fuer die "Prognose" vornimmt. 5) Deutlich herausstellen , wann die Ufrage durchgefuehrt wurde , da einige erst mit Verzoegerung von bis zu 1 Woche kommuniziert werden. Abschliessend bleibt anzumerken , dass man in Schwankungen zwischen Umfragen innerhalb des Toleranzbereiches doch bitte nicht zuviel hineininterpretieren sollte - auch wenn man eine Schlagzeile braucht.
nostalghia14 21.03.2017
3. Repräsentativ?
Achtung, was heißt hier repräsentativ? In Bezug auf "Menschen in Deutschland" oder doch eher auf Menschen, die online bei SPON mitmachen? Seriöser wäre es, wenn Sie in Ihrem Artikel auch hinzufügen würden, dass sich solche Online-Umfragen von Civey unterscheiden von Telefon- oder Direktbefragungen. Denn bei Onlinebefragungen sind jüngere Menschen über- und ältere Menschen unterrepräsentiert. Und ich mutmaße mal, dass SPON eher links- als rechtsgerichtete Zielgruppen anspricht. Daher wundert es mich nicht, dass die Umfragen von Civey die Zustimmung für Martin Schulz etwas überbewerten.
Laura.S 21.03.2017
4.
Wieso wird trotz angeblicher Transparenz nicht darauf hingewiesen, dass der Gründer und Geschäftsführer Gerrit Richter von Civey vor einigen Jahren den Vorsitz der SPD Main-Taunus innehatte und Mitarbeiter des SPD-Bundestagsabgeordneten Hans Eichel war? So hat das ganze wieder einen faden Beigeschmack..
auchdasnoch 21.03.2017
5. Civey
Grundsätzlich finde ich die Partnerschaft von SPIEGEL online mit Civey ja ganz interessant. Wenn ich das richtig verstehe, wird ja eine nicht-repräsentative Umfrage (nichts anderes ist Civey) durch die Gewichtung der Nutzerdaten in eine repräsentative Umfrage umgerechnet. Es wird sich zeigen (interne Daten liegen bestimmt schon vor), ob man mit dieser Methode zu ähnlichen Ergebnissen kommt wie echte, repräsentative Umfragen. Allerdings beschleichen mich Zweifel, ob das wirklich so gut funktioniert. Civey ist ja vorselegiert, d.h. es nehmen überproportional Bürgerinnen und Bürger teil, die politisch interessiert sind. Wie man das rausrechnen kann, ist mir schleierhaft. Außerdem besteht im Prinzip Missbrauchsverdacht: wer danach trachtet, die Umfrageergebnisse zu fälschen, muss wahrscheinlich Nutzerdaten angeben, die dem eigenen Urteil ein höheres Gewicht verleihen. Wenn also der durchschnittliche Civey-Nutzer, sagen wir mal, männlich und 40 ist, dann könnte ein 40-jähriger Mann mit Verzerrungsabsichten angeben, er sei eine 80-jährige Frau. Da dürfte die "Stimme" dann wahrscheinlich 10-mal so viel "wert sein"...
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