Ostseefischer: Lietzows Leben

Von Maik Brandenburg

2. Teil: Glück ist, sagt Lietzow, wenn man gesund ist und Ehehälfte keine Landplage. Zum 2. Teil...

Lietzow zieht seine Schlappen aus, zwischen Busch und Zaun eines Ferienhauses liegt sein Zeug, den Kanister mit dem Diesel deckt Strauchwerk. Stets ist einer am Ufer, der sich mit ihm gegen das Boot stemmt, bis es Wasser fasst. Der es mit ihm herauszieht, das ist das Gute am Berühmtsein. Das Schlimme sind die Fragen.

Wieso er sich das noch antut, in seinem Alter, ist solch eine Frage. Nicht, dass er nichts darauf zu sagen wüsste, die Sache ist ganz einfach. Weil es, sagt Lietzow, mein Geschäft ist. Weil ich, sagt er, sonst wie eine Ente ohne Wasser bin. Weil ich es noch kann, sagt Lietzow.

Doch merkwürdigerweise reicht das den wenigsten. Da ist jemand wie kaum einer, so voller Alter und Leben, und drumherum die Bilder stimmen auch: die Sonnenaufgänge, die funkelnde See, der einsame Kampf gegen die Gewalten. Was sollen da "Ente" und "Geschäft", wenn doch Traum oder Glück oder wenigstens Erfüllung die Schlagworte sein müssen! Glück? "Das ist", sagt Lietzow, "wenn man gesund ist und die Ehehälfte keine Landplage." Glück war auch der 1. Mai 1952, als er acht Zentner Fisch in einem Hol hatte, "Heringe so dick wie Holzscheite". Vor 15 Jahren im Herbst waren es noch mal sechs Zentner. Glück. Lietzow kraust die Stirn.

Filetiert und verkauft wird am Strand. Meist hilft Gattin Gerda, 80 Jahre
Andreas Grosse

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"Wahre Werte" seien es, die ihn treiben, steht in einem Buch, in dem Lietzow aus seinem Leben erzählt. Geschrieben und herausgegeben wurde es vom Schwiegersohn. "Wahre Werte", das Buch geht in die nächste Auflage. "Tja", sagt Heinz Lietzow und guckt verlegen, "ich weiß auch nicht, was der Junge damit meint."

Das Boot schaukelt bedenklich, die Kisten mit den Netzen schlagen gegen das Holz. Der Diesel tuckert, bei solcher See rudert Lietzow nicht, da muss der Motor ran. Lietzow sitzt an der Pinne, die Augen geschlossen. Tatsächlich, er schläft. Gleich ratscht der Kiel übers Gestein. Rechtzeitig schlägt Lietzow die Augen wieder auf, ruckt am Ruder, gönnt seinen Händen einen Schwall warmer Auspuffluft. Die Wolken sind verschwunden, hinterm Land versinkt die rote Sonne im Meer. "Schön, was?", sagt der Fischer und stoppt. "Dann wollen wir mal die Netze in weitem Bogen auslegen."

Der Morgen war nicht gut, ein paar schäbige Heringe, etwas Dorsch, wieder kein Aal. "Wie ein Angler", murmelt Lietzow, und wer ihn kennt, weiß, eine schlimmere Schmähung hat er nicht. Ihm sind Angler egal, eigentlich. Nur eben: Er ist keiner. Er ist keiner von denen, die nur zwei Koppel Reusen setzen dürfen. Er hat eine Steuernummer und für die Unfall- und Rentenversicherung einzutreten, und eine halbe Rente kriegt er außerdem. "Denn als Selbstständiger war ja niemand da, der für mich einzahlte."

Wenn also jemand kommt und meint, er fische nur für den Eigenbedarf, dann ist das - Lietzow zieht den Kopf ein, als nehme er Stellung für einen nachträglichen Rammstoß. "Na ja", sagt er schließlich, "unerhört ist das." Die Reporterin vom lokalen Blatt kommt ihm jedenfalls nicht mehr ins Haus.

Noch immer rollt die See, Lietzow steht am Bug wie angeschraubt. Netz für Netz lässt er aus den Kisten gleiten, ein sanfter Sog verschlingt das Gewebe: Dick ist es, selbst die Nebenerwerbsfischer haben schon besseres Garn, solider, unsichtbar, Nylonfasern, die nicht quellen und den Schlick fangen. Lietzow reicht sein altes Werk hin. Nach dem letzten Besuch der Berufsgenossenschaft, die regelmäßig die Ausrüstung kontrolliert, musste allerdings ein neues Boot ran. Es ist Lietzow nicht leid ums Geld, auch wenn es ein arger Schlag in die Kasse war. Nur, der alte Kahn hat immerhin 40 Jahre was genutzt. Im neuen, womöglich, wird er sterben. Der Tod schreckt ihn nicht, "den muss man in Kauf nehmen". Aber das neue Boot! "Das ist ja danach wohl nicht mehr zu gebrauchen."

Noch einmal ein paar Zentner Hering auf einen Schlag, sagt Lietzow, das wäre ein guter Abschluss. Doch auch am nächsten Morgen füllt die Beute kaum eine Kiste, ist in Minuten verkauft, was ihn den langen Schlaf, den geruhsamen Abend gekostet hat. In solchen Momenten wirkt er gebeugter als ohnehin.

"Wie lange", will einer wissen, "wie lange wollen Sie das noch machen?" Wieder so eine Frage. Lietzow reibt sich den lädierten Arm, schüttet Wasser aus dem Eimer. Wie lange noch? Er zögert, sieht auf die Frau, das Meer, das Boot. Dann zieht er lächelnd den Ärmel hoch, guckt auf die Uhr. "Na, ein bisschen schon noch", sagt er dann. "Mittag gibt's doch erst um zwölf."

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  • Datum: Freitag 05.09.2003 | 06:17 Uhr
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