Berlin/Hamburg - Mancher Urlauber orientiert sich bei der Wahl seines Hotels einfach an den Sternen. Doch dass solche Angaben in den Katalogen besonders aussagekräftig sind, darf bezweifelt werden. "Von Land zu Land gibt es ganz andere Auffassungen darüber, was gute Hotels sind", sagt Markus Luthe, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Hotelverbands Deutschland in Berlin.
Mit wie vielen Sternen sich ein Hotel schmückt, hängt deshalb schon vom Reiseziel ab - einer bis fünf ist die übliche Spannbreite, in seltenen Ausnahmefällen gibt es sechs. "Bei sieben ist das Ende der Fahnenstange endgültig erreicht", sagt Christian Boergen, Sprecher des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verbandes (DRV) in Berlin. Das "Burj al-Arab" in Dubai gilt als einziges Luxushotel der Welt mit so vielen Sternen.
Doch wer tatsächlich wie viele Sterne bekommt, ist so gut wie nicht geregelt: "In Frankreich sind drei Sterne etwas anderes als in Deutschland", erläutert Bettina Hobelsberger von der Neckermann-Pressestelle in Frankfurt/Main. Für Urlaubshotels würden andere Regeln als für Business-Hotels gelten. "Es ist allerdings auch nicht einfach, länderübergreifend Standards zu finden", sagt Andreas Michael Casdorff von der TUI in Hannover.
Kriterien, die auch auf eine Justizvollzugsanstalt zutreffen
Dem kann Markus Luthe nur zustimmen: "Das ist schon in Europa unglaublich schwierig. Selbst bei der Frage, was überhaupt ein Hotel, was ein Doppelbett und was ein Frühstücksbüfett ist, gibt es Probleme, sich zu einigen", sagt der Experte. "Wenn man jedoch einfach den kleinsten gemeinsamen Nenner wählt, kommt man zu Kriterien, die auch auf eine Justizvollzugsanstalt zutreffen."
Der Teufel steckt oft im Detail: "In Spanien beispielsweise ist ein Doppelbett 1,35 Meter breit, in Deutschland müssen es 1,80 sein", sagt Luthe. "Wenn man Standards entwickeln will, macht es keinen Sinn, sich in der Mitte zu treffen." Darüber, was über solche Detailfragen hinaus die Qualität eines Hotels ausmacht, gehen die Vorstellungen von Land zu Land zum Teil komplett auseinander.
So ist für Fünf-Sterne-Häuser in den USA vorgeschrieben, dass den Gästen eine Eismaschine zur Verfügung stehen muss. In Portugal müssen an der Rezeption Zigaretten erhältlich sein, in Frankreich muss das Bad ein Bidet besitzen und in England ein warmes Frühstück mit gebratenem Speck oder Würstchen auf der Speisekarte stehen. Die Griechen dagegen bestehen auf doppelte Vorhänge vor den Fenstern, will ein Hotel fünf Sterne bekommen.
Drei-Sterne-Häuser haben in Deutschland den größten Anteil
In Deutschland gibt es erst seit 1996 einheitliche Hotelstandards, und die Teilnahme an der Klassifizierung ist freiwillig. Die Kriterien legt der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband fest. "Vorher durfte sich jeder so viel Sterne geben, wie er wollte", sagt Luthe. Von den bundesweit 38.000 Beherbergungsbetrieben haben sich bisher 7000 klassifizieren lassen. Rund zehn Prozent kommen jedes Jahr neu hinzu - mit 60 Prozent haben Drei-Sterne-Häuser den größten Anteil.
Eine Einigung über Hotelstandards rund um den Globus ist aber Casdorff zufolge weiterhin nicht in Sicht. Die World Tourism Organization hat zwar 1975 Minimalbedingungen festgelegt, die zum Beispiel Zimmergrößen für Drei-, Vier- und Fünf-Sterne-Hotels festlegen sowie Standards bei der Ausstattung vorschreiben. Aber verbindlich ist das nicht.
Noch irritierender für viele Urlauber dürfte allerdings sein, dass selbst einzelne Veranstalter die Hotels anders bewerten: "Ein Hotel, das bei Neckermann vier Sterne hat, muss nicht auch bei TUI vier Sterne haben", sagt Bettina Hobelsberger.
Im Gegenteil: Die TUI hat verglichen, wie viele Sterne die identischen Hotels in ihrem Katalog und in denen der Konkurrenten bekommen. Egal ob Alltours, Öger oder FTI - immer sind es dort mehr. Schmu und Etikettenschwindel? "Überhaupt nicht", sagt DRV-Sprecher Christoph Boergen: "Die TUI ist eher ein Oberklasse-Veranstalter. Die müssen bei der Hoteleinstufung zurückhaltender sein. Andere Veranstalter schneiden das auf ihre Bedürfnisse zu."
"Sterne allein helfen nicht weiter"
Für die Kunden sei das kein Problem: "Nur ein Prozent aller Reklamationen betrifft die Hotelklassifizierung", bestätigt Wybcke Meier aus der Geschäftsleitung von Öger Tours in Hamburg. Der Veranstalter bietet vor allem Reisen in die Türkei an und arbeitet dort mit rund 500 Hotels zusammen. "Bei der Klassifizierung orientieren wir uns an der Einstufung des türkischen Tourismusministeriums", erläutert Meier.
Die Zahl der Sterne, Palmen oder Sonnen sei aber keine amtliche Kategorie, betont Boergen. Wer danach seine Unterkunft aussuchen will, sei deshalb gut beraten, nach den Kriterien zu gucken: "Die erläutert jeder Veranstalter im Katalog." Dort lässt sich nachschlagen, was ein Drei- oder Vier-Sterne-Hotel ausmacht.
"Sterne allein helfen nicht weiter", sagt auch TUI-Manager Casdorff. So zeichnet die TUI Hotels in ihren Katalogen auch nach den Ergebnissen von Gästebefragungen aus: Die 100 Hotels mit der besten Gästeeinschätzung bekommen eine Kennzeichnung, den "Holly" - das Prinzip ist offenbar so gut, dass auch die Konkurrenten von Neckermann so arbeiten, nur dass der "Holly" hier "Primo" heißt. Urlauber können sich zwar auch in diesem Fall nicht darauf verlassen, dass die Auszeichnung das garantiert, was sie sich unter Qualität vorstellen. Aber sie wissen zumindest, dass es anderen dort bereits gefallen hat.
Von Andreas Heimann, gms
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