Nachdem die beiden Schiffe in einer kleinen, geschützten Bucht in der Nähe der ukrainischen Forschungsstation "Vernadsky" Anker geworfen haben, gibt es nicht viel mehr zu tun, als die Abendwärme zu genießen und Pisco zu trinken. Das chilenische Mixgetränk aus Rum, frisch gepressten Limetten, Eis, geschlagenem Eiweiß und Puderzucker ist beinah ebenso bizarr wie die Umgebung. Die Forschungsstation Vernadsky ist unter Antarktis-Reisenden auch als südlichste Bar der Welt bekannt - an diesem Abend werden wir herausfinden warum.
Während die Teilnehmer der Expedition, die Bergführer, Schiffscrew und Kommunikationsspezialisten zwischen den Booten und der Station hin und her laufen, entwickelt sich fast unbemerkt eine Party. Vladimir, Vladimir, Vladimir und Yevgeny sind zwei ukrainische Forscher, der Stationschef und der Koch. Sie kommen mit einer Flasche Wodka als Willkommensgeschenk.
Schnell werden die Gläser gefüllt, und die Toasts sind ein Zeichen internationaler Freundschaft. Der Schiffsarzt, Arik Shechter, der aus der Ukraine nach Israel einwanderte, hilft bei der Übersetzung, aber die Begründungen für das nächste Anstoßen werden weniger und weniger deutlich und stoßen auch auf immer weniger Interesse bei den Beteiligten.
Als eine Geste der Gastfreundschaft lädt die Crew der "Pelagic" die ukrainischen Freunde zu einem Abendessen an Bord mit gebratenem Lamm, Kartoffelpüree mit Karotten sowie reichlich Wein und Wodka. Alle Versuche einer ernsten Unterhaltung erweisen sich sehr bald als vergeblich.
Nasser Quass, ein Muslim, der keinen Alkohol trinkt, scheint von der Stimmung ganz berauscht. "Ich glaub nicht, was ich hier sehe," sagt er. "Guck dir all diese Israelis, Palästinenser, Franzosen, Amerikaner und Ukrainer an - alle an einem Tisch und alle haben sie Spaß. Jeder spricht eine andere Sprache, und es macht nichts aus, ob man sich wirklich versteht. Sie haben einfach nur eine gute Zeit zusammen. Zu Hause wird mir niemand glauben, wenn ich sage, dass es das ist, was ich in der Antarktis entdeckt habe."
Sonntag, 11. Januar
Prospect Point, Antarktis, 66 Grad Süd, 65 Grad West
Die "Pelagic Australis" gleitet sehr behutsam durch die schwimmenden Eisschollen entlang der Küste der antarktischen Halbinsel. Vor einer Woche noch war das Eis in der Bucht zugefroren und Prospect Point für Schiffe unerreichbar. Heute segeln wir bis nahe ans Festland heran.
Aufregung an Bord des Schiffes: Die "Breaking the Ice "-Expedition sieht den Berg, der in einigen Tagen bestiegen werden soll - den Berg, von dem aus die Welt hören soll, dass Menschen aus zwei verfeindeten Völkern sehr wohl all die geschichtlich begründeten Differenz beiseite lassen können, um zusammen an einer besseren Zukunft zu arbeiten.
Vom Schiff aus sieht der Berg nicht sehr hoch aus. - aber die Entfernungen können täuschen.
Das Wetter ist phantastisch - sonnig und warm, windstill und ein Himmel ohne Wolken. Alle an Bord sind leicht bekleidet - ohne Handschuhe oder Mützen. Da die Sonnenstrahlen im Wasser stark reflektieren, sind Sonnenbrillen en vogue - und wir alle hoffen, dass das Wetter für die nächsten Tage so bleibt, um einen reibungslosen Trek durch das Eis zu ermöglichen.
Dennoch, die Expedition muss auf alles vorbereitet sein - also wird dieser Tag genutzt. Skistöcke, Schneeschuhe, Essen und Kochutensilien, Seile und Zelte werden gesammelt, gezählt, auf Vollständigkeit überprüft. Hinten an Deck hilft Kommunikationsspezialist Tony Robinson dem Medientechniker Mario Dieringer die tragbare Satellitenstation, den Generator, Treibstoff und die Computer zusammenzupacken und zu testen. Insgesamt 150 Kilogramm schleppen die Teilnehmer mit aufs Eis, um TV-Material in alle Welt schicken zu können.
Der Expeditionsarzt Arik Shechter stellt seine medizinische Versorgung zusammen - von Aspirin zu chirurgischen Werkzeugen, startklar für jede Eventualität, die den Teilnehmer begegnen können. Kameramann Colin Rosin ist immer zwischendrin dabei und fängt Bilder ein. Denis Ducroz, leitender Bergführer der Expedition, sowie der Kapitän der "Pelagic Australis", Skip Novak, machen sich auf den Weg, um die Route auszukundschaften. Avihu und Suleiman laden währenddessen die Ausrüstung in die Schlauchboote und fahren sie an Land. Bei dem Fußmarsch werden die Schlitten mit all dem beladen, was zu schwer oder zu groß ist, um auf dem Rücken getragen zu werden.
Die Vorbereitungen dauern beinahe den ganzen Tag. Ist die Gruppe erst unterwegs, gibt es kein Zurück mehr.
Die Zusammenarbeit steht in krassem Gegensatz zu der erhitzten Debatte vom Abend zuvor. Dabei wollten die Expeditionsteilnehmer einen gemeinsamen Text für die Deklaration formulieren, die sie auf dem Gipfel verlesen. Gesucht sind Worte, die starken Widerhall sowohl bei Israelis als auch bei Palästinensern finden.
Wie findet man Aussagen, die allgemein genug sind, um von allen akzeptiert zu werden, und die dennoch stark genug sind, um die eigentliche Botschaft zu liefern? Die Unterhaltung begann zunächst ruhig. Heskel schlägt vor, dass die Erklärung die einfache Tatsache beinhalten sollte, dass das Team zu dem Schluss gekommen ist, dass Israelis und Palästinenser zusammen in Frieden leben können.
"Das ist das, was wir hier untereinander feststellen," sagt Heskel, "Wir sind nun seit zehn Tagen zusammen - seht, wie wir zusammen auskommen. Das sollte unsere Botschaft an die Welt sein: dass wir es können und dass es getan werden kann." Der Vorschlag stieß auf breite Zustimmung.
Die Atmosphäre lud sich auf, als Suleiman vorschlug, dass die Erklärung doch detaillierter sein müsse und eine Ablehnung gegenüber der Mauer beinhalten solle, die gerade von Israel gebaut wird. Doron bemerkte dazu, dass es nicht der Sinn der Expedition gewesen sei, dem Ganzen eine politische Note zu geben. Dass es um Menschlichkeit ging und gehen sollte.
Als Ziad vorschlug, dass die Erklärung jegliche Gewalt ablehnen sollte, argumentierte Avihu, dass Israels Aktionen gegen die Palästinenser keine Gewalt sein, sondern eher Selbstschutz. Je länger die Unterhaltung dauerte, umso bitterer wurde sie. Avihu wurde wütend, als Nasser argumentierte, dass Israel und die Juden kein eigentliches Recht auf das hätten, was sie den Tempelberg Jerusalems nennen - dort, wo die al-Aksa-Moschee steht, habe es nie einen jüdischen Tempel gegeben.
Nasser war ungehalten, als Yarden den Chef der palästinensischen Autonomiebehörde einen Terroristen und Mörder nannte. Ziad verließ den Raum und behauptete, dass die Unterhaltung zum Forum für Sensationsgehabe verkommen sei. Und Olfat, die die ganze Zeit etwas abseits gesessen hatte, erschien wie gelähmt durch die aggressive Atmosphäre. Später brach sie in Tränen aus.
Aber ungeachtet dieser Differenzen waren alle Teilnehmer am nächsten Morgen zurück an Deck, um bei der Vorbereitung und dem Zusammenstellen der Ausrüstung zu helfen.
Spät am Nachmittag steht das erste Basislager. Die Zeit ist da, physische und mentale Fähigkeiten zu testen und zu beweisen, dass das Eis sich brechen lässt.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Aktuell | RSS |
| alles zum Thema Breaking the Ice | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH