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30.01.2004
 

Schweiz

Das Geschäft mit dem Kreuz

Die Schweiz gilt in Deutschland im allgemeinen als betulich und etwas spießig. Doch jetzt setzen Schweizer neue Modetrends, die mit Heidi, Geiße-Peter und Alm-Öhis nichts mehr zu tun haben. Das Schweizer Kreuz prangt heute auf Klamotten, Taschen und jeglichen Designobjekten, die sich inzwischen bis nach Japan verkaufen.

Angesagt: In Deutschland werden Kleidungsstücke mit dem Schweizer Kreuz immer populärer
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Angesagt: In Deutschland werden Kleidungsstücke mit dem Schweizer Kreuz immer populärer

Zürich/Berlin - Schweizer mögen es präzise. Das gilt natürlich erst recht beim rot-weißen Landeswappen. Ein Beschluss des Bundesrates aus dem Jahr 1889 regelt die Verhältnisse beim Schweizer Kreuz: Die vier untereinander gleich langen Arme müssen in sich um exakt ein Sechstel länger als breit sein. Entsprechende Akkuratesse wird heutzutage in Modedingen eigentlich nicht mehr gepflegt. Das hat aber nicht verhindert, dass das Schweizer Kreuz, dessen Ur-Design auf das 13. Jahrhundert zurückgeht, weltweit zum Kultsymbol von Trendbewussten aufsteigen konnte.

Prangte das Kreuz der Eidgenossen früher allenfalls auf Souvenirs oder den Taschenmessern der Firmen Victorinox und Wenger, ist derzeit kaum ein Kleidungsstück oder Designobjekt vor ihm sicher: T-Shirts, Kapuzenjacken, Gürtel, Handtaschen, Tassen und Teller werden damit veredelt, ja sogar Unterwäsche. "Ich bin immer wieder verblüfft, wie oft ich in der Fremde unserem Staatswappen begegne", sagt Thomas Erne von der Fremdenverkehrsorganisation Schweiz Tourismus in Berlin.

Wie hat es die traditionell als betulich und ein bisschen spießig geltende Schweiz geschafft, cool zu werden? Vielleicht spielt Ironie eine Rolle - wie bei den Accessoires der zu Lebzeiten völlig uncoolen DDR, die derzeit ebenfalls hoch im Kurs stehen. Karin Frick, Trend- und Konsumforscherin beim Gottlieb-Duttweiler-Institut in Zürich, ist dagegen überzeugt, dass die Schweiz ihr altes Image abgeschüttelt hat: "Es gibt die neue Schweiz, die nichts mit dem Reich von Heidi und dem Alm-Öhi zu tun hat." Die Schweizer Landesausstellung Expo 2002 habe ein modernes Bild des Landes in die Welt getragen. Die Techno-Szene in Zürich ziehe schon seit längerem Aufmerksamkeit auf sich. "Und dann war da ja auch noch unser Berliner Botschafter Thomas Bohrer samt Gemahlin."

Alphörner, hohe Berge und sattgrüne Wiesen: Nicht zuletzt dank alter Klischees verkaufen sich Produkte mit dem Schweizer Kreuz derzeit bestens
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Alphörner, hohe Berge und sattgrüne Wiesen: Nicht zuletzt dank alter Klischees verkaufen sich Produkte mit dem Schweizer Kreuz derzeit bestens

Der Ursprung der "Swissness"-Welle liegt freilich in der Schweiz selbst. Er fällt in eine Zeit, in der das nationale Selbstbewusstsein durch die Swissair-Pleite und andere Skandale Schaden genommen hatte. Dementsprechend war es kein Schweizer, sondern eine Angestellte aus Finnland, der im Herbst 2000 beim T-Shirt-Produzenten Printbox in Chur der zündende Gedanke kam: "Wir hatten sie einfach gefragt, welches Motiv sie im Sortiment noch vermisst", erinnert sich Inhaber Patrick Spescha.

Die Produktion lief gemächlich an. "Irgendwann gab es dann eine Explosion. Die Hemden wurden einem förmlich vom Leib gerissen", so Spescha. Eine Zeit lang bestimmten die patriotischen Leibchen das Straßenbild in den Schweizer Städten. Inzwischen ist eine gewisse Sättigung eingetreten, nachdem eine Kiosk-Gesellschaft 30 000 Hemden zum Discountpreis anbot. Doch im Ausland hat man vom Schweizer Kreuz, militärisch völlig unbelastet, noch lange nicht genug.

Bis nach Tokio exportiert die Sattlerei Karlen aus Törbel im Oberwallis ihre Produkte. Das ist umso bemerkenswerter, als die 500-Seelen-Gemeinde bis dahin selbst für Schweizer Verhältnisse als abgeschieden und etwas eigenbrötlerisch gegolten hatte. Als der Verkauf bestickter Edelweißgürtel immer weiter zurückging, begab sich der betagte Seniorchef auf die Suche nach einer neuen Produktidee. Gemeinsam mit einem freischaffenden Ethnodesigner entwickelte er die Idee, aus ausgedienten, kratzigen Wolldecken der Schweizer Armee Taschen anzufertigen. Als Hoheitszeichen immer mit dabei: das Kreuz.

Techno-Girls und Retro-Look statt Heidi und Geiße-Peter: Die junge Schweiz hat - abgesehen von der Landschaft - mit dem Reich von Alm-Öhi und Co. nur noch wenig zu tun
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Techno-Girls und Retro-Look statt Heidi und Geiße-Peter: Die junge Schweiz hat - abgesehen von der Landschaft - mit dem Reich von Alm-Öhi und Co. nur noch wenig zu tun

Inzwischen ist das Sortiment erheblich ausgeweitet worden: Erhältlich sind neben Taschen in allen Variationen auch Hausschuhe, Gürtel, Schlüsselanhänger, Börsen, Etuis für Brillen und Kondome. Der Familienbetrieb musste inzwischen zehn Mitarbeiterinnen aus dem Dorf anheuern, um der Nachfrage Herr zu werden.

Auf der gleichen Erfolgswelle segelt das Label Alprausch. Erst vor zweieinhalb Jahren gegründet, sind die Textilien und Accessoires aus Zürich bereits in rund 250 deutschen Läden erhältlich. "Ich habe für andere Marken gearbeitet", sagt der deutsche Importeur Michael Trespe aus Hamburg, "aber dieser Erfolg ist extrem." Alprausch, hervorgegangen aus der Snowboardszene, mischt alpenländisches Kolorit mit dem Retro-Stil der sechziger Jahre: "Bond-Girls, in Schnee und Catsuits oder stylischen Strickteilen, slicke Sportwagen, Alpensurfer, Sonnenuntergänge, Kaminfeuer und natürlich Berge - das ist die Alprausch-Welt", heißt es in einem Werbetext.

Das Schweizer Kreuz kommt dabei dezent, aber unverkennbar zum Einsatz, etwa auf den hinteren Hosentaschen einer Jeans. Künftig will der Hersteller aber vermehrt nach alternativen Symbolen Ausschau halten. So soll in der Sommerkollektion erstmals der Löwe als Wappentier Zürichs auftauchen. "Wir müssen aufpassen, dass wir mit dem Schweizer Kreuz nicht in die Nähe von Werbeartikeln abrutschen", erläutert Trespe.

Eine Mischung aus alpenländischer Folklore und dem Retro-Stil der sechziger Jahre: Bei Alprausch wird die mondäne Seite der Schweiz betont
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Eine Mischung aus alpenländischer Folklore und dem Retro-Stil der sechziger Jahre: Bei Alprausch wird die mondäne Seite der Schweiz betont

Nicht ganz schuldlos an diesen Abgrenzungsbemühungen ist die Schweiz Tourismus. Sie regte Mitte vergangenen Jahres beim Unternehmen Customerce in Frankfurt am Main an, doch in das Merchandising-Geschäft mit dem Schweizer Kreuz einzusteigen - ein guter Tipp, wie sich zeigen sollte: "Dass der Verkauf so abgeht, hätte ich nicht gedacht", staunt Geschäftsführer Udo Ernst.

Auch Ernsts Produktpalette wächst ständig. Neben Hemden und Jacken - zum Teil im Retro-Design - gibt es unter anderem Mousepads, Schürzen und Krawatten. Im Sommer könnten nach entsprechenden Kundenwünschen Bikinis, Badeshorts und Strandtücher dazukommen. Und nur ganz Pingelige dürften es als Schönheitsfehler empfinden, dass Ernsts Artikel die Schweiz nie gesehen haben - sie sind "Made in Germany".

Von Tobias Wiethoff, gms

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