Fort Myers - In lässiger Pose, das Mikrofon in der einen Hand und den Kaffeebecher in der anderen, steht Bob Rando auf dem Touristenboot. "Hurrikane sind für die Natur hier nichts Neues. Neu sind sie höchstens für uns", erzählt er den rund 20 Urlaubern, die sich an Bord der "Playtime" durch die Inselwelt vor der Westküste Floridas schippern lassen. Die Sonne wärmt selbst im Winter angenehm,das ruhige Wasser vor Sanibel und Captiva Island glitzert. Dass vor einem halben Jahr eine Serie von vier Hurrikanen in nur sechs Wochen Florida mit verheerender Wucht durchquerte und Wirbelsturm "Charley" am Nachmittag des 13. August genau in dieser Region, nördlich von Captiva, auf Land traf, lässt sich vom Boot aus kaum mehr erkennen.
Hurrikane prägten die Insellandschaft
Doch Bob hat eine Botschaft für seine Zuhörer, die sich bei ihrem Ausflug auf das winzige Eiland Cabbage Key von ihm unterhalten lassen: Dass Hurrikane diese Insellandschaft, gesäumt von weißen Stränden, Palmen, Kiefern und Mangroven, erst mit geprägt haben.
Bob zeigt auf mehrere schmale Wasserstraßen zwischen Insel-Teilen: Dort hätten Tropenstürme in früheren Jahrzehnten zusammenhängende Landmassen getrennt. 1926 habe ein Wirbelwind so viel Wasser aufgewühlt, dass Sanibal - wo unlängst Fußballstar Stefan Effenberg geheiratet hat - und Captiva komplett überflutet wurden: "Das Wasser ging zwar wieder weg, aber der Boden war versalzen, Landwirtschaft nicht mehr möglich", erzählt er. Der Exodus der Bauern habe dann den Weg bereitet für den Beginn der Tourismusbranche.
Die Verantwortlichen in eben dieser Reisewirtschaft sehen das Thema Sturmschäden jedoch deutlich weniger entspannt als er. Sie fragen sich, ob das Wetter, bisher größter Pluspunkt des Sonnenscheinstaates, zum Angstfaktor werden sollte. 75 Millionen Erholungssuchende jährlich lockt besonders das Versprechen eines angenehmen Klimas - St. Petersburg/Clearwater wirbt zum Beispiel mit 361 Sonnentagen im Jahr. Der Spaßfaktor in den Unterhaltungsparks, das Naturerlebnis beim Angeln, Segeln und beim Muschelsuchen tut sein übriges.
"Florida ist ein sehr sicheres Reiseziel"
Mit Bangen blicken die Tourismusplaner nun auf den Sommer, wenn die Wirbelsturm-Saison Anfang Juni wieder startet. Diese Zeit ist bei deutschen Gästen trotz der dann herrschenden Hitze mit Gewittern sehr beliebt. Jährlich fliegen 225.00 Bundesbürger zum Ausspannen über den Atlantik. Für die Hotels und Restaurants sind sie wichtig, um das Geschäft in ihrer Nachsaison zu beleben.
"Florida ist ein sehr sicheres Reiseziel", sagt denn auch die Sprecherin der Tourismusorganisation Visit Florida, Vanessa Welter. Es existiere ein ausgefeiltes Frühwarnsystem. Die großen Hotels seien sturmsicher. Windgeschwindigkeiten von 280 Kilometer pro Stunde hielten die Fenster aus, versichert zum Beispiel auch die Leitung des Strandhotels "Diamondhead" in Fort Myers Beach. Im Risikofall werde evakuiert - unangenehm, aber nicht das Ende des Urlaubs. "Wir haben weniger ein Sicherheits- als vielmehr ein Wahrnehmungsproblem", sagt Vanessa Welter. Und sie ergänzt: "So etwas wie 2004 wird die nächsten 100 Jahre nicht mehr passieren."
Tatsache ist, dass das National Hurrican Center (NHC) zuletzt vor fast 120 Jahren ein Hurrikan-Quartett in nur einem Bundesstaat registrierte: 1886 wurde Texas von vier Tropenstürmen heimgesucht. Jetzt eben Florida: "Charley" machte an der Westküste der Auftakt. Im September folgten an der Ostküste "Frances", im Nordwesten "Ivan" und zuletzt "Jeanne" wieder im Osten. Begriffe wie Klimaveränderung nehmen Floridas Tourismus-Manager dennoch nicht gerne in den Mund. "Ein Hurrikan alle paar Jahre, das ist Florida gewohnt", meint Wit Tuttell vom Tourismusverband St. Petersburg. "Duck and Cover" - sich ducken und schützen - sei ein geübtes Ritual. Am Tag danach gehe der Aufbau los, nach guter amerikanischer Tradition voll Optimismus.
Von Milliardenschäden ist kaum noch etwas zu sehen
Trotz mehrerer Todesopfer, Milliardenschäden und tagelanger Stromausfälle merkt der Reisende der touristischen Infrastruktur ein halbes Jahr später kaum etwas an. Mit einer Ausnahme: Rund um Punta Gorda und Port Charlotte, wo "Charley" mit Tempo 230 aufs Land zog. Dort liegt noch blaue Plastikfolie als provisorisches Dach auf vielen Gebäuden, abgeknickte Strommasten stehen seitlich der Schnellstraße, und längst nicht alle Hotels sind offen. Ein Hurrikan kann verschieden breite Schneisen schlagen - die von "Charley" war eher schmal.
Nach der Ankunft am Flugplatz in Fort Myers sieht der Urlauber erst einmal Florida pur: Stretch-Limousinen, Harley-Fahrer ohne Helm, blauen Himmel, schnell aber auch Baumaschinen. Die sind jedoch kein Zeichen von Aufräumarbeiten, sondern des Aufbruchs. Das alte Flughafengebäude platzt aus allen Nähten, im Sommer 2005 soll ein neues Terminal dem erhofften weiteren Wachstum gerecht werden.
Wer von hier nach Süden fährt, kann im luxuriösen Naples stoppen, um Millionäre im Ruhestand zu beobachten, die durch edle Boutiquen streifen. Das Städtchen ist stolz auf seine Straßen-"Concierge" im eigenen Häuschen, die betagten Einkaufswilligen den Weg weist. "Charleys" Ausläufer hatten hier lediglich das Palmblätterdach der beliebten Strandbar "Chickee on the Beach" weggeweht - eine schnelle Reparatur.
Weiter südlich, im 1868 gegründeten Fischerort Everglades City, ist der Bauboom unübersehbar. Das von den Sümpfen der Everglades und einer naturbelassenen Inselwelt eingerahmte Städtchen wird von Ferienhauskäufern gerade voll entdeckt. "Die Landpreise explodieren", erzählt Fremdenverkehrsmanagerin JoNell Modys. Im Hafenbecken tummeln sich seltene Seekühe, Air-Boote lassen ihre lauten Propeller an und starten zu Ausflügen in den Sumpf. In den Restaurants sind frische Krebsteile - Stonecrabs - die Delikatesse.
In Fort Myers selbst und auf der bei Deutschen beliebten Insel Sanibal zeigt vor allem die Natur noch Spuren des Desasters: Die Wälder sind voll umgestürzter Bäume, Grau dominiert, junges Grün kommt erst allmählich durch. "Für den Wald war es wie ein scharfer Haarschnitt, die Bäume sind jetzt noch flacher als zuvor", erzählt Ranger Kevin Godsea im "Ding Darling National Wildlife Refuge".
220 Vögel leben in dem geschützten Feuchtgebiet, darunter Braune und Weiße Pelikane, aber auch Alligatoren und ein amerikanisches Krokodil. Die Vögel hätten beim Hurrikan kaum Schaden genommen, erzählt Kevin. "Aber die Baumbestände werden sicher 5, manche sogar 15 Jahre brauchen, bis sie so aussehen wie früher", schätzt der Ranger.
"Auch Reden ist ein Heilungsprozess"
An der Westküste Floridas werden viele sicher noch länger von "Charley" erzählen - erzählen, dass der Sturm seinen Weg völlig unerwartet änderte, dass er in nur 30 Minuten plötzlich erheblich schneller wurde und wie man in verrammelten Häusern saß oder zu Freunden floh. "Auch Reden ist ein Heilungsprozess", sagt Rebecca Allen beim Mittagessen in einem beim Sturm zerstörten und komplett erneuerten Restaurant, im "Fishermen's Village" in Punta Gorda.
Knapp eine Autostunde weiter im Norden, auf Anna Maria Island, kann man ebenfalls Geschichten von der Evakuierung lauschen. Schäden gab es hier aber keine. "Charley" hatte die rund 13,5 Kilometer lange, für traumhaft weiße Strände bekannte Insel verschont.
Auf Anna Maria haben alle um ihr Kleinod gebangt: Hier gibt es keine Touristenburgen, sondern von Familien geführte kleine Ferienanlagen und hölzerne Strandhäuser. Kein Haus soll die Palmen überragen, Fast-Food-Ketten sind nicht erwünscht. Vieles wirkt ein bisschen europäischer als sonst im Golfer- und Rentnerparadies Florida. Vielleicht ist das so, weil ein Bus-Shuttle am Strand entlang fährt und die Hotelmanagerin dafür wirbt, das Auto stehen zu lassen. Vielleicht auch weil das Großstadtleben der Universitätsstadt Tampa nicht fern ist - mit dem quirligen, von spanischen und kubanischen Traditionen geprägten Nachtleben in Ybor City.
Mit ähnlich jungem Flair, exotischen Hotelpalästen aus den fünfziger und sechziger Jahren und grandiosen Naturstränden locken auch die Badeorte vor Clearwater und St. Petersburg. Im Fort De Soto Park lässt sich mit Blick auf den Golf von Mexiko picknicken, Rad fahren oder paddeln. Und vom Hafen in St. Pete Beach startet Captain Dan mit seinem Segelboot zu Touren, um Delfine zu beobachten. Anders als bei Bob Rando vor Sanibal erzählt er seinen Gästen nichts über Hurrikans. Dazu ist er wohl schon zu weit weg vom Ort des Geschehens.
Von Petra Kaminsky, gms
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