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23.03.2005
 

Niedersachsen

Sambesi an der Leine

Flusspferde, Tiger, Gazellen, afrikanische Savanne und indischer Dschungel - in Hannovers Zoo sind die Tiere zum Greifen nah und das exotische Szenario perfekt. Der Zoo und seine Wandlung zum aufregenden Erlebnispark. Von Jutta von Campenhausen

Menschen für Tiere begeistern: Die vorderen Plätze am Pool der indischen Palastanlage sind heiß begehrt. Das luxuriös große Becken ist der Lieblingsplatz der asiatischen Elefantendamen und -babys
Erlebnis-Zoo Hannover

Menschen für Tiere begeistern: Die vorderen Plätze am Pool der indischen Palastanlage sind heiß begehrt. Das luxuriös große Becken ist der Lieblingsplatz der asiatischen Elefantendamen und -babys

Mit zitternden Nüstern neigt Rothschildgiraffe Luna den Kopf, bis die weiche Oberlippe in das dunkelbraune Wasser des Sambesi taucht. Während sie in langen Zügen trinkt, streicht Tochter Lilly um die gespreizten Beine der Mutter und äugt zum Löwen Max hinüber, der die Szene aus müden Augenschlitzen beobachtet. Etwas weiter flussabwärts haben sich Spitzmaulnashörner in einer Lehmsuhle eingerichtet. Während der Bulle sich im Schlamm niederlässt, gleitet lautlos ein flaches afrikanisches Boot am Ufer vorbei. Aus der Perspektive der Insassen wirkt das Nashorn riesig und unheimlich nah.

Die Bootsfahrt auf dem Sambesi gehört zu den Hauptattraktionen des Zoos Hannover. Unter Hängebrücken und um Felsen herum schlängelt sich der 420 Meter lange Fluss mit von Lehm eingefärbtem Maschseewasser durch die Afrikalandschaft des Expo-Zoos. Von Stahlseilen unsichtbar gezogen, scheinen die liebevoll dekorierten Kähne flussabwärts zu treiben. Die Wassersafari hat einen zauberhaften wie didaktisch klugen Effekt: Sie bringt Besucher und Tiere auf gleiche Augenhöhe und vermittelt das Gefühl, Gazellen und Antilopen an der Wasserstelle überrascht zu haben. Das seltene Glück macht Erwachsene wie Kinder sprachlos; und wenn das Boot den 104 Flamingos nahe kommt oder der breite Rücken eines Nilpferds sich einige Meter vom Bootsrand aus dem Wasser hebt, halten viele den Atem an. Nur ein scheinbar treibender Baumstamm trennt dann die Tiere vom Ausflugsboot.

Die Illusion ist perfekt. Ställe und Wirtschaftsgebäude verbergen sich in der künstlichen Landschaft oder in stilgetreuen Rundhütten. Keine Zäune, keine sichtbaren Gräben schränken die afrikanische Miniatur-Weite ein. Auch die weißen Kuhreiher, die Nashörner in der Wildnis parasitenfrei halten, fliegen frei im gesamten Zoo herum. Selbst die anderen Tiere profitieren von der neuen Gehegeanordnung im "Erlebniszoo", denn ihre Wohnareale sind luxuriös groß: Löwen, Giraffen, Kudus und Springböcke teilen sich die 11 000 Quadratmeter große Savanne vor der sandfarbenen Felskulisse. Die Steppenlandschaft der Zebras und Strauße erstreckt sich hinter der Tränke am Sambesiufer über 12 000 Quadratmeter. Und allein die fünf hannoverschen Flusspferde bewohnen 8200 Quadratmeter Grundfläche inklusive Wasserfall.

Außergewöhnliche Augen-Blicke: Durch dicke Glascheiben können Zoogäste beobachten, wie die tonnenschweren Flusspferde scheinbar schwerelos durchs Wasser gleiten
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Erlebnis-Zoo Hannover

Außergewöhnliche Augen-Blicke: Durch dicke Glascheiben können Zoogäste beobachten, wie die tonnenschweren Flusspferde scheinbar schwerelos durchs Wasser gleiten

Da jedes von ihnen täglich 40 Kilo Grünzeug verdaut, besitzt das Becken der Flusspferde eine eigene Filteranlage. Landgänger, die von oben auf das Gehege sehen, können die grazile Beinarbeit der Dickhäuter im klaren Wasser beobachten. Am schönsten kommt die schwergewichtige Familie allerdings in ihrem Winterquartier, dem "Hippo-Canyon", zur Geltung: Hinter großen Panzerglasscheiben sieht man die Kolosse im grünlich-klarem Wasser beim hinreißend leichtfüßigen Wasserballett.

Nebenan paddeln dann die Schildkröten, die sommers neben den Kähnen einherrudern. Ins Wasser zu fassen, um eine herauszufischen, traut sich aber kein Zoo-Besucher. "Beware of Crocodiles", warnen Schilder an der Handelsstation, von der die Boote (übrigens kostenlos) unter Trommelmusik ablegen. Auch das Café und der Souvenirladen sowie die als Strohdachhütte getarnte Toilette mit gestampftem Lehmboden atmen afrikanische Atmosphäre.

An Afrikas neuen Ufern: Der Flamingoschwarm liebt das Wasser des 420 Meter langen Sambesi, der aus dem Maschsee gespeist und mit Lehm eingefärbt wird
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Erlebnis-Zoo Hannover

An Afrikas neuen Ufern: Der Flamingoschwarm liebt das Wasser des 420 Meter langen Sambesi, der aus dem Maschsee gespeist und mit Lehm eingefärbt wird

Wer die Wasserwelt des Sambesi zu Fuß erkundet, kann den zutraulichen Pelikanen über die Federn streicheln. Außerdem beflügeln ein offenbar soeben abgestürztes Flugzeug im Busch und ein scheinbar gerade verlassenes Forschercamp die Fantasie der Kinder, die - während die Großen fasziniert auf Beobachtungsposten gehen - Geschicklichkeitsübungen am Weg absolvieren.

Vier Erlebniswelten hat der Zoo inzwischen gebaut: "Sambesi", "Gorillaberg", "Dschungelpalast" und "Meyers Hof". "Jede Erlebniswelt ist ein geschlossenes System, das keinen Blick auf die normale Welt oder einen anderen Kontinent zulässt", sagt Simone Hagenmeyer vom Zoo. Es bietet neben den Tieren Spielmöglichkeiten für Kinder, Souvenirladen und Restaurant. Es gibt fast nichts, was der Zoo nicht verkauft: Wie in amerikanischen Erlebnisparks schießen automatische Kameras Bilder von den Besuchern. Bieten Zooführer, die hier Scouts heißen, Führungen an oder begleiten Besucher zu ihrem Lieblingstier. Ein "Event-Team" veranstaltet "After Work Safaris" - individuelle Shows für Feste, private Elefanten-paraden, Fackelzüge und Catering.

Der Umbau des braven städtischen Tierparks in eine boomende Erlebniswelt mit Tieren begann 1994 mit Übernahme des heruntergewirtschafteten Zoos durch den Kommunalverband Großraum Hannover. "Der 135 Jahre alte Tiergarten hatte so viel Wissen über Tiere und Tierhaltung angesammelt", berichtet Geschäftsführer und Zoodirektor Klaus-Michael Machens, "aber über die Besucher wussten wir nichts." Angeregt durch einen Freizeitforscher entwickelten die Zooleute Ideen, um Besucher für Tiere zu interessieren und zu begeistern: Der Erlebniszoo war geboren. Seitdem ist die Besucherzahl um mehr als zwei Drittel gestiegen, und 2000 verzeichnete der Zoo erstmals mehr als eine Million Besucher. 2003 wurde die Rekordmarke schon im Oktober geknackt - 70.000 Jahreskarten wurden verkauft.

Abenteuer macht hungrig: Das "Café Kifaru" bietet zum Snack auch noch eine Seh-Safari. Gastronomie, Shows, Führungen und Feste gehören zum neuen Konzept des Erlebniszoos
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Erlebnis-Zoo Hannover

Abenteuer macht hungrig: Das "Café Kifaru" bietet zum Snack auch noch eine Seh-Safari. Gastronomie, Shows, Führungen und Feste gehören zum neuen Konzept des Erlebniszoos

Damit ihre rechtmäßigen Besitzer - in Stoßzeiten bis zu 1000 pro Stunde - reibungslos auf das Abenteuergelände kommen, überprüfen Gesichtsfeld-Scanner die Identität der Kartenhalter. "Das ist die europaweit größte Anwendung eines solchen Systems", sagt Hagenmeyer. Das Eintrittsgeld, rund 10 Millionen Euro im Jahr, ist gut angelegt. Mehr als 60 Millionen Euro hat der Zoo in Umbauten investiert, nicht zuletzt, um die beengten Tiere artgerecht zu präsentieren.

So bewohnen heute die sibirischen Tiger, die in ihrem früheren Maschendrahtkäfig stumpfsinnig einige Meter hin und her liefen, ein großzügiges Areal im indisch anmutenden "Dschungelpalast." Da jetzt nur Glasscheiben die großen Katzen von den Besuchern trennen, kommen sich Mensch und Tier unerwartet nah, gleichzeitig genießen die Tiger Ruhe. Die Katzen, die gerade zwei Junge haben, danken es den Zuschauern mit freizügigem Familienleben und Badeorgien im Teich. Die Hauptattraktion in der perfekt nachempfundenen Tempelarchitektur aber sind die Elefanten mit den zwei 2003 geborenen Babys, dem ersten Elefantennachwuchs seit 20 Jahren. Für die tägliche Show promeniert die Herde aus zehn Tieren im Palast und steigt schließlich in das vier Meter tiefe Badebecken zum Schwimmen. Ein Wasserfall dient den spielfreudigen Dickhäutern als Dusche. Kinder können angesichts der Elefanten auf Elefanten-Wasserspeiern spielen, während die Eltern unter wehenden Gebetsfahnen exzellente indische Speisen genießen.

Jede Bootsfahrt ist eine Entdeckungstour: Schildkröten zum Greifen nah, Giraffen und Springböcke am Ufer - mittendrin die Besucher
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Erlebnis-Zoo Hannover

Jede Bootsfahrt ist eine Entdeckungstour: Schildkröten zum Greifen nah, Giraffen und Springböcke am Ufer - mittendrin die Besucher

Zwischen den Erlebniswelten Afrika und Indien soll die Alaskalandschaft "Yukon-Bay" entstehen. Bisher begeistern hier in der Show-Arena tierische Stars ihr Publikum. Irma, die letzte Eisbärdame, fristet derweil in einem längst nicht mehr EU-konformen Käfig beengt und ohne Publikumsverkehr ihren Lebensabend. Aus der maroden Robbenanlage, die keine Wasseraufbereitung besitzt, werden täglich 370 Kubikmeter Wasser in die Eilenriede gepumpt; jährlich versickern dort 136.000 Kubikmeter. Die geplante Robbenlandschaft soll zwar fünfmal so groß werden, dank moderner Technik aber nur einen Bruchteil des Wassers verbrauchen.

Die Alaskalandschaft betritt der Besucher durch einen alten Bergwerksstollen, der sich in eine dichte Taigalandschaft öffnet. Hier grasen Karibus, in der Schlucht lauert das Wolfsrudel. Die künstliche Hafenanlage mit Lagerhallen, Pontons und einem schräg liegenden Schiff am Pier erlaubt originelle Blicke über und unter Wasser auf Robben, Bären und Brillenpinguine. Die leben - weil ja nicht in Alaska heimisch - pädagogisch korrekt in einem Schiff, um das sich als "nördlichster Pinguinzoo" eine kleine Abenteuergeschichte rankt. Die Kinder wird dann Goldwaschen und Ponyreiten locken, die Erwachsenen eine weitere perfekte Illusion. 2005 soll der Hafen eröffnet, ab Ende 2004 sollen 24,5 Millionen Euro verbaut werden - vorausgesetzt, es finden sich genügend Sponsoren.

In den modernen Arealen des Zoos leben weniger Tiere als zuvor mit weit mehr Platz als in irgendeinem anderen Zoo. "Wir haben die Arten sowohl nach Show-Attraktivität als auch nach Arterhaltungsaspekten ausgewählt", sagt Direktor Machens. "So haben wir immer noch 13 Antilopenarten, obwohl dem Besucher drei vermutlich reichen würden." Doch der Zoo ist kein Unternehmen, das sich nur der Unterhaltung verschrieben hat: Er beteiligt sich an 19 Zuchtprogrammen und führt vier Zuchtbücher - koordiniert also den Erhalt vier bedrohter Arten weltweit. Mit 76 der gefährdeten Addax-Antilopen konnte Hannover schon eine ganze Herde in die nordafrikanische Wildnis zurückschicken. Und auch die an der Leine geschlüpften Bartgeier kreisen heute wieder in den Alpen.

Selbst für seltene Haustierrassen gibt es in Hannover den adäquaten Lebensraum: Der Rundgang durch den Zoo endet bodenständig an einem mehr als 400 Jahre alten Fachwerkhof, der in die Stadt versetzt wurde. Hier grasen kleine Altdeutsche Schwarzbunte Niederungsrinder, eine bedrohte Rasse, die mittlerweile so selten ist wie der Sibirische Tiger. Nebenan suhlen sich rot-weiße Husumer "Protestschweine" (deren Färbung an die Flagge der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein erinnert). Und Hütehunde demonstrieren in der Show, wie gut sie die Ostpreußischen Schafe im Griff haben. In der Zooschule schließlich bekommen Kinder angesichts von Gänsen, Hühnern, Ziegen und Kaninchen handfesten Natur- und damit auch Heimatkundeunterricht. Nach so viel Fremde taucht der Besucher in der "Erlebniswelt Meyers Hof" beim Streicheln und Striegeln, Füttern und Essen dankbar ein in die unbekannte urniedersächsische Dorfidylle.

Aus "Merian"extra-Heft "WasserReich Niedersachsen", März 2004

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