Ein Dorado für Climber: Die Ruinen des Oybin
Felsen wie von Riesenhand gebildhauert. In den Tälern Dörfer wie aus einer Fabelwelt. Und oben, auf den bizarrsten der Felsen, eine schaurige Ruine nach der anderen. Klar, dass Caspar David hier im Geiste schon das nächste Gemälde skizzierte.
1810 reiste Casper David Friedrich mit einem Freund durchs Zittauer Gebirge und war entzückt. Welch pittoreske Gegend! Geradezu ideal für Kompositionen, wie er sie liebte: Sonnenaufgang mit zwei Männern; Abtei im Zwielicht; Ausblick aufs Tal; verschneite Landschaft; Mittag im Gebirge ...
Doch letztendlich hielt es den Künstler nicht im Zittauer Gebirge - so sehr ihn auch die Ortschaft Oybin fesselte. Er wollte weiter in die hohen Berge, deren Silhouetten man bei klarem Wetter von den umliegenden Höhen erkennen kann. Es zog ihn ins Riesengebirge, mit seinen noch raueren Felsen, seinen noch schrofferen Wänden und seinen noch morscheren Ruinen. Also ließ er anspannen und kehrte dem Zittauer Gebirge den Rücken.
Wir werden das nicht tun. Wir werden ein wenig verharren und uns umsehen im Dreiländereck, wo sich die Grenzen Polens, Tschechiens und Deutschlands treffen. Und: Unser Unterfangen wird uns aus dem Tritt bringen. Der moderne Mensch ist nun einmal gewohnt, mit Vollgas durch die Weltgeschichte zu düsen. Im Zittauer Gebirge jedoch nimmt man das Tempo raus und flaniert mal wieder in aller Ruhe durchs Leben.
Zittauer Gebirge - viel mehr Osten geht in Deutschland nicht.
Und kleiner geht's definitiv nicht. Im Regionalplan für die Oberlausitz steht es genau: "Das Zittauer Gebirge ist mit einer Größe von 48 Quadratkilometern die kleinste Naturraumeinheit der Region."
Doch, das lassen die Regionalplaner dann ahnen, im Falle des Zittauer Gebirges ist das Kleine ziemlich fein: "Die leicht nach Süden geneigte Kreide-sandsteinplatte ist an ihrem Nordabfall erosiv stark gegliedert." Das bedeutet: bergauf und bergab für anspruchsvolles Trekking auf engstem Raum.
"In südlicher Richtung schließen sich markante Felsenbezirke an." Das bedeutet: allerfeinste Climbing- Reviere. "Die die Sandsteintafel durchragenden Phonolithkuppen (Lausche, Hochwald, Jonsberg und Buchberg) stellen die höchsten Berge des Zittauer Gebirges dar." Das bedeutet Fernsicht wie bis an den Rand der Welt.
"Das Zittauer Gebirge dient seltenen Arten wie Uhu und Sperlingskauz als Lebensraum." Das bedeutet Ruhe und Urtümlichkeit.
48 Quadratkilometer - das ist nicht die Welt, da ist man schnell durch. Also empfiehlt sich bei der Erkundung des Zittauer Gebirges eine gemäßigte Gangart. Selbst die Bimmelbahn, die den Zittauer Bahnhof bergwärts verlässt, lässt sich jede Menge Zeit. Als "Zug ohne jegliche Eile" bezeichnen die Einheimischen die Bahn, die entweder nach Jonsdorf oder nach Oybin zuckelt. Nach Jonsdorf sind's gerade mal zwölf Kilometer und der Zug ohne jegliche Eile braucht dafür eine knappe Stunde.
Gemächlich können es auch die Radfahrer angehen lassen. Eine abwechslungsreiche Tour (gerade mal 50 Kilometer lang, mit vielen Möglichkeiten zum Pausieren und Einkehren) ist der Ausritt von Zittau zum höchsten Punkt des Gebirge und zurück:
Während der ersten 20 Kilometer folgt der Radler (er sollte ein geländetaugliches Bike benützen) der Route des "Umgebindehausradwegs". Der führt hinter der Ortschaft Waltersdorf weiter nach Ebersbach. Unser Pedaleur aber wendet sich südwärts, fährt vorbei an Neu Sorge in Richtung der deutsch-tschechischen Grenze. Kurz davor steigen mehrere Wege und Trails rechts hoch zum Gipfel. Schieben ist hier keine Schande. Der Rückweg führt über Jonsdorf, wo das Sträßchen wieder auf den Umgebindehausradweg mündet. Oder die Kraft reicht noch und der Radfahrer biegt vor Jonsdorf nach rechts ab und passiert nach drei Kilometern eben jenes Oybin, das schon Meister Friedrich in den Bann geschlagen hat.
Bummeln mit der Bimmelbahn, reisen mit dem Rad - natürlich sind das Fortbewegungsarten wie maßgeschneidert fürs Zittauer Gebirge. Noch passender jedoch ist der aufrechte Gang. Schlendern, wandern, joggen - alles geht in diesem Mittelgebirgs-Kleinod zwischen Zittau und Hochwald, Lückendorf und Großschönau. Ein engmaschiges Buslinien-Netz und die Bimmelbahn erreichen auch entfernte Winkel des Gebirges, so dass der Wanderer seine Routen an die Tagesform und Laune anpassen kann.
Eine der interessantesten ist der Weg durch den Südteil des Gebirges.
Start in Lückendorf, Ziel an der Lausche. Dazwischen liegen 20 prächtige Kilometer. Auf und ab, immer nah an der Grenze zu Tschechien. Nach Hain, und von dort hinauf auf den Hochwald, den mit 749 Metern zweithöchsten Berg der Region. Dann noch einmal 25 Meter höher auf die Plattform des Aussichtsturms, der seit 1892 über der südlichen Kuppe des Hochwalds in den Lausitzer Himmel ragt.
Was für ein fantastisches Panorama: im Norden Oybin mit seiner Klosteranlage auf dem Berg und den imposanten Felsen, die von den Kletterern wegen ihrer sauberen Griffe und der variantenreichen Routen geliebt werden (einen längeren, wenig schwierigen Klettersteig gibt es bei Jonsdorf). Im Westen der Gipfel der Lausche, der eine Ahnung vermittelt, wie in Urzeiten hier die Vulkane getobt haben müssen. Und dann dieser Blick nach Südsüdost! Bei klarem Wetter kann man sich satt sehen an Bergen und Gipfeln, die immer ein wenig höher werden. Ganz, ganz hinten ist das Riesengebirge. Aber das lassen wir dem werten Caspar David.
Wir wenden uns westwärts, folgen zuerst einem Weg mit blauer, dann mit roter Markierung. Nach einer Stunde Weg passieren wir die Schlucht "Finstere Tülke", erreichen die Mühlsteinbrüche, die den Einheimischen vor anderthalb Jahrhunderten zu Wohlstand verhalfen.
Eine gute Stunde sind wir seit dem Hochwald und zweieinhalb seit dem Start unterwegs - und erst jetzt beginnt der wirklich interessante Teil der Tour. Die Namen der Stationen sind Programm: Kellerberg, Steinbruchschmiede, Schwarzes Loch, Orgelfelsen. Lassen wir uns Zeit und blicken nach Norden, wo Jonsdorf liegt und dahinter das weite Vorgebirgsland.
Die Markierung bleibt rot, der Abschnitt heißt Orgelweg. Wir kommen zum Falkenstein, an dessen Felsen sich ein paar verwegene Sachsen die Finger wund schubbern. Ohne Klemmkeile und ohne Magnesia sind sie unterwegs - diese Hilfsmittel sind hier tabu. Überdies ist an vielen Wänden der Region Klettern in den ersten 24 Stunden nach Regenfällen nicht erlaubt. Der Alpenverein will den Fels schonen; und die meisten Kletterer halten sich an die Regeln, die schon seit einem halben Jahrhundert gelten. Hohlstein, dann rechts und über den Hohlsteinweg entlang der blauen Markierung zur Rübezahl-Baude.
Ein letztes Mal wechselt die Markierung. Jetzt wird's grün - und steil.
In Serpentinen schlängelt sich der Pfad hinauf zum Gipfel der Lausche. Prächtige Stimmung in 793 Meter Seehöhe, obwohl es keine Baude gibt. Entweder man packt nun den Rucksack aus oder man rappelt sich - nach ausgiebigem Rundblick - noch einmal vor der großen Rast hoch. Ziel ist Jonsdorf im Tal. Dort warten sie schon, die Gasthäuser, in denen man es nicht so mit dem Überkandidelten hat. Dort kommt auf den Tisch, was ein rechter Marschiermensch braucht: solide Küche nach ehrlichen Rezepten.
Und dann, spätestens dann, ist es während des Aufenthalts im Zittauer Gebirge an der Zeit, die Spezialität der Gegend zu bestellen. Teichlmauke oder Brihmauke sagen die Einheimischen und übersetzen es für Fremde mit Brühmauke. Ein würziger Kartoffelbrei wird auf einem Teller verteilt. In die Mitte drückt der Koch eine Vertiefung, in die er heiße Rinderbrühe und gekochtes Rindfleisch gibt. Sieht interessant aus (manche würden sagen: gewöhnungsbedürftig) und schmeckt riesig. Zumindest in puncto Teichlmauke sind die Zittauer Kleingebirgler Giganten.
Aus "Merian"extra-Heft "Deutschland", Dezember 2004
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