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27.05.2006
 

Berliner Hauptbahnhof

Wo Merkel Döner essen geht

Von Carsten Volkery

Hunderttausende Berliner erlebten die spektakuläre Lichtshow zur Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs. Ganz ohne Panne konnte die Zeremonie aber nicht ablaufen. Und in den Fast-Food-Läden werden ab sofort die Augen für die Kanzlerin offengehalten.

Berlin - "Heute alle Bahnhof staunen!", hatte die Boulevardzeitung B.Z. am Morgen in großen Lettern den Berlinern befohlen. Und sie kommen. In Scharen pilgern sie am frühen Freitagabend über die Wiesen vor dem Kanzleramt, flanieren über die Spreebrücken und verlaufen sich in den Fressbuden auf dem neuen Bahnhofsvorplatz, der nach George Washington benannt ist.

Dabei verläuft nicht jede Annäherung an die gläserne Kathedrale mit der gebotenen Ehrfurcht. "Guck mal, die Klos", sagt eine Frau zu ihrem Mann. Und wirklich, eine lange Schlange blauweißer Klohäuschen zieht sich über die sanft geschwungene Brücke ganz nah an das architektonische Kunstwerk heran. Es wirkt fast wie Majestätsbeleidigung.

Es gehört zu Berlin, dass während der gesamten elfjährigen Bauphase über die Großbaustelle gemeckert worden war. Milliardengrab! Niemandsland! Der arme Bahnhof Zoo! Doch rechtzeitig zur Eröffnung schlug die Stimmung um. In der wochenlangen Vorberichterstattung ließ sich das Publikum von den Superlativen gnädig stimmen. Der teuerste Bahnhof der deutschen Geschichte, der größte Kreuzungsbahnhof Europas, der modernste Bahnhof der Welt, irgendwann zeigte die Bahn-Propaganda selbst beim bodenständigsten Berliner Wirkung.

"Ein toller Bau", lautet denn auch die vorherrschende Meinung an diesem Eröffnungsabend im Spreebogen. Wobei einige sofort nachschieben: "Wäre aber nicht nötig gewesen". Schließlich hätte man die 700 Millionen Euro auch sinnvoller ausgeben können. Soll bloß keiner glauben, die Begeisterung könne den Verstand der Hauptstädter ganz ausschalten.

Der Architekt ist da - und zürnt

Selbst der Architekt ist gekommen. Meinhard von Gerkan steht auf Ebene Null, das ist die mittlere der fünf Etagen, und ist von Journalisten umlagert. Bis zuletzt war nicht klar, ob er kommen würde, weil er der Bahn zürnt. Dafür, dass sie ihn nicht auf die Rednerliste gesetzt hat und dafür, dass sie sein Baby verstümmelt hat. 130 Meter Glasdach hat Bahnchef Hartmut Mehdorn mit exekutiver Geste einfach kappen, die Deckengestaltung in der unteren Gleisebene ändern lassen. "Ein Skandal", diktiert Gerkan auch an diesem Abend wieder in die Reporterblöcke.

Er sei nur da, um den Journalisten einen Gefallen zu tun, behauptet Gerkan. Die wollen schließlich alle mit ihm sprechen. Doch er wollte wohl an diesem Abend einfach nicht fehlen. Zu den tausend geladenen Gästen aber gesellt er sich nicht. So viel Protest muss sein.

Er habe sich sehr über die Rezensionen seines Bauwerks sehr gefreut, bekennt der Architekt. Die Presse war bisher außergewöhnlich großzügig. Ein "gläsernes Denkmal für die Einheit Europas", schwärmt die "FAZ". Ein "Werk der Entschlossenheit", lobt die "Berliner Zeitung". Einen Hauch von "Brasilia an der Spree" spürt die "taz" und meint das durchaus nicht negativ.

Um 18.03 fährt auf der neuen Nord-Süd-Trasse auf Ebene Minus Zwei der Sonderzug aus Leipzig ein. Heraus quellen die prominenten Gäste, angeführt von Kanzlerin Angela Merkel. Sie wirken zunächst verwirrt von den vielen Ebenen und Rolltreppen. Auf Ebene Zwei, ganz oben, hat ein Bahn-Mitarbeiter seine Digitalkamera in den Abgrund unter sich gerichtet. Dort, auf der untersten Rolltreppe, soll die Kanzlerin erscheinen. Der Mann mit der roten Mütze findet seinen neuen Arbeitsplatz aufregend. Vorher war er in Neustrelitz, seit einer Woche arbeitet er im Hauptbahnhof. "Wir mussten uns ja schon mal mit dem Ganzen hier vertraut machen", erklärt er.

Im Südfoyer, wo die Reden gehalten werden, hängt ein riesiges Plakat von der Glasdecke. "Willkommen im modernsten Bahnhof der Welt", steht darauf. Zwei Wochen vor der WM fühlt sich die Bahn bereits als Weltmeister. Unternehmenschef Hartmut Mehdorn schwärmt vom "neuen Tor nach Berlin". Er erwähnt den Bauleiter, aber nicht den Architekten. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ist noch überschwänglicher: "Dieser Bahnhof wird Geschichte schreiben". Er erwähnt den Architekten und auch, dass ihm Streit mit Mehdorn selbst nicht fremd ist. Sie hatten eine Auseinandersetzung über den geplanten und wieder verworfenen Umzug der Bahnzentrale nach Hamburg. Merkel lauscht in der ersten Reihe, im Blick "Zanetti Eis" und "Pizza Hut". Während der Reden rauschen oben auf der Ost-West-Trasse die Züge vorbei.

Draußen bekommt man von all dem nichts mit. Wolfgang Wolf hat es sich mit seiner Frau in Liegestühlen an der Spree gemütlich gemacht. "Wir sind enttäuscht", sagt der 67-jährige Rentner. "Die Reden hätten sie doch irgendwie übertragen können."

Dann hätte er gehört, wie Merkel sagt: Der Berliner, "der ja eher Kiezmensch ist", werde den Bahnhof schon irgendwann zu schätzen wissen. Auch sie selbst werde vielleicht mal vom benachbarten Kanzleramt aus vorbeischauen, "auf einen Döner oder bei McDonald's". Natürlich erwähnt jeder Redner auch, dass auf dem Bahnhofsareal früher die Mauer verlief und dass Bahnhöfe Menschen verbinden. Dieser neue sogar ganz besonders: Nord und Süd und Ost und West.

Vor der Lightshow: Stromausfall

Dieses Motiv wird auch in der spektakulären Lichtshow aufgegriffen, die nach Einbruch der Dunkelheit beginnt. Zwei Güterzüge, auf denen Scheinwerfer montiert sind, fahren von Ost und West in die 321 Meter lange Glashalle ein. Bilder von europäischen Flaggen und Städten flackern über der Großbildleinwand, dazu ertönt "Freude schöner Götterfunken".

Die vierteilige "Lichtsinfonie" taucht den Bahnhof in blutrot, blau und grün. Feuerwerksfontänen schießen in die Höhe, Laser tasten die Glasfronten ab. Die Sinfonie will die verschiedenen Bauphasen nachzeichnen. Schließlich pulsiert der ganze Koloss in rot: Das neue Herz Berlins, es schlägt. Dann geht das große Shoppen los: Bis drei Uhr nachts sind die achtzig Läden geöffnet, die Massen drängen in den neuen Einkaufstempel.

Ganz ohne Panne jedoch läuft die Eröffnung nicht ab. Gerade als Merkel, Mehdorn und Wowereit den symbolischen Knopfdruck vornehmen, werden die Großbildleinwände schwarz, Scheinwerfer und Lautsprecher geben ihren Geist auf. Der Strom ist weg, drei Minuten dauert der Blackout. Ein schlechtes Omen sei das nicht, beruhigt Bischof Wolfgang Huber die Anwesenden. Bei der Einweihung der Dresdner Frauenkirche sei das Gleiche passiert.

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