• Drucken
  • Senden
  • Feedback
01.06.2006
 

Drama am Mount Everest

Ein Krüppel zwischen Ruhm und Schande

Von Ulrich Bentele, Christchurch

Mark Inglis hat mit zwei Beinprothesen den Mount Everest bezwungen. In seiner Heimat Neuseeland wurde er euphorisch gefeiert. Doch dann warf Bergsteiger-Legende Edmund Hillary ihm vor, er habe einen sterbenden Engländer im Stich gelassen. Jetzt kämpft Inglis um seinen Ruf.

Sieben grüne Filzstift-Pfeile zieren den sichtlich ausgemergelten Körper des Patienten in Zimmer sechs der plastischen Chirurgie im Dritten Stock des Krankenhauses von Christchurch. Sie deuten auf sieben hässlich-schwarze Stellen, die in wenigen Tagen unters Messer müssen. Fünf verschrumpelte, erfrorene Fingerkuppen, hart wie Leder. Sie sind nicht zu retten. Zwei Beinstümpfe, die mit zentimerdickem Schorf bedeckt sind. Sie müssen aufgeschnitten werden.

"Ich habe unheimliche Schmerzen", sagt Mark Inglis und strahlt zugleich übers ganze Gesicht. Ein verwirrender Widerspruch zwischen Körper und Kopf, der sich auch während der folgenden zwei Stunden im Gespräch nicht auflöst. "Wenn ich die Augen schließe, sehe ich mich manchmal wieder auf dem Gipfel, um Punkt 7 Uhr morgens, und die Sonne strahlt über dem Dach der Welt." Erst zwei Wochen ist es her, dass der 47-jährige Bergsteiger sich diesen Lebenstraum erfüllt hat.

Neben dem Bett sitzt Mutter Marie, 74, und betrachtet liebevoll ihren Sohn. Glückwunschschreiben stapeln sich auf dem Fensterbrett. Am Fuß des Bettes steht ein großer Karton mit buntem Schokoladenkonfekt, aus dem sich Inglis kontinuierlich bedient. In zwei Wochen am Mount Everest hat er 15 Kilogramm verloren. Seit einer Woche ist er wieder zurück, das Krankenhaus hat er seitdem aber noch nicht verlassen. Nun steht die Amputation von fünf Fingern an. "Ich war auf dem höchsten Punkt der Welt - ohne Beine. Da sind mir doch die paar Finger, die mich das gekostet haben, piepegal", dröhnt er und fügt scherzend hinzu: "Und fürs Tippen brauche ich sowieso nur meine Zeigefinger."

Lachen, wo andere verzweifeln, das passt zu Inglis. Vor 24 Jahren mussten ihm nach einer missglückten Expedition am Mount Cook wegen schwerer Erfrierungen beide Beine unterhalb des Knies amputiert werden. Doch Inglis kam zurück. Ohne Beine bezwang der Neuseeländer den Berg seines Unglücks, den höchsten in seinem Land. Er gewann bei den Paralympics in Sydney eine Silbermedaille im Radfahren. Er bestieg 2004 seinen ersten Achttausender. "Ich bin eben ein Steher", sagt er und lacht.

Ein Sterbender in der Todeszone

Dabei hätte Inglis allen Grund zur Besorgnis. Trotz der schier unfassbaren Leistung am Mount Everest ist sein Ruf in Gefahr. Er hat Neuseelands berühmtesten Bürger gegen sich aufgebracht: Sir Edmund Hillary, der den Mount Evererst 1953 als Erster bezwang. Der Grund für die Kritik: Inglis war mit seinem Team in der sogenannten Todeszone rund 300 Meter unterhalb des Gipfels auf den bewusstlosen Briten David Sharp gestoßen. Der war leichtsinnigerweise allein unterwegs und zudem ohne Sauerstoffgerät. Sharp lag im Sterben. Inglis’ Team entschied sich weiterzugehen. Das Gleiche taten 39 weitere Bergsteiger, die an diesem Tag auf dem Weg zum Gipfel waren. "Die wollen doch nur den Gipfel erreichen", wetterte Hillary daraufhin gegen Inglis und die anderen Bergsteiger. "Dabei kümmert es sie kein bisschen, ob jemand in Schwierigkeiten steckt. Es wundert mich überhaupt nicht, dass sie jemanden, der unter einem Felsen liegt, einfach sterben lassen." Zu seiner Zeit sei so etwas nicht denkbar gewesen.

Ein Satz von Hillary hat in seiner Heimat Neuseeland etwa die gleiche Durchschlagskraft wie eine Brandrede von Franz Beckenbauer für deutsche Fußballfans. Trotz bemerkenswert dünner Faktenlage schossen sich die Medien in ausführlichen Leitartikeln auf Inglis ein. Tenor: Hier gab es einen überehrgeizigen Krüppel, der seinen persönlichen Traum über das Leben anderer stellte.

"Ich konnte erst gar nicht glauben, was da an Kritik auf mich niederprasselte", sagt Inglis heute. Zehn Tage hatte er gebraucht, um vom Gipfel des Everest wieder in die Zivilisation zurückzukehren - während des letzten Stücks die Prothesen in blutiges Fleisch gepresst, dann mit offenen Stümpfen auf einer Matte von Yaks gezogen, schließlich von Sherpas getragen. "40 Leute waren da oben, 39 davon mit zwei gesunden Beinen, und die Medien suchen sich ausgerechnet den Beinamputierten als Sündenbock aus, der objektiv doch am Allerwenigsten in der Lage gewesen wäre, Sharp zu helfen." Wäre. Immer wieder beteuert Inglis, dass Sharp nicht zu helfen gewesen sei. "Die Bedingungen in der 'Todeszone' kann man eigentlich nicht beschreiben, du kommst dir vor wie auf einem anderen Planeten." Jeder Schritt koste eine unglaubliche Anstrengung, man könne sich letztlich nur auf sich selbst konzentrieren.

"Dort oben ist jeder nur für sich selbst verantwortlich"

Und dann zu Hause Schimpf und Schande. Gewundert habe ihn das nicht, enttäuscht schon, sagt Inglis. "Ein Toter, ein Krüppel auf dem Gipfel, und dann noch Sir Hillary - das klingt nach einer guten Story. Wer fragt da noch nach Wahrheit?" Inglis weiß, wie die Medien funktionieren. Er selbst nutzt sie, wo er kann. Um Sponsoren zu gewinnen, für sich und seine Expeditionen sowie sein Charity-Projekt für beinamputierte Kinder in Kambodscha. Inglis ist längst berühmt in seiner Heimat, erfolgreicher Unternehmer und gern gebuchter Redner auf Motivationsveranstaltungen großer Unternehmen. Nun hat sein Strahlemann-Image Kratzer bekommen.

Was an jenem verhängnisvollen 15. Mai nahe des Gipfels des Mount Everest genau geschah, wird wohl nie abschließend zu klären sein. Aber Fragezeichen werden bleiben - wie so oft bei den vielen Mythen, die sich um den höchsten Berg der Welt ranken. David Sharps Familie hat alle Beteiligten gebeten, über die genauen Umstände seines Todes zu schweigen. Daran hält sich Inglis. Sharps Mutter Linda macht ihm auch keinen Vorwurf. "Dort oben ist jeder nur für sein eigenes Leben verantwortlich - und nicht dafür, andere zu retten", sagte sie der Londoner "Sunday Times".

Es ist eine ereignisreiche Zeit dort oben. Allein in diesem Jahr fanden am Mount Everest bereits 14 Menschen den Tod, vor wenigen Tagen erst der deutsche Bergsteiger Thomas Weber. Wie durch ein Wunder überlebte hingegen der Australier Lincoln Hall vergangene Woche eine bewusstlose Nacht in der Nähe des Gipfels. Er wurde von anderen Bergsteigern gerettet. Der Japaner Takao Arayama sorgte im Mai für einen neuen Altersrekord: Mit 70 Jahren schaffte er es auf den Gipfel.

"Verdammt, du musst auch wieder runter"

Im Krankenhaus von Christchurch gibt es heute ein verschrumpeltes Hühnerbein mit Instant-Kartoffelpürree, der Beilagensalat ist in Plastik verpackt. Inglis speist mit Appetit. Erst seit wenigen Tagen darf er wieder richtig essen. Er scherzt über die künstliche Nahrung, die sie ihm gegeben haben. Er kommt wieder zu Kräften. Auch die Kritik der vergangenen Tage ebbt langsam ab. "Es wandelt sich in eine sinnvolle Debatte über Ethik und Moral beim Extrembergsteigen", sagt er. Demnächst will Inglis auch mit Sir Hillary debattieren, vielleicht sogar öffentlich.

Was er als erster Mensch ohne Beine auf dem Dach gefühlt habe? "Ich war nur ganz kurz oben, und klar habe ich mich auch gefreut. Aber eigentlich habe ich nur nach unten geguckt und gedacht: 'Mark, verdammt, da musst du jetzt auch wieder runter'." Vorbei an den vielen Toten, die sich im Verlauf der Jahre dort angesammelt haben und nicht geborgen werden können. Mit starken Schmerzen durch die vielen Erfrierungen. Aber auch mit der Gewissheit, den Behinderten in aller Welt gezeigt zu haben, zu was man mit einem versehrten Körper fähig sein kann.

Ein dunkler Schatten werde aber wohl immer über seinem Triumph über den höchsten Berg der Welt bleiben, glaubt Inglis. Aber das werde seine persönliche Genugtuung nicht beeinträchtigen. Seine Lebensfreude ebenso wenig. Gerade hat David Letterman aus New York anrufen lassen und ihn in seine Show eingeladen. Die Nobelbank Goldman  Sachs will ihm zu Ehren ein Dinner ausrichten. Mehrere Anfragen für Vorträge aus Europa liegen auf dem Beistelltisch neben dem Krankenbett. Es geht geschäftig weiter in Inglis' Leben.

Und Mutter Marie seufzt erleichtert auf: "Das mit dem Bergsteigen ist jetzt vorbei. Ich hoffe, mein Sohn wird sich von nun an mit den Hügeln seines Weinbergs zufrieden geben."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 92 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.01.2007 von stan84: Altes Argument....oder?

Ich sehe hier ein reichlich altes Argument...denn das zielt ja zunächst auch einmal auf Krankenkassen ab, die Behandlungkosten tragen würden, die entstehen, weil Leute irgendwas angeblich halsbrecherisches machen. Ich selbst bin [...] mehr...

06.01.2007 von Umbriel:

Auch extrem: Spon verlinkt von der HP den Artikel über Mama Himalaya. Der Link führt auf direktem Weg ins Bezahlsystem für kostenpflichtige Archivware. Bleibt die Frage, wann ich Geld bekomme, wenn jemand meine Forenbeiträge [...] mehr...

06.01.2007 von frittes: Reden wir hier überhaupt vom gleichen Thema?

Derartig undifferenzierte Schwarz-weiß-Standpunkte, die keinerlei "Grauzonen" - und damit auch andere abweichende Meinungen - akzeptieren, sind für eine Diskussion dieser Art absolut kontraproduktiv. Binnen kürzester [...] mehr...

05.01.2007 von Dr_Gonzo:

Ich finde es extrem erheiternd wie oft in Zusammenhang mit diesem Thema kritisiert wird, daß die Allgemeinheit einen Teil der Kosten verursacht durch "Adrenalinjunkies" (-bitte weitere provozierende Synonyme hier [...] mehr...

05.01.2007 von wolleweis: Ist denn nur der Extremsport teuer?

Ich finde das ja ganz lustig, dass hier auf "Extremsportler" losgeschossen wird. Ist denn die Flut von Verletzungen beim normalen Fusball, Mountainbiken, Jogging, Tennis usw nicht teuer? Im Vergleich dazu sind [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Aktuell

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP