Von Antje Blinda
Kaum ein anderes Land ist so abhängig von der Anziehungkraft der Wale wie Dominica – und doch stimmte der kleine Inselstaat wie auch die anderen fünf Länder der Karibik in der Internationalen Walfangkommission (IWC) für eine Resolution, die ein Verbot des kommerziellen Walfangs für überflüssig erklärt.
Dominica, zwischen den französischen Antilleninseln Guadeloupe und Martinique, ist arm, seine rund 70.000 Einwohner leben überwiegend vom Tourismus. Zwar fehlen hier Sandstrände, aber die üppig bewachsene Vulkaninsel hat andere Schätze: Pottwale, Grindwale, Zwergschwertwale und jede Menge Delfinarten – und sie hat im Gegensatz zu ihren direkten Nachbarn auch Whale-Watching zu bieten.
"Whale-Watching-Boote fahren in der Hochsaison einmal am Tag raus, um Pottwale zu beobachten", sagt Andrea Steffen, Projektleiterin bei der Gesellschaft zur Rettung der Delfine in München. "Dominica ist einzigartig", hier leben rund ums Jahr rund 30 Pottwale – Weibchen und ihre Jungen. Große Kreuzfahrtschiffe auf Karibikkurs wie die deutsche Aida Vita legen einen ganzen Tag am Pier von Roseau an. Während die Walliebhaber aufs Meer rausfahren, besichtigen die Landgänger mit Taxis die Insel, berichtet Steffen, die auf Dominica eine Pottwal-Informationsstelle eingerichtet hat.
"Walschutz kippt durch Korruption"
Seit Jahren geht Japan auf Stimmenfang, um den kommerziellen Walfang wieder ungehindert betreiben zu können. 33 von 66 Mitgliedern des IWC entschieden - bei einer Enthaltung - am Sonntag im Sinne Japans. Umweltschützer reagieren entsetzt auf den Ausgang der Abstimmung: Zwar ist für das Kippen des seit 1996 geltenden Walfang-Verbots eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig, doch "das ist der Anfang vom Ende des Walschutzes", befürchtet die Greenpeace-Walexpertin Stefanie Werner. "Jetzt werden wir Zeuge, wie das Flaggschiff internationaler Umweltbemühungen, der Walschutz, durch Bestechung und Korruption zu kentern droht."
Kritiker werfen Japan vor, ärmere Länder mit Entwicklungshilfen zu bestechen, damit diese in den IWC eintreten und mit Tokio stimmen. Mindestens 300 Millionen Dollar sollen im letzten Jahr an Antigua und Barbuda, Dominica, Grenada, Panama, St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen, an St. Kitts und Nevis geflossen sein, berichtet die britische Zeitung "The Guardian". Auch afrikanische Staaten wie Mali und Togo, die erst seit kurzem IWC-Mitglieder sind, sowie pazifische Staaten wie Kiribati und Tuvalu hätten Hilfen in Millionenhöhe erhalten.
"Die japanische Entwicklungshilfe gelangt jedoch nicht in die Hände der Einheimischen", sagt Steffen. Auf Dominica würden von den Geldern öffentliche Toilettenhäuschen gebaut, die niemand nutzt, ein Fischereihafen an der rauen Inselseite, wo kaum Fischerei stattfindet. Dagegen trägt das Whale-Watching mit zehn Millionen Dollar im Jahr erheblich zum Einkommen der Dominicaner bei. Das hat Küstengemeinden geholfen, verloren gegangene Jobs in der Landwirtschaft zu ersetzen, sagt Madeleine Jouye de Grandmaison, Abgeordnete der französischen Delegation aus Martinique, laut der Zeitung "Los Angeles Times": "Unsere Bevölkerung ist nicht für den Walfang. Er gehört nicht zu unserer Kultur. Er trägt nicht zu unserer Wirtschaft bei."
Walfang gegen Walbeobachtung
Die sechs karibischen IWC-Mitglieder leben zu rund 80 Prozent vom Tourismus. Australische und britische Delegationen warnen die Inselstaaten, auf sie könnten Boykotts zukommen: "Es kann einen Rückgang an britischen Besuchern geben", sagt der britische Umweltminister Ben Bradshaw laut "Los Angeles Times". "Touristen kommen in die Karibik, um die Natur von ihrer schönsten Seite zu sehen", sagt Joth Singh vom International Fund for Animal Welfare. "Manche, für die Walfang ein Horror ist, werden zweimal darüber nachdenken, an Orte zu fahren, wo ihre Werte nicht geteilt werden."
"Wir haben diese Drohungen schon vorher gehört, aber wir werden nicht zurückweichen", sagt Ignatius Jean, auf St. Lucia für die Fischerei zuständig. Die Walfangbefürworter sehen keine Gefahr, dass ihr Image als Ökotourismus-Reiseziel bedroht sei: Walfang und Walbeobachtung könnten nebeneinander bestehen, argumentierten sie während der Konferenz auf St. Kitts. Ein Land, das seit Jahren unbeirrt das Walfang-Moratorium ignoriert, scheint das zu bestätigen: Norwegen hat zwar mit Umweltschützern zu kämpfen, aber nicht mit einem Rückgang des Tourismus – auf den das Öl-Land nicht so sehr angewiesen ist wie die karibischen Länder.
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