Von Florian Harms
Hamburg - Reisepass, Geldbörse, Kamera: Für die meisten Touristen gehört der Fotoapparat zur unverzichtbaren Grundausstattung. Wer fremde Länder bereist, will seine Eindrücke als Bilder mit nach Hause nehmen. Doch das kann mitunter gefährlich sein - vor allem in Saudi-Arabien. In wohl keinem anderen Land der Welt konnte der Weg zwischen Kamera und Knast so kurz sein: Wer dort bislang an öffentlichen Plätzen knipste, musste nicht nur mit Belästigungen und Schikanen durch Polizisten und die allgegenwärtigen Religionswächter rechnen, sondern fand sich nicht selten für einige Stunden im Gefängnis wieder. Neben Privatpersonen haben auch zahlreiche Pressemitarbeiter in den vergangenen Jahren über entsprechende Vorfälle berichtet.
Weil der Wahhabismus, die strenge Islam-Auslegung der saudischen Ideologen, jegliche Abbildung von Lebewesen als Sünde verdammt, war das Fotografieren im Wüstenstaat bislang strengsten Einschränkungen unterworfen: Öffentliche Aufnahmen waren ganz verboten, private allenfalls geduldet, Fernsehaufnahmen unterlagen strikten Vorgaben.
Jetzt soll alles anders werden – zumindest auf den ersten Blick. Ab sofort sei das Fotografieren an privaten und öffentlichen Orten im islamischen Königreich erlaubt, meldete die Zeitung "Arab News" heute unter Berufung auf ein Dekret von König Abdallah. Durch die Aufhebung des Knipsverbotes solle der Tourismus gefördert und das "Verständnis der Bevölkerung für die Wichtigkeit des Fotografierens und Filmens hinsichtlich der sozialen und kulturellen Entwicklung gefördert" werden, tönte es reichlich gestelzt aus dem königlichen Behördenapparat. Innenminister Prinz Naif, zugleich Tourismus-Beauftragter der Scheichs, habe bereits alle Gouverneure angewiesen, die Anordnung umzusetzen.
Künftig dürfen Einwohner und ausländische Besucher also nicht nur Alltagsszenen, sondern auch die grandiose Natur Saudi-Arabiens ungestört per Bild festhalten, etwa die Dünen der Sandwüste Rub' al-Chali, die schroffen Gebirgszüge im Süden oder die traumhaften Küsten. Selbst in abgelegenen Regionen musste man bislang damit rechnen, dass ein übereifriger Sittenwächter die gezückte Kamera konfiszierte, weil sich in der Nähe Menschen aufhielten.
Verbot tausendfach gebrochen
Ist die Aufhebung des Fotoverbots also eine Kehrtwende, gar eine kleine ideologische Revolution im Wüstenstaat? Wohl kaum. Denn zum einen kommt das jetzige Dekret eher als nachträgliche Legitimierung einer Entwicklung daher, die längst stattgefunden hat: Ausgerüstet mit modernsten, oft schwarz erworbenen Digital- und Handy-Kameras haben vor allem die Jugendlichen unter 25 Jahren, die rund zwei Drittel der saudischen Bevölkerung stellen, in den vergangenen Jahren das Fotoverbot tausendfach unterlaufen. Vor allem das jeweils andere Geschlecht wurde dabei gerne in den Sucher genommen, nicht selten heimlich. Die Knips-Begeisterung erfasste das ganze Land und brachte bald die stockkonservativen Religionsgelehrten um Scheich Abdalasis Al al-Scheich auf den Plan.
Auf Druck der Geistlichkeit ließ die Regierung im September 2002 Mobiltelefone mit eingebauter Digitalkamera verbieten. Bestätigt sahen sich die Sittenwächter durch ein grausames Verbrechen, das über die Landesgrenzen hinaus für Entsetzen sorgte: In der ersten Jahreshälfte 2004 hatten zwei Männer die Vergewaltigung einer 17-Jährigen mit ihren Handys gefilmt und den Mitschnitt anschließend zigfach versendet.
Doch selbst die allgemeine Empörung über diese Schandtat konnte dem Foto-Enthusiasmus keinen Abbruch tun. Nach massiven öffentlichen Protesten musste die Regierung Ende 2004 Foto-Handys wieder zulassen. Das jetzige Dekret passt sich nahtlos in diese Entwicklung ein.
Vor jedem Foto um Erlaubnis bitten
Und noch ein Faktor relativiert die die Aufhebung des Foto-Verbots. Denn natürlich - wie könnte es in einem autoritären Staat anders sein - gibt es Ausnahmen. So seien Aufnahmen an öffentlichen und privaten Orten nur insoweit erlaubt, wie sie "nicht mit dem Recht der Menschen, nicht fotografiert zu werden, in Konflikt geraten". Im Klartext: Vor jedem Foto müssen der oder die Anvisierten um Erlaubnis gebeten werden - eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Einerseits soll das Dekret erklärtermaßen zur Ankurbelung des Tourismus beitragen, andererseits dürfte es gerade für fremdsprachige Reisende trotz nonverbaler Kommunikation nicht immer ganz leicht sein, sich beim Fotografieren verständlich zu machen: Englisch- und andere Fremdsprachenkenntnisse sind in der saudischen Bevölkerung noch rar gesät.
Und noch ein Hintertürchen haben sich die Behörden offen gehalten: Die Betreiber aller "privaten oder öffentlichen Einrichtungen, die nicht fotografiert werden sollen, werden verpflichtet, entsprechende Schilder aufzustellen", heißt es laut "Arab News" in der Anordnung. In saudischen Städten wie Riad, Dschidda oder der religiösen Hochburg Dammam, wo an jeder fünften Straßenecke eine Moschee und an jeder sechsten ein Sicherheitsposten steht, könnten also bald regelrechte Schilderwälder aus dem Boden wachsen. Aber auch das wäre ja womöglich eine touristische Attraktion - die allerdings wohl kaum fotografiert werden dürfte.
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