Von Florian Harms
Das Zentrum von Casablanca am Vorabend des 16. Mai 2003. In wenigen Stunden werden hier an fünf verschiedenen Orten Bomben islamistischer Attentäter explodieren, die 43 Menschen in den Tod reißen und fast hundert verletzen. Noch aber herrscht ausgelassene Stimmung: Berber-Familien im Festtags-Ornat, Geschäftsleute im Business-Anzug, Mädchen in hautengen Tops und Greise in weißen Gewändern flanieren über die Boulevards und feiern die Geburt des ersten Sohnes von König Muhammad VI. Unter die Einheimischen mischen sich zahlreiche Touristen, vor allem Franzosen, Spanier und Deutsche. "Marokko ist ein Hort der Gastfreundschaft", sagt ein Passant.
Stunden später, nachdem sich der Rauch über den Anschlagsorten verzogen hat und das ganze Ausmaß des Terroraktes erkennbar wird, erscheinen diese Worte wie Hohn. Gastfreundschaft – wenn man um sein Leben fürchten muss?
Doch der Mann behält Recht. Bei den Attentätern handelt es sich um eine radikale Splittergruppe innerhalb einer mehrheitlich toleranten Gesellschaft, und auch die Reaktionen vieler Touristen sprechen eine deutliche Sprache. Zwar folgte auf den Terror ein kurzzeitiger Einbruch der Gästezahlen, doch wenige Monate später strömten wieder Tausende zum Urlaub in das Maghrebland.
"Wellenbewegungen" nennt Klaus Dietsch vom Studienreiseanbieter Studiosus dieses neue Phänomen: Unmittelbar nach einem Attentat bleiben die Urlauber weg, doch dann kommen sie wieder - fast so, als wäre nichts gewesen. "Unsere Gäste wissen, dass Anschläge wie die in Casablanca mittlerweile zum allgemeinen Lebensrisiko gehören. Schließlich kann man auch in New York Opfer eines Terroraktes werden."
Die Wende
New York war der Wendepunkt. Seit dem 11. September 2001, als die terroristische Bedrohung global wurde, hat sich auch der Tourismus in der arabischen Welt gewandelt - allerdings etwas anders, als man es auf den ersten Blick vermuten könnte. Zwar hat sich die Zahl der Besucher aus Europa, Nordamerika, Japan und Australien in einzelnen arabischen Staaten verringert - aber nur stellen- und nur zeitweise. Einen kompletten Einbruch der Besucherzahlen gab es nur in den ersten drei Monaten nach den Anschlägen. Und nur in jenen Ländern, die zuvor ausschließlich auf westliche Besucher gesetzt hatten, verfestigte sich die temporäre zu einer dauerhaften Krise. Tunesien ist das beste Beispiel dafür. Nach dem 11. September und dem Anschlag auf Djerba im April 2002, bei dem auch 14 deutsche Urlauber getötet wurden, hat sich das stark vom Fremdenverkehr abhängige Land bis heute nicht wieder erholt.
In anderen Ländern war die Entwicklung differenzierter - trotz Anschlägen, Protesten gegen Mohammed-Karikaturen, Nahostkonflikt, Irak-Krieg und Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes.
"Nach dem 11. September gab es in der arabischen Welt zeitweise einen Rückgang der Besucherzahlen aus dem Westen und einen Anstieg des innerarabischen Reiseverkehrs", sagt Günter Meyer vom Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz. Weil viele Araber seither Schwierigkeiten haben, Visa für Europa und die USA zu bekommen, oder sich Vorurteilen ausgesetzt sehen, verbringen sie ihren Urlaub lieber in Syrien, Jordanien oder am Persischen Golf. Die Zahl arabischer Touristen ist dort um bis zu 40 Prozent gestiegen. Allerdings geben sie laut einer Studie des jordanischen Geografen Ala al-Hamarneh im Schnitt 30 Prozent weniger Geld aus als europäische Urlauber.
Die Gewinner
Dennoch haben besonders die Golfstaaten massiv von den Entwicklungen nach dem 11. September profitiert. Aus Furcht, dass ihre Guthaben wegen der neuen US-Antiterrorgesetzgebung eingefroren würden, transferierten vermögende Araber bis zu 200 Milliarden Dollar von amerikanischen Konten zu Banken in der Golfregion. Vor allem in Dubai wurden mithilfe dieser Gelder viele der abenteuerlich-ambitionierten Bauprojekte überhaupt erst realisierbar. All die Einkaufszentren, Mega-Hotels, künstlichen Inseln und gigantischen Flughäfen ziehen immer mehr Touristen an - auch westliche. Vergangenes Jahr erzielte Dubai mit 86 Prozent Hotelauslastung einen neuen Weltrekord.
"Wir haben ein ununterbrochenes Wachstum der Besucherzahlen", sagt René Hingst vom Dubai Tourism and Commerce Marketing in Frankfurt. "Allein die Zahl der deutschen Hotelgäste hat sich zwischen 2000 und 2005 auf 270.000 verdoppelt. Selbst wenn im Libanon Krieg ist, kommen die Leute hierher. Sie differenzieren." Derzeit verzeichnet das Wüstenemirat jährlich fünf Millionen Besucher, in zehn Jahren sollen es 15 Millionen sein.
Mittlerweile haben Abu Dhabi, Qatar, Bahrein und Kuweit begonnen, der Glitzerstadt nachzueifern, und klotzen ähnlich gewaltige Projekte in den Wüstensand. Sogar Saudi-Arabien hat kürzlich offiziell das Fotografierverbot aufgehoben, um den Fremdenverkehr zu fördern. "Die Golfregion ist der Gewinner des 11. Septembers", sagt Meyer. "Der dortige Tourismus-Boom wäre ohne den 11. September so nicht möglich gewesen."
Die Nachzügler
Andere arabische Länder haben sich schrittweise von der Krise erholt. In den vergangenen drei Jahren verzeichneten alle arabischen Nahoststaaten wieder einen wachsenden Zustrom von Urlaubern. "Fast überall in der arabischen Welt zieht nun auch der internationale Tourismus wieder an", sagt Meyer. 2005 besuchten laut der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai) 5,8 Millionen Touristen Jordanien, 3,4 Millionen Syrien und 900.000 den Libanon. "Viele Leute können differenzieren: Zwar heißt die ganze Region Naher Osten, aber die einzelnen Länder sind sehr unterschiedlich", sagt der jordanische Reiseleiter Ayyad Ayyad. "In unserem Nachbarland Irak herrscht schon seit Monaten Krieg - und dennoch kommen die Touristen zu uns."
Auch in Syrien ist man trotz der Libanon-Krise vorsichtig optimistisch. "Direkt nach dem 11. September war plötzlich nichts mehr los, aber 2004 und 2005 hatte ich enorm viel Arbeit", berichtet der Reiseleiter Tarif Tabaa. "Wegen des Libanon-Kriegs sind die Touristen nun wieder weggeblieben. Aber vermutlich kommen sie nächstes Jahr wieder." Wellenbewegungen.
Die Gewöhnung an den Terror
Tourismusforscher Meyer nennt noch ein anderes Wort für dieses Phänomen: Gewöhnungseffekt. "Nach den Attentaten auf Touristen vor dem ägyptischen Hatschepsut-Tempel 1997 dauerte es noch zwei Jahre, bis die Touristen wieder kamen. Heute beträgt die Flaute nach Anschlägen nur noch vier bis sechs Monate." Seit dem 11. September reist der Terror mit - und viele Urlauber lassen sich von einem generellen Anschlagsrisiko nicht mehr abschrecken. Ägypten hat trotz mehrerer Anschläge in letzter Zeit, zuletzt am 24. April in Dahab, im ersten Halbjahr 2006 einen Anstieg der Gästezahlen von sechs Prozent verzeichnet.
Dass die arabischen Länder seit dem 11. September beinahe täglich in den Medien auftauchen, scheint sich nicht allein in Skepsis gegenüber der Region, sondern auch in einem gesteigerten Interesse niederzuschlagen. Wenn man unter Tourismus mehr versteht als ein Badetuch am Strand und andere Menschen, Sitten und Religionen kennenlernen will, kann dieses Interesse langfristig vielleicht sogar zur Konfliktentschärfung beitragen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Aktuell | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH