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27.09.2006
 

Italien

Die wahre Seele des Proseccos

Von Jens Priewe

Yuppie-Gesöff oder Billigfusel aus dem Supermarkt? Für die italienischen Winzer aus Conegliano und Valdobbiadene ist Prosecco keines von beidem. Im Gegenteil: Die Weinbauern im venetischen Hügelland kreieren feinste Schaumweine. Nur die Deutschen haben das noch nicht begriffen.

Für die Menschen von Valdobbiadene und Conegliano sind die Deutschen ein Rätsel: Sie bauen die besten Autos der Welt und trinken den schlechtesten Prosecco. Dass es auch guten Prosecco gibt, ist den meisten fremd. Fremd wie die hügelige Landschaft bei Treviso, aus der er kommt, obwohl sie mit wilder Schönheit glänzt.

Daniele Agostinetto ist sauer. Zwei Paletten wollte der Deutsche am anderen Ende der Leitung bestellen – für einen kleinen Prosecco-Winzer ein willkommener Auftrag. Doch mehr als 1,50 Euro pro Flasche mochte der Kunde nicht zahlen. "Etwas mehr als ein Liter Benzin", dachte Agostinetto und brach das Gespräch ab.

Zwischen Wäldern und Zypressen: Hier reifen die Trauben für den bodenbetonten Prosecco der Kellerei Nino Franco in Valdobbiadene
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Stefaono Scatà

Zwischen Wäldern und Zypressen: Hier reifen die Trauben für den bodenbetonten Prosecco der Kellerei Nino Franco in Valdobbiadene

Agostinetto, 38, gehört zu den Winzern, für die der Prosecco ein ernsthafter Wein ist. In ihn steckt er seine ganze Leidenschaft, für ihn vergießt er Schweiß. Probleme, ihn zu verkaufen, hat er nicht; sechs Euro bekommt er ab Kellertür. Nach Deutschland geht allerdings keine einzige Flasche: "Die Deutschen lieben den Prosecco, aber nur als billigen Prickler."

30 Millionen Flaschen Prosecco werden jedes Jahr aus Italien importiert. Rund 80 Prozent davon kommen als billige Weinbrause ins Supermarktregal, "Perlweine", wie es im Amtsdeutsch heißt, also Weine mit schwacher Perlage. Der Durchschnittspreis liegt bei 2,50 Euro pro Flasche. Wässrig, säuerlich, grobperlig und mit einem Bukett von Rasierwasser, so lässt sich die Durchschnittsqualität beschreiben. "Banal bis beschämend", findet Agostinetto. Jedenfalls hat dieser Sprudel mit einem echten Prosecco nichts zu tun.

"Prosecco ist individueller als Champagner"

Der ist ein leichter, mineralisch-fruchtiger, schäumender Wein mit feinem Birnen- oder Apfelaroma, erzeugt aus Prosecco-Trauben, versektet in großen Drucktanks. Meist sind es größere Kellereien, die Trauben von den Winzern kaufen, daraus Wein und aus dem dann Sekt machen. Aber es gibt auch Winzer wie Agostinetto, die ihre eigenen Trauben verarbeiten.

In seinem Keller, der sich im Haus der Eltern befindet, blitzt überall Edelstahl. Kühlaggregate rauschen, Flaschen klappern auf dem Abfüllband. Der Vater hat sich in die Weinberge verzogen – er schneidet lieber Reben, statt sich dem Lärm im Keller auszusetzen. Daniele ist gesprächiger als der Vater. "Es stimmt", gibt er zu, "der Prosecco wird nicht wie ein Champagner in der Flasche vergoren. Aber er ist individueller als ein Champagner."

Individueller? "Si. Hinter dem nächsten Hügel schmeckt er schon anders." Ist das für die Qualität wichtig? "Wichtig ist, dass er überhaupt aus der Hügelzone kommt." Die miesen Qualitäten stammen also aus anderen Gegenden? "Aus der Ebene. Dort sind die Erträge hoch, aber die Prosecco-Traube gibt nur Wasser."

Die Rebsorte ist seit 200 Jahren in der Hügelzone nördlich von Treviso heimisch. Zwar wird sie wegen des Prosecco-Booms inzwischen in ganz Venetien kultiviert, dazu im benachbarten Friaul, in Umbrien, auf Sizilien und sogar in Brasilien. Doch nirgendwo ist ihr Aroma zarter, ihre Säure feiner, die Frucht knackiger als dort, wo die Voralpen aus der venezianischen Tiefebene emporsteigen. Konkret: zwischen den Städten Valdobbiadene und Conegliano.

Die Landschaft ist teils schon alpin geprägt, vor allem rund um Valdobbiadene, die kleinere der beiden Städte. Atemberaubend steile Hänge aus Dolomitschotter, in die Dörfer wie Nester eingefügt sind, umgeben von dichten Kastanienwäldern, Pfirsichbäumen, wilden Feigen und Weinbergen. Die Reben stehen auf schmalen Terrassen, die sich um Rundhügel und an Talhänge schmiegen. Oft sind sie nur über Steige oder schmale Sträßchen zu erreichen. Stramme Waden sind Pflicht, will man hier Wein erzeugen.

Wein als Berufung

"Eine noble Sorte wie Chardonnay oder Pinot noir ist die Prosecco-Traube nicht", sagt Paolo Bisol, 50, Inhaber der Kellerei Ruggeri. "Der Grundwein, den sie liefert, ist einfach und rustikal. Erst nach der Versektung zeigt er seine Feinheiten." Wir sitzen auf der Terrasse der "Trattoria alla Cima" oberhalb von Valdobbiadene, eines der schönsten und authentischsten Lokale der Gegend, im Rücken die schneebedeckten Dolomitengipfel, vor uns die weite, dunstige Piave-Ebene.

Bisol ist eigentlich Mediziner, den Wein hat er erst spät als seine Berufung angenommen. Er berichtet, dass der Prosecco ursprünglich ein Bauernwein war, der für den Hausgebrauch produziert wurde. Weil die Trauben erst Ende Oktober reif sind, konnte der Most in den kühlen Kellern nicht durchgären. Zum Ende kam die Gärung erst, wenn es draußen wieder warm wurde – aber dann war der Wein meist schon in der Flasche. Der Korken wurde einfach mit einem Bindfaden festgezurrt, so dass die Kohlensäure nicht entweichen konnte.

Im Frühjahr und im Sommer war dieser Bauern-Frizzante eine willkommene Erfrischung, besonders zu einer Scheibe Salami und einem Kanten Brot. Diesen Wein hat die Prosecco-Industrie kopiert. Sie stellt ihn nun mit besserer Technologie her, verarbeitet dafür aber zum größten Teil minderwertiges Lesegut aus der Ebene, wo die Rebe doppelt so viel trägt wie in der Hügelregion. "Heute", klagt Paolo Bisol, "stehen wir vor dem Problem, dass die Menschen den Prosecco nur in dieser Schlichtversion kennen, nicht den aus Valdobbiadene."

Valdobbiadene lebt vom Wein

Valdobbiadene: ein verschlafenes Städtchen mit einem eindrucksvollen Campanile und einem Dom, der bloß ein Kirchlein wäre, hätte die Fassade nicht nachträglich einen Vorbau mit vier mächtigen dorischen Säulen erhalten – ein groteskes Palladio-Imitat, das die Einwohner dennoch lieben. Das öffentliche Leben spielt sich in zwei Bars ab. Einmal in der Woche, wenn es Kutteln gibt, ist auch die Osteria in der Via Piva gut besucht. Ein Restaurant gibt es in Valdobbiadene nicht mehr, das Kino hat ebenfalls geschlossen. Seit die Schuhfabrik und mehrere kleine Motorenwerke aufgegeben haben, lebt der Ort wieder von dem, was immer die Basis seiner Existenz war: vom Wein. Und er lebt gut davon.

"Die Menschen von Valdobbiadene waren nie große Feinschmecker", sagt Bisol. "Sie mussten hart arbeiten und blieben dennoch arm – bis um 1975 der Prosecco-Boom begann. Heute herrscht überall Wohlstand. Aber die Gewohnheiten der Menschen haben sich deswegen nicht geändert. Am liebsten essen die Leute hier immer noch einfache Minestrone, pasta e fagioli, Radicchio-Risotto, sorpressa. So heißt bei uns die selbst gemachte Salami." Und trinken Prosecco? "Viele könnten sich Champagner leisten. Aber sie trinken Prosecco." Den guten oder den schlechten? "Den aus Valdobbiadene." Also den Prosecco aus der historischen Zone? "Aus der DOC-Zone!"

DOC ist die Abkürzung für denominazione d’origine controllata, zu Deutsch: Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete. Normalerweise sagen diese Worte wenig über die Qualität eines italienischen Weins aus. Aber beim Prosecco ist die DOC von essentieller Bedeutung. Sie besagt, dass die Trauben aus dem Hügelgebiet kommen. Höchstens 120 Doppelzentner Trauben dürfen pro Hektar geerntet werden, während in der Ebene 250 Doppelzentner zugelassen sind. "Prosecco di Valdobbiadene e Conegliano" steht auf dem Etikett, manchmal auch nur Conegliano oder nur Valdobbiadene.

Kaum eine Flasche gelangt nach Deutschland

Rund 100 Kellereien produzieren hier diese Qualität. Die kleinen beschränken sich ausschließlich auf DOC-Prosecco, die großen erzeugen daneben auch den Billig-Perlwein. Valdo, unter den großen Kellereien eine der besten, liegt gleich vor den Toren von Valdobbiadene, nicht weit davon entfernt Ruggeri, mit 1,7 Millionen Flaschen ein mittelgroßer Betrieb. Hier entstehen leichte, aber gehaltvolle Prosecco. Nur einen Steinwurf weiter hat Canevel eine hochmoderne Kellerei inmitten der Reben errichtet. Seine Prosecco leben von den Primäraromen und von der feinen Kohlensäure. Fratelli Bortolin, ein kleiner bäuerlicher Familienbetrieb, erzeugt feine, duftig-leichte Bruts, Extra bruts und auch einen Prosecco aus der Lage Cartizze – "nach Deutschland gelangt allerdings kaum eine Flasche".

  • 1. Teil: Die wahre Seele des Proseccos
  • 2. Teil

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