Italien: Die wahre Seele des Proseccos

Von Jens Priewe

2. Teil

Col Vetoraz ist die wohl erfolgreichste Neugründung der letzten Jahre. Aus seinen Kellern kommen weiche, vielschichtige Weine, und zwar vom einfachen Frizzante bis zum hochklassigen Jahrgangswein Millesimato. Die Brüder Franco und Armando Adami aus dem Dörfchen Vidor erzeugen stoffige, fast fette Prosecco. Auch die Prosecco von Desiderio Bisol und seinen Söhnen sind weich und substanzreich. Viele enthalten zehn bis 15 Prozent Pinot bianco und Verdiso, was nach den DOC-Statuten erlaubt, aber unter Kritikern umstritten ist. "Wir sehen uns als innovative Kellerei und Vorkämpfer einer neuen Entwicklung", verteidigt der junge Antonio Bisol die Praxis.

Erfolgstrio: Paolo de Bortoli, Loris Dall’Acqua und Francesco Miotto (von l.) von Col Vetoraz
Stefaono Scatà

Erfolgstrio: Paolo de Bortoli, Loris Dall’Acqua und Francesco Miotto (von l.) von Col Vetoraz

Etwas rustikal ist der Prosecco des agriturismo "Riva di Milan", passend zum Bauernhof der Familie Bernardi: Im Stall stehen Schweine, das Brot wird selbst gebacken, in der hauseigenen Trattoria schmurgeln als Delikatesse für die Einheimischen Fleischspieße über dem Kaminfeuer. Nino Franco ist eine der letzten Kellereien, die noch direkt in Valdobbiadene liegen. Das Kellergebäude hat der Stararchitekt Tobia Scarpa entworfen, die Prosecco tragen die Handschrift des Inhabers Primo Franco – spritzig, zartherb, bodenbetont und herrlich mineralisch.

Gegen das verschlafene Valdobbiadene ist Conegliano, die andere Prosecco-Kapitale, eine wahre Großstadt, mit 36.000 Einwohnern, pulsierendem Leben, schicken Geschäften, eleganten Hotels und einem echten Dom. Doch der große Prosecco-Durst überkam Conegliano erst, nachdem der kleine Konkurrent Erfolg mit dem schäumenden Trank hatte – meinen zumindest die Winzer von Valdobbiadene.

Beim Prosecco kommt es auf die DOC an

Historisch korrekt ist freilich, dass Conegliano jene Kellerei beherbergt, die den modernen Prosecco erfunden hat: Carpenè Malvolti. Dort gelang es Ende des 19. Jahrhunderts erstmals, den Prosecco zu versekten und als Schaumwein auf den Markt zu bringen. Nach dem Gefühl der Menschen in Valdobbiadene aber liegt die Urheberschaft bei ihnen. Sie haben die meisten und die besten Prosecco-Rebflächen. Selbst Carpenè Malvolti, argumentieren sie, kaufe den größten Teil seines Grundweins in Valdobbiadene ein.

"Beim Schaumwein gibt nicht die Lage der Weinberge den Ausschlag, sondern die Lage der Kellerei", kontert der Carpenè-Direktor Antonio Motteran. Er lässt darum schlicht "Prosecco di Conegliano" auf das Etikett drucken, kein Wort von Valdobbiadene. Mittags bei "Clemi" ist er sich mit seinen Kombattanten allerdings schnell einig: Beim Prosecco kommt es vor allem auf die DOC an. Und die gilt für beide.

Rostrote Erde und sanfte Hügel

"Clemi" nennt man hier die Osteria "Al Castelletto", ein kleines, verbautes Lokal rund 15 Kilometer außerhalb von Conegliano. Dorthin zieht es viele Feinschmecker, wegen oder trotz der Inhaberin Clementina Viezzer. Sie war jahrzehntelang Gouvernante bei der Contessa Brandolini, und so begegnet die strenge, alte Dame auch ihren Gästen. Ihre Küche ist strikt traditionell, Kreativität ist verpönt, und wer meckert, bekommt das nächste Mal einen Tisch hinter dem Kamin. Aber es gibt normalerweise wenig zu meckern. Kürbisrisotto, Radicchio-Cannelloni, Rindercarpaccio in Balsamico, Zabaione mit Vanilleeis – Gerichte, die man schon oft gegessen hat und in dieser Qualität dennoch nicht vergisst. Der Prosecco ist der Chefin nicht so wichtig: "Er ist kein großer Wein, man trinkt ihn halt gern."

Die Landschaft um Conegliano ist lieblicher als die bei Valdobbiadene, mit mediterranen Zügen: rostrote Erde, sanft geschwungene, mit Zypressen bestandene Hügel, viele Höfe in Alleinlage. Auf einem davon bindet Arturo Vettori gerade seine Reben auf. Er ist 44, aber voll jugendlicher Begeisterung – wie das so ist bei Menschen, die Betriebswirtschaft studiert und sich dann fachfremd in den Wein gestürzt haben.

Schon die Frage ist ein Sakrileg

Vettoris Prosecco ist herrlich, sein "Dedalo" aber geradezu umwerfend: ein in Barriques vergorener Weißer mit 16 Volumenprozent aus Chardonnay und Incrocio Manzoni, einer Kreuzung von Riesling und Weißburgunder. Gigetto, Wirt und Weinversteher im nahen Miane, nennt ihn "einen der größten Weißweine Italiens". Vettori strahlt: "Das Klima in Conegliano ist wärmer, der Boden lehmiger. Warum sollte man hier nur Prosecco und nicht auch gute Stillweine erzeugen können?"

Bei Carpenè Malvolti gilt schon die Frage als Sakrileg. Rund vier Millionen Flaschen kommen jedes Jahr aus dem Keller des größten Erzeugers von DOC-Prosecco und werden in alle Welt verkauft. Mag das Haus wegen seiner Größe bei örtlichen Gastronomen und Weinkritikern nicht sonderlich beliebt sein – seine Produkte sind tadellos.

Auch Ca’? Vittoria, ein junger, mächtig aufstrebender Betrieb, setzt ganz auf hochklassige Prosecco. Sie sind sogar ganz echte Conegliano-Gewächse: Nicht nur der Keller steht am Rande der Stadt, auch die Trauben wachsen dort.

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  • Datum: Mittwoch 27.09.2006 | 14:46 Uhr
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