Spanien: Heiliger Gral der Rioja

Von Ulrich Sautter

3. Teil: Lesen Sie im dritten Teil: Gute Gran Reservas verkörpern wie kein anderer Weintyp die historische Identität des Rioja

Das Zusammenwirken von bäuerlichen Trauben-Lieferanten und Großkellereien, deren bekannte Marken einen stabilen Absatz garantieren, führt in der Rioja auch andernorts zu verlässlichen Resultaten. Die Familie Martínez Bujanda etwa produziert von ihrer Marke "Conde Valdemar" jährlich drei Millionen Flaschen solider Qualität. Bodegas Riojanas werden oft für den stockkonservativen Stil ihrer Vier-Millionen-Produktion gescholten, doch gerade die Weine der Monte Real-Serie können herausragend sein. Die Produkte von Marqués de Riscal, des großen historischen Namens, enttäuschen selten. CVNE und Viña Real produzieren gemeinsam 7,5 Millionen Flaschen, ihre Abfüllungen sind stets eine Bank. Am Beispiel El Coto (18 Millionen Flaschen) wird besonders greifbar, was auch für die meisten anderen Großen gilt: Speziell die Gran Reservas bieten sehr viel Wein fürs Geld.

Gute Gran Reservas verkörpern wie kein anderer Weintyp die historische Identität des Rioja, und sie erheben ihren Anspruch auf Größe zu Recht: mit ihrer grazilen, doch unverwüstlichen Struktur, mit delikatem oxidativem Spiel, das die Frucht niemals in die Defensive drängt, mit fein ziseliertem Säurenerv und mit einer Mineralität, welche die Würde des Alters mit einem Element jugendlicher Spannung versieht. Dennoch ist kein anderer Weintyp in der Diskussion der Produzenten umstrittener: Manche modern orientierten Produzenten gehen so weit zu behaupten, das lange Fasslager (vorgeschrieben sind 24 Monate) breche den Weinen zwangsläufig das Rückgrat, die Traditionalisten kontern mit dem Vorwurf, die Kritiker der Gran Reserva hätten nur den schnellen cash flow im Sinn.

Mitten im baskischen Dorf Samaniego wartet in einem Innenhof hinter dem Kirchplatz Federico Ramírez de Ganuza, ein hemdsärmliger Endfünfziger mit markant gefurchtem Gesicht. 20 Jahre war er als Weinberg-Makler tätig, dann beschloss er Anfang der neunziger Jahre, selbst auf dem Feld tätig zu werden, das er bislang für andere bestellt hatte. Die ersten Jahrgänge seiner Eigenproduktion waren Fehlschläge, er verkaufte sie im Fass. Seit 1994 jedoch haben seine Weine so viel Erfolg, dass er inzwischen 50 Hektar weitere Reben gekauft hat, mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren.

Pressung mittels eines dehnbaren Plastikbalgs

Schon bald nach der Begrüßung verabschiedet sich Ramírez de Ganuza wieder und lässt seinen Önologen – ein Australier mit spanischen Wurzeln – die Betriebsführung und die Verkostung kommentieren. Der beeindruckendste Wein der Probe ist zweifellos der "Trasnocho", ein Wein im modernen Stil der "alta expresión". Der "intensive Ausdruck" hat in diesem Fall einen technischen Clou: Die Pressung erfolgt unter Zuhilfnahme eines speziell angefertigten dehnbaren Plastikbalgs, der in den Gärtank gestopft und mit warmem Wasser gefüllt wird: Der über Nacht aus dem Tank gepresste Wein hat deutlich mehr Extrakt als der übliche Ablaufsaft, aber nicht die Herbheit gängigen Pressweins. Ein aufsehenerregendes Resultat.

Als der Patron zum Abschiednehmen zurückkehrt, erkundigt er sich aber zuerst, wie die Gran Reserva aus dem Jahr 1995 gemundet hat – die erste, an die er sich gewagt hatte.

Die Großmeister dieser Kategorie residieren, wie es ihnen gebührt, im barrio neben Haros Bahnhof. "La Rioja Alta" ist nicht nur der Name eines Teilgebiets der Rioja – es ist auch der Name eines Weinbaubetriebes. Das Unternehmen wurde 1890 von vier Familien gegründet – heute leiten deren Nachfahren die Geschicke der Firma.

Exportdirektor Javier Amescua schreitet voll Stolz durch die Keller mit 50.000 barriques aus amerikanischer Eiche. Die hier praktizierte Arbeitsweise muss Kostendämpfungs-Profis erschauern lassen: Alle drei Monate werden die Weine umgezogen. Die Kellerarbeiter kontrollieren mit bloßem Auge den aus dem Fass abfließenden Wein. Zeigen sich gegen das Kerzenlicht Trübungen, schließen sie den Hahn. Nur klarer Wein gelangt ins nächste Fass. Drei Monate später beginnt das Ganze von vorn. Sechs Jahre lang wird diese Prozedur für die Gran Reserva 890 wiederholt.

Während der letzten Nacht ist Regen von den Bergen herabgezogen. Jorge Muga steuert seinen Jeep durch Matsch und Geröll in den Weinberg. Rot leuchtet die Erde, und Muga geht ein paar Schritte in die Reben. Dann erzählt er, wie seine Großeltern aus dem Dorf Villalba de Rioja ins Bahnofsviertel nach Haro kamen und die Bodegas Muga gründeten. Er erzählt, wie sehr er die Landschaft der Rioja liebt und ihr Flair. Tauschen würde er mit niemandem, nein. Mit der Familie am Wochenende das Gärtchen zu pflegen und pimientos zu züchten, das geht nur hier, und Jorge Muga schwärmt vom Geschmack des Spargels im Frühjahr und einem kräftigen Schluck weißem Rioja.

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  • Datum: Freitag 08.09.2006 | 09:57 Uhr
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