Dreiviertel acht Uhr morgens am Bahnhof Dietmannsried, wir steigen in den Regionalexpress Richtung Oberstdorf. Die Stimmung im Zug ist bereits am Kochen, ein buntes Völkchen von Skifahrern, Snowboardern und Wochenendausflüglern lässt die Dosen mit den Modegetränken kreisen. Allen gemeinsam ist die Vorfreude auf einen Ski- oder Snowboardtag bei herrlichem Winterwetter. Wir sind vor allem darauf gespannt, wo uns dieser Tourentag wohl hinbringen wird. Schließlich sind wir ohne Auto unterwegs und damit sehr viel flexibler, als wenn die Abfahrt zwangsläufig wieder am Parkplatz enden muss.
In Kempten steigen wir Richtung Oberstaufen um, von dort geht's mit dem Bus weiter zur Hochgratbahn. Die kleine Kabine bringt uns in zehn Minuten zum Ausgangspunkt unserer heutigen „Durchquerung“: Wir hoffen auf hochwinterliche Firnhänge, die uns hinüber nach Balderschwang bringen sollen. Nach ein paar Minuten Aufstieg stehen wir am imposanten Eisengipfelkreuz des Hochgrats, des westlichen Eckpfeilers der Nagelfluhkette, die sich von hier aus über 13 Kilometer bis zum Mittag zieht.
Wir wollen erst mal ein Gefühl für den Schnee bekommen und fahren die 350 Meter hinab zur Gütle-Alpe, um über den breiten Rücken zum Rindalphorn aufzusteigen. Noch ist nicht entschieden, wie es weitergeht, drei Himmelsrichtungen stehen zur Wahl. Ziel ist es, den besten Schnee zu finden. Am Gipfel des Rindalphorns, angesichts der beiden ostseitigen „Schläuche“, fällt schließlich die Entscheidung: Die Südhänge sind noch zu pappig, die ostseitigen dafür ein Traum.
Also lassen wir Balderschwang für diesmal rechts liegen, unser neues Ziel heißt Immenstadt. Damit haben wir gleich einen der Allgäuer Klassiker unter die Felle genommen, die Überschreitung der Nagelfluhkette von West nach Ost. Das heißt acht Gipfel, acht Aufstiege, acht Abfahrten von gemächlich bis rassig. Wir gehen heute bis zum Stuiben und beenden den Tourentag nach der Abfahrt über den Nordhang bei einem Radler auf der Terrasse der Gund-Alpe, die auch im Winter oft bewirtschaftet ist. Die Abfahrt am nächsten Tag über Almagmach durch das Steigbachtal führt dann beinahe bis zum Bahnsteig in Immenstadt.
Ein Wintertraumtag
Unser nächster Ausflug geht zum Schnippenkopf. Von der Bushaltestelle in Reichenbach spazieren wir die paar Meter zum Parkplatz, wo die zweieinhalb Kilometer lange Naturrodelbahn zur Gaisalpe beginnt. Im Aufstieg teilen wir uns den festgefahrenen Fahrweg mit einigen Familien, deren Tagesziel das Berggasthaus ist, mit wohlverdienter Einkehr für die zahlreichen Kinder. Wir passieren die Gaisalpe, steigen im Wechsel von Alpweiden und Waldpassagen hinauf zur Falkenalpe, und gelangen auf dem immer schmaler werdenden Rücken zum Gipfel des Schnippenkopfes. Vom Gipfelkreuz reicht die Aussicht ins Illertal von Immenstadt bis hinein nach Oberstdorf. Im Süden schauen wir auf die Nordwände des für Skifahrer (beinahe) unüberwindbaren Kamms des Hindelanger Klettersteigs, der vom Nebelhorn bis zum Breitenberg reicht.
Das Wetter ist gut, die Lawinenverhältnisse stabil, also entscheiden wir uns für die Abfahrt in die Mulde nach Süden. Nach etwa 50 Metern Gegenanstieg finden wir den Übergang in die steilen Westhänge unterhalb des Entschenkopfs.
Unterhalb der Gaisalpe kann man dann noch eine Variante über den Wallrafweg Richtung Oberstdorf einschlagen, der nach 500 Metern zu einer schönen Schneise mit Abfahrtsmöglichkeit zurück zur Rodelbahn führt. – Wieder einen wahren Traumtag im Kalender abgehakt.
An einem kalten Februarmorgen fällt dann die Wahl auf die Steibis-Balderschwang-Route, der Gunst des Schnees entsprechend in Gegenrichtung. Am Bahnhof Fischen steige ich in den Skibus nach Grasgehren. Bei guter Schneelage erfreuen sich die Südhänge von Heiden- und Siplinger Kopf unter den Tourengehern großer Beliebtheit, daher genieße ich heute die Vorzüge einer guten Spur, gepaart mit der Ruhe eines Wochentags beim Aufstieg zum Nagelfluhgipfel des Siplinger.
Die Bedingungen passen, um die ausgetretene Hauptroute nach Norden zu verlassen und über steile, felsdurchsetzte Hänge zur Unteren Siplinger Alpe abzufahren. Die Rücken und Mulden im Gegenanstieg zum Heidenkopf sind ein Genuss mit ihrem lichten Bergwald. Das Zwitschern der Bergfinken ist das einzige Lebenszeichen so nah am Mainstream, den zu verlassen so leicht sein kann. Vom Heidenkopf ziehen bereits ein paar Spuren hinunter zur Scheidwang-Alpe. Die 500 Meter sonnseitiger Anstieg sind eine kleine Herausforderung, auch im Februar tritt einem da der Schweiß auf die Stirn, bis man am Gipfelkreuz des Rindalphornes steht.
Bei der Abfahrt beginnt es bereits leicht zu dämmern, der windgepresste Osthang vom Rindalphorn hinunter kostet noch einmal Kraft, bevor es von der Gündles-Scharte zur Rind-Alpe und auf dem Fahrweg hinaus zur Talstation geht. Im Zug werden dort erst mal schön die Füße hochgelegt.
Das ganze Oberallgäu liegt uns zu Füßen
Den Allgäuer Tourenklassiker Hörnertour haben wir uns als Nächstes vorgenommen. Wir starten in Sigiswang, auf halbem Wege und in sicherer Entfernung zwischen den beiden Voralpen-Skigebieten von Bolsterlang und Ofterschwang gelegen, und erreichen in knapp zwei Stunden Aufstieg das Rangiswanger Horn. Auch hier gibt es schon wieder verschiedene Optionen: Nach Norden, über die Westhänge ins Ostertal und zur Gunzesrieder Säge oder aber nach Südwesten über die Rangiswanger Alpe? Wir entscheiden uns für den Süden, Richtung Ochsenkopf. Von dort fahren wir durch den lichten Wald vorbei am Berghaus Schwaben ins Bolgental ab und steigen schließlich zu einem der urtypischen Allgäuer Skiberge auf, dem Riedberger Horn. Von zwei Seiten führen Lifte auf den Berg bis etwa ein halbe Gehstunde unterhalb des Gipfels.
Dem kartenkundigen Skitourengeher bleiben zwei unerschlossene Seiten mit interessanten Möglichkeiten. Unsere Variante ist heute die Ost-West-Überschreitung mit Abfahrt Richtung Balderschwang, wo wir nach kurzem Skating-Einsatz auf der Loipe an der Bushaltestelle Richtung Fischen zum Ende kommen.
Zum Abschluss gönnen wir uns noch mal eine Seilbahnfahrt: Vom Nebelhorngipfel, dem Oberstdorfer Hausberg mit der zu Recht berühmten 400-Gipfel-Sicht, schwingen wir zunächst hinüber zum Koblat. Wir genießen das leichte Auf und Ab und die Aussicht hinüber zum Hochvogel auf der Spur zum Laufbichelsee. Von hier steigen wir über sanfte Hänge hinauf zum Gipfel des Großen Daumen, dem höchsten Punkt im gut acht Kilometer langen Kamm zwischen Nebelhorn und Breitenberg.
Das ganze Oberallgäu liegt uns zu Füßen, all unsere Bus- und Bahn-Skitouren können wir von hier oben aus einsehen und der Blick nach Süden offenbart Ziele für ein halbes Bergsteigerleben. Für heute bleibt uns noch die Entscheidung, ob wir gleich die hindernislosen 1100 Meter zum Giebelhaus abfahren oder vom Engeratsgundsee noch die paar Minuten Gegenanstieg zum „Türle“ nehmen und anschließend nach Osten Richtung Hinterstein abfahren wollen. Wir entscheiden uns für das schattseitige Schmankerl und fahren nach Hinterstein ins Tal. – So spontan ist man nur ohne Auto.
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