Düsseldorf - Für Peter Paschke wurde seine Bahnreise aus dem dänischen Esbjerg nach Düsseldorf durch Orkantief "Kyrill" zu einer wahren Odyssee. "Es soll niemand sagen, am Freitag lief der Bahnverkehr wieder normal", sagte er. Gestern hing er in Hamburg fest - nach seiner Weiterfahrt heute in Bremen. Über Hannover sollte es nach Köln weitergehen: Doch die Strecke sei nicht frei gewesen, der Bahnhof in Bielefeld mit Zügen verstopft, erzählte er. So sei er in Herford ausgestiegen - und habe die Reise per Taxi und als Anhalter fortgesetzt.
Gestern Abend war der Bahnverkehr in ganz Deutschland eingestellt worden, um Unfällen in Sturm und Dunkelheit vorzubeugen. Bahnchef Hartmut Mehdorn stellte zwar die weitgehende Normalisierung nach dem Orkan noch für heute in Aussicht. Doch bis zum Mittag herrschte vielerorts noch Unsicherheit: "Niemand hat uns gesagt, dass wir mit den Zügen gar nicht da hinkommen, wo wir eigentlich hin wollten, weil immer noch viele Strecken gesperrt waren", sagte Paschke. Auch in seinem Zielort Düsseldorf fuhren heute zunächst nur vereinzelte S-Bahnen, die jeweils per Lautsprecher-Durchsage angekündigt wurden.
Allerdings bemühten sich Mitarbeiter der Deutschen Bahn und zahlreiche Helfer nach Kräften, den Reisenden die Wartezeit so komfortabel wie möglich zu machen. "Die haben sich wirklich die allergrößte Mühe gegeben", sagt die am Düsseldorfer Hauptbahnhof gestrandete Pia Hertach. Wegen eines Trauerfalls war sie aus Ägypten zurück nach Deutschland geflogen, wollte schnell nach Stuttgart - kam aber in Düsseldorf nicht weiter.
Notunterkünfte mit Feldbetten
Die Nacht auf Donnerstag verbrachte Hertach in einem eigens eingerichteten Nachtlager in einem Konferenzraum am Bahnhof. "Gestern haben sie uns Getränke, Brezel und Obst gebracht", berichtete sie. "Es waren Betten, Decken und Kissen bereitgestellt, und heute Morgen gab es Sandwiches." Andere Reisende tummelten sich in den Sesseln der die ganze Nacht über geöffneten DB-Lounge, wo ebenfalls Decken ausgegeben wurden. "Ich habe aber nicht richtig geschlafen, weil ich dachte, es geht dann gleich heute Morgen weiter", sagte Andrea Gollan aus Dresden. "Aber ob ich jetzt wegkomme, ist eine andere Frage", fügte sie mit gerunzelter Stirn hinzu.
In vielen Städten konnten die Reisenden auch in den wartenden Zügen übernachten, wurden dort mit Getränken versorgt. In Köln wurden 200 Fahrgäste in einem Personalraum der Bahnhofsverwaltung untergebracht, wo das Technische Hilfswerk und die Johanniter Unfallhilfe Schlafplätze eingerichtet und für Decken und Verpflegung gesorgt hatten.
In der Mehrzweckhalle in Göttingen und im Bahnhofsbunker in Hannover richteten Hilfskräfte Notunterkünfte mit Feldbetten ein, das Deutsche Rote Kreuz half bei der Versorgung der Gestrandeten. In Minden gab es für die Festsitzenden wärmende Gulaschsuppe, zum Schlafen war für sie die Turnhalle eingerichtet.
Taxigutscheine aus Kulanz
"Ich finde es irgendwie auch mal ganz schön, dass eine Naturkatastrophe einmal alles zum Erliegen bringt", sagte Fabian Hass, der die Nacht unfreiwillig in Hamburg verbracht hatte. Die Bahn habe auch mit Hotelgutscheinen ausgeholfen. Die meisten Reisenden wollten heute allerdings dann doch nur eines: möglichst schnell weiter. Am Hamburger Bahnhof herrschte am Morgen regelrechter Tumult - auf allen Gleisen standen Züge, die aber nur vereinzelt losfuhren.
Immer wieder wurden Gleisänderungen durchgesagt, woraufhin viele Wartende mit ihren Koffern über die vollen Treppen von einem Gleis zum nächsten drängten. Dieser Menschenauflauf sei unglaublich anstrengend, sagte Stephanie Marx, die auf dem Weg nach Frankfurt war. Ihr geplanter Zug war ausgefallen, um halb neun sollte es für sie weiter gehen. "Nervig wird jetzt nur, dass alle Reservierungen verfallen."
An den Bahnsteigen in Hamburg versuchten Mitarbeiter mit Laptops und Telefon, die auf sie einprasselnden Fragen zu beantworten. Auch in Düsseldorf bemühten sich die Bahn-Angestellten, gaben zahlreiche Taxischeine für Reisende nach Bochum, Dortmund, Wuppertal und Duisburg aus. Ein Rechtsanspruch darauf bestand freilich für die Fahrgäste nicht, da die Auswirkungen des Orkans als "höhere Gewalt" einzustufen sind.
Die Reisenden halfen sich zudem gegenseitig. "Da fährt gleich eine S-Bahn nach Köln ab, haben die durchgesagt, von Gleis sieben", riefen in Düsseldorf drei gelassen wartende Frauen einer Leidensgenossin zu, die gleich davonstürmte. Für Achim Oelmann erfüllte sich derweil die Hoffnung auf eine schnelle Heimreise nach Hannover nicht: Gestern hatte sich der in Dortmund Gestrandete schließlich von einem Freund abholen lassen. Und auch für die Heimreise erschien ihm die Straße als bessere Alternative: "Ich möchte jetzt zum Flughafen, um mir da einen Mietwagen zu nehmen."
Von Nicole Lange und Simone Utler, AP
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