Von Stephan Orth
"Im Bus 418 saß vor uns eine alte Frau. Unsere Kinder begannen zu singen. Nach wenigen Sekunden explodierte die Frau: "Das ist eine Unverschämtheit – können Sie Ihre Kinder nicht beruhigen?", schimpfte sie und sah sich dabei um Zustimmung heischend im Bus um.
In den folgenden Wochen hatten wir weitere unangenehme Begegnungen mit alten Ladies. Eine beschwerte sich, dass mein Sohn lebensgefährlich aus seinem Kindersitz heraushing, die nächste sagte, "Das ist aber nicht gesund", als er Chips aß, eine dritte wies darauf hin, dass unsere Kinder keine vernünftigen Mäntel trügen.
Deutschland, fanden wir heraus, ist eine Gerontokratie – regiert von den Alten für die Alten, oft mit wenig Toleranz für Jüngere. Anders als ihre heruntergekommenen britischen Altersgenossen spielen deutsche Pensionäre eine wichtige Rolle in der Politik, verhindern häufig Reformversuche und genießen eine der höchsten Renten in Europa. Sie haben sogar ihre eigene Partei, die "Grauen Panther".
Als ich mit dem Rad von der Arbeit zu unserer Westberliner Wohnung fuhr, fiel mir kürzlich ein edel ausgestattetes neues Bestattungsinstitut auf, mit attraktiven Angeboten für Holzsärge. An der Stelle war vorher ein Geschäft für Kinderkleidung gewesen – eine schöne Metapher für den demographischen Wandel im größten Staat Europas.
Ein Gutes immerhin hat diese alternde Gesellschaft – unsere Kinder müssen am Spielplatz nie anstellen, um auf die Schaukel mit dem Frosch zu kommen.
Weiter zum nächsten Reisehorror
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Aktuell | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH