Von Dominik Baur
Aber ja doch, es ist möglich: Man kann über Zoologische Gärten diskutieren, ohne sich ausschließlich über Wohl und Wehchen eines heranwachsenden Berliner Eisbären zu ergehen.

Felsenpanorama mit Flamingos
Aber früher oder später, es lässt sich dieser Tage einfach nicht vermeiden, landet man doch bei "Cute Knut". Joachim Weinlig-Hagenbeck zeigt sich jedoch wenig beeindruckt von dem polaren Fellknäuel. "Bei uns wird alle zwei, drei Jahre ein Eisbärenbaby geboren. Bloß hier wird es nicht von der Mutter verlassen." Der 51-Jährige, einer von zwei Direktoren des Hamburger Tierparks Hagenbeck, sitzt bei Espresso und Croissant im Café des Orang-Utan-Hauses und betrachtet die herumturnenden Menschenaffen. Ein besonders Kleiner hängt kopfüber an einem Seil und wickelt sich in einen Stofffetzen ein. "Was die nur immer mit ihren Tüchern haben?"
Weinlig-Hagenbeck wohnt selbst auf dem Tierparkgelände. "Gleich hinter den Eisbären." Dort, wo vor rund anderthalb Jahren das Eisbärenmädchen Victoria zur Welt gekommen ist - weiß, süß und von der Welt weitgehend unbeachtet. Ganz anders als das artgenössische Flaschenkind aus Berlin. "Wer ist denn schon dieser Knut, haben wir uns in Hamburg gefragt", erzählt Weinlig-Hagenbeck.
Schließlich hat Europas größter Privatzoo seine eigene Babyattraktion: Shila. Das Elefantenkalb wurde am 11. April geboren, rechtzeitig zum 100. Geburtstag des Tierparks am 7. Mai. "Doppelte Besucherzahlen haben wir auch. Aber wir sind da etwas hanseatischer. Wir machen nicht so einen Wirbel." Außerdem weiß auch Weinlig-Hagenbeck, dass für den Andrang nicht nur flauschige und flaumige Tierbabys verantwortlich zeichnen - sondern vor allem das ungewöhnlich gute Wetter der letzten Wochen.
Mai 1907: Es ist der erste Dienstag im Monat, als der Tierpark Hagenbeck seine Pforten öffnet. Der Zoo, heute eines der Hamburger Wahrzeichen, liegt damals noch gar nicht in der Hansestadt. Der heutige Stadtteil Stellingen gehört noch zu Preußen. Eine Mark kostet der Eintritt, für Kinder 50 Pfennig.
Am Anfang war der Seehund
Angefangen hatte alles noch viel früher. Im Revolutionsjahr 1848, Carl Hagenbeck war noch keine vier Jahre alt, nahm die Geschichte des Tierparks ihren Lauf - mit dem Auftritt von sechs Seehunden. Fischer hatten die Tiere als Beifang im Netz. Gemäß dem Vertrag, wonach sie alles, was ihnen ins Netz ging, abzuliefern hatten, übergaben sie ihre Beute dem Hamburger Fischhändler Gottfried Clas Carl Hagenbeck. Zunächst etwas verdutzt, packte der die Tiere schließlich in zwei Holzbottiche und stellte sich mit ihnen auf den Spielbudenplatz. Für einen Schilling pro Person durften die Hamburger die Meeresbewohner betrachten. Die Geschäftsidee ging auf.
Der alte Hagenbeck erkannte, dass mit Tieren auf mancherlei Weise Geld zu machen war. Vier Jahre später bot ihm ein Kapitän einen ausgewachsenen Eisbären an, den er aus Grönland mitgebracht hatte. Der Grundstein für seine kontinuierlich wachsende Tierschau war gelegt, Sohn Carl besorgte den Rest. 1874 eröffnete er - damals noch mit beschränkten Mitteln auf engem Raum - am Neuen Pferdemarkt den ersten "Thierpark". 1907 zog man dann mit der Menagerie nach Stellingen. Der Hamburger Zoo am Dammtor, 1863 von Alfred Brehm gegründet, hatte gegen die übermächtige Konkurrenz auf Dauer keine Chance. 1930 musste er schließen.
Der Tierpark Hagenbeck unterschied sich bei seiner Eröffnung deutlich von den anderen Zoos seiner Zeit. Carl Hagenbeck präsentierte die exotischen Bewohner auf bislang ungewohnte Art und Weise. In sogenannten Panorama-Anlagen, die den Heimatlandschaften der Tiere nachempfunden waren, wurden sie - zum Teil mehrere Tierarten in einem Gehege - den Besuchern gezeigt.
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