Von Dominik Baur
Und vor allem: Die Gitter waren weg. Statt hinter Stäben waren die wilden Tiere jetzt nur noch durch Gräben von ihren Betrachtern getrennt. Eine Idee, auf die Hagenbeck so stolz war, dass er sie sich patentieren ließ. Obwohl diese Art der Tierhaltung bald von anderen aufgegriffen wurde und sich bis heute in den meisten Zoos durchsetzte, konnte die Familie aus dem Patent keinen Profit mehr schlagen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ging es wie die übrigen Patente an die Alliierten.
Der Erfinder Thomas Alva Edison erlebte das neue Zookonzept bei einem Besuch 1911. Sein Kommentar: "The animals are not in the cage, they are on stage." Ein anderer prominenter Zeitgenosse erwies sich ebenfalls als Fan des neuartigen Tierparks: Kaiser Wilhelm II. Dreimal soll er zu Besuch gekommen sein. Oder waren es viermal? Die Berichte variieren. Viel wichtiger war den stolzen Hamburgern ein anderes Detail: Die Konkurrenz vor der eigenen Haustür, den Berliner Zoo, so heißt es, habe der Monarch kein einziges Mal besucht.
Suche nach Sauriern
Im Mittelpunkt des neuen Zookonzepts standen freilich nicht die Bedürfnisse der Tierparkbewohner, sondern die ihrer Besucher. Den menschlichen Augen missfielen die Gitter, sie wollten die Illusion einer kompletten exotischen Landschaft. Für die Tiere hatte das mitunter positive Nebeneffekte, mehr nicht. Noch immer war Hagenbeck vor allem ein besonders erfolgreicher Tierhändler.
Zucht spielte damals in Zoologischen Gärten keine Rolle. Die Tiere wurden gefangen. In Afrika, in Amerika, in Asien waren die Tierfangexpeditionen unterwegs, um die Nachfrage nach möglichst vielen, möglichst exotischen Tieren zu befriedigen. Ende des 19. Jahrhunderts finanzierte Hagenbeck sogar eine Expedition nach Afrika, um zu sehen, ob dort nicht vielleicht doch noch Saurier überlebt hätten. Wer anders als diese nicht die Gnade des frühen Aussterbens hatte, musste quälende Transporte durchleben - wenn er sie überhaupt überlebte. Viele der gefangenen Kreaturen kamen nie lebend am Ziel an.
Der Wunsch, die Tiere in möglichst authentischem Ambiente zu zeigen, trieb zum Teil seltsame Blüten. Zu der exotischen Umgebung gehörten dann auch die entsprechenden Menschen. Fremde Völker konnten schon am Pferdemarkt begafft werden: Lappen, Nubier, Singhalesen, Kalmücken, Indianer. Im neuen Tierpark wurden die Völkerschauen noch verstärkt.
Manche Tierart überlebte nur im Zoo
Shila ist noch etwas wacklig auf den Beinen. Angestrengt versucht das Elefantenbaby, die Kontrolle über die rund 40.000 Muskeln seines Rüssels zu erlangen - bislang noch ohne sichtbaren Erfolg. Widerborstig baumelt die lange Nase knapp über dem Boden, während Shila ihrer Mutter Lai Singh durch die geräumige Freilaufhalle hinterhertappst. Shila ist bereits das achte Elefantenbaby, dass bei Hagenbeck lebendig zur Welt gekommen ist. Auf seine Elefantenzucht, die erfolgreichste in einem Zoo, ist der Tierpark besonders stolz (siehe Kasten).
Seit dem Washingtoner Artenschutzabkommen von 1973 können Zoologische Gärten ihren Tierbestand nicht mehr durch Wildfänge aufrechterhalten. Internationale Zuchtprogramme sollen nun sicherstellen, dass - zu einem großen Teil gefährdete - Tierarten auch weiterhin im Zoo zu besichtigen sind. Allerdings nur Tiere, die auch in Gefangenschaft geboren wurden. Hagenbeck etwa koordiniert die Zucht der Onager, einer persischen Wildeselart, und des chinesischen Leoparden. 1990 funktionierte hier auch zum ersten Mal außerhalb Südamerikas die Zucht des sehr seltenen brasilianischen Riesenotters.
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