Berlin - Ein Zug steht verwaist auf den Gleisen, ein paar Wartende sitzen auf Bänken, dazwischen laufen ein Dutzend Gewerkschafter umher und schwenken Fahnen. Die Anzeigetafel am Berliner Hauptbahnhof jongliert indessen mit Zahlen: 40, 60, 90 Minuten Verspätung, heißt es dort heute Morgen. Das ist noch geschönt, denn knapp vier Stunden lang steht nahezu alles still. Nach den gestrigen Warnstreiks der Gewerkschaften Transnet und GDBA kämpft nun auch die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) mit Arbeitsniederlegungen für mehr Lohn.
Streikleiter Hans-Joachim Kernchen ist zufrieden. Ständig klingelt sein Telefon mit Nachrichten von anderen Streikorten. "Alle Großstädte sind lahmgelegt", sagt er. "München, Frankfurt, Stuttgart, Hamburg - alles dicht." Drei Viertel der rund 22.000 Bahn-Lokführer sind in der GDL organisiert - genug, um den gesamten Bahnverkehr in Deutschland zu lähmen.
"Streikbrecher" sind weiter unterwegs
Wenn an diesem Morgen vereinzelt ein Zug im Berliner Bahnhof einfährt, wird er von Nicht-Gewerkschaftsmitgliedern gesteuert. Kernchen spricht mit jedem der Lokführer und versucht, sie vom Streik zu überzeugen. Manche hätten Angst um ihren Arbeitsplatz, andere wollten sich keine Aufstiegschancen verbauen, erzählt er. "Für uns sind das Streikbrecher."
"Ihr seid doch genauso verlogen wie die Politiker", schimpft einer der Streikverweigerer aus seinem Führerhaus. "Was wir bis jetzt haben, haben wir uns selbst erarbeitet, das habt nicht ihr erkämpft." Kernchen ist fassungslos. "Mit Solidarität hat das nichts zu tun", sagt er und betont. "Dabei kämpfen wir für seine Arbeits- und Lebensbedingungen."
Die GDL will einen eigenen Tarifvertrag und rund 30 Prozent mehr Lohn erkämpfen. Alles sei teurer geworden - Miete, Strom, das Auto, klagt Lokführer Siegfried. Nur an den Löhnen habe sich nichts getan. Der 55-Jährige muss mit rund 1500 Euro netto im Monat auskommen. Für die hohe Verantwortung in seinem Beruf ist das zu wenig, meint er. Schon seit Reichsbahnzeiten ist er Lokführer. "Damals war man stolz darauf, Eisenbahner zu sein", sagt er. "Heute sind wir nur noch Bahner. Der Beruf wird immer weiter abgewertet."
Bahnhofs-Lager statt Urlaub
Von Geschäftsreisenden und Berufspendlern ist an diesem Morgen am Bahnhof kaum etwas zu sehen. Die meisten sind offenbar von vornherein auf Fahrrad, Auto oder Taxi umgestiegen. Ein paar ahnungslose Touristen stehen ungläubig vor den Fahrplänen oder richten sich mit ihren Taschen und Koffern ein vorübergehendes Lager ein.
Von Urlaub können Christel Hunka und ihr Ehemann zunächst nur träumen. Ihr Zug nach Westerland fällt aus, Ersatz ist vorerst nicht in Sicht. Die Rentnerin ist sauer: "Streik zu Ferienbeginn - die Gewerkschaften wissen genau, dass sie die Leute damit am meisten treffen." Die Forderung nach 30 Prozent mehr Lohn findet sie völlig überzogen. Rentner hätten auch keine Erhöhung bekommen und mit den gleichen Ausgaben zu kämpfen. Selbst sieben Prozent mehr Lohn, wie die Gewerkschaften Transnet und GDBA fordern, sind in ihren Augen zu viel.
Bahnmitarbeiter versuchen indessen, die Wartenden mit Kaffee zu besänftigen. Ein bisschen Schlaf wäre Rolf Peters lieber. Um überhaupt von Duisburg nach Berlin zu kommen, ist der 55-Jährige bereits am Abend vor dem Streik angereist und wartet seit Mitternacht auf einer Bahnhofsbank auf einen Termin in der Hauptstadt. Ein bisschen Verständnis hat er für die Streikenden, sagt er und ergänzt müde lächelnd: "Nur ist es unfair, dass Unbeteiligte da reingezogen werden."
Verkäuferin Jessica ist dankbar für den ruhigen Morgen. Gegen fünf Uhr brummt an ihrem Brötchenstand normalerweise das Geschäft mit den Berufspendlern. "Sonst ist um diese Zeit nicht an eine Pause zu denken", sagt sie. "Aber heute ist hier tote Hose." Sollten sich die Gewerkschaften und die Bahn in den kommenden Tagen nicht an den Verhandlungstisch setzen, könnte der Hauptbahnhof noch weitere verwaiste Vormittage erleben: Neue Warnstreiks haben die Gewerkschaften bereits angedroht.
Christiane Jacke, ddp
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