Von Verena Töpper
Mit seinem gelben Schlafsack ist Laszlo schon von weitem als erfahrener Camper zu erkennen. Mitten zwischen Gepäckwagen, Reisetaschen, Koffern und Tüten hat sich der 27-Jährige auf dem Boden ausgestreckt, den Rucksack unter dem Kopf. Es ist zwei Uhr morgens. Im Café nebenan klirrt Geschirr, Sprachfetzen von vorbeieilenden Reisenden ziehen vorbei, ab und an schallt eine Durchsage durch die Halle. Obwohl nicht alle Deckenlampen angeschaltet sind, ist es gleißend hell.
Seit vier Stunden liegt Laszlo nun schon hier, in der Halle B des Terminal 1 am Frankfurter Flughafen. Richtig schlafen kann er nicht. "Es ist einfach zu laut", sagt er und zupft an seinem Schlafsack. Weitere vier Stunden Wartezeit hat er noch vor sich, ein Hotelzimmer will er trotzdem nicht nehmen. "Zu teuer", winkt er ab.
Laszlo ist Ungar und auf dem Weg von Barcelona nach Budapest. Den achtstündigen Aufenthalt am Frankfurter Flughafen hat er eingeplant, "das ist die billigste Flugverbindung". Trotz des Lärms übernachte er immer wieder hier, berichtet er. "Insgesamt ist es schon okay."
Mit Schlafbrillen und Wollsocken
Laszlo ist nicht der Einzige, der in dieser Nacht das Terminal dem Hotel vorzieht. Rund vierzig Reisende haben es sich auf den Liegesesseln um ihn herum mehr oder weniger gemütlich gemacht. Einige haben Schlafbrillen dabei, andere Decken und Wollsocken. Die Plätze sind heiß begehrt, denn im Gegensatz zu den übrigen Sitzgelegenheiten im Terminal 1 kann man sich auf den Liegesesseln halbwegs ausstrecken. Immer wieder laufen einzelne Passagiere auf der Suche nach einem freien Schlafplatz durch die Reihen.
Das Sicherheitspersonal hat Mitleid mit den Übernachtungsgästen. "Sie können sich auch da drauf setzen, das ist bequemer", sagt einer der Angestellten zu einer Familie, die auf einer Treppe neben den Liegesesseln kauert und deutet auf eine Reihe geparkter Elektroautos. Während die Angesprochenen vorsichtig auf einen der kleinen Wagen klettern, haben sich zwei Asiatinnen schon quer über die anderen Fahrbänke gelegt.
Die Freundlichkeit des Frankfurter Sicherheitspersonals wird auch von "AnaMaria" und "RLM" gelobt. Sie sind User der Webseite www.sleepinginairports.net, auf der Reisende aus aller Welt ihre nächtlichen Erfahrungen auf Flughäfen niedergeschrieben haben. Im weltweiten Ranking der Internetseite liegt der Frankfurter Flughafen im Mittelfeld, das "Goldene Kissen" haben die Reisenden dem Flughafen Singapur verliehen. Eine Übernachtung dort solle man sich nicht entgehen lassen, auch wenn man das Geld für ein Hotel übrig habe, meint ein begeisterter Nutzer namens "Josh". Einer der zum Übernachten schlechtesten Flughäfen ist laut der Webseite der Pariser Flughafen Charles de Gaulles. Dreckig, laut und ungemütlich, lautet das Urteil der Experten.
Gähnend zum Check-In
Sleepinginairports.net wurde 1996 von der Kanadierin Donna McSherry ins Leben gerufen. Nachdem ihr auf ihrem Europatrip das Geld ausgegangen war, wurde sie bei ihrer Suche nach einer günstigen Hotelalternative am Flughafen fündig. Auf einem Flughafen zu übernachten sei ein Abenteuer und mache Spaß, schreibt die heute 32-Jährige auf ihrer Internetseite. Ilana Civsica und ihr Mann sehen das anders. Die beiden Hannoveraner sind unfreiwillig am Frankfurter Flughafen gestrandet, sie warten im Terminal 2 auf die Fünf-Uhr-Maschine nach Mallorca . "Die Bahn fuhr nicht anders." Viel zu wenige Sitzplätze gebe es, außerdem störten die Armlehnen, ärgert sich Ilana Civsica. Ihr Mann nickt zustimmend.
Dass es im Terminal 2 weder Liegesessel noch Bänke mit durchgehender Sitzfläche gibt, sei vom Flughafenbetreiber sicher bewusst so geplant, meint der 23-jährige Philipp Hüttmann. "Die wollen nicht, dass hier jemand schläft." Philipp und sein Freund Emrah haben es trotzdem geschafft, einen Schlafplatz zu finden: auf einer Fußmatte am Rand der Halle. "Ich kann überall schlafen", sagt Philipp und lacht. Emrah kann ihm nicht ganz zustimmen. "Ich habe nicht gut geschlafen. Es war echt kalt auf dem Boden." Gähnend reihen sich die beiden am Check-In-Schalter ein, nach "Malle", wie Philipp sagt.
Nach ihren Flugtickets hat sie die Nacht über niemand gefragt. Dabei ist das Sicherheitspersonal angehalten, stichprobenartig die Bordkarten zu kontrollieren, wie Alfred Schmöger vom Flughafenbetreiber Fraport verrät. Schließlich dürfen nur Passagiere die Nacht in den Flughafengebäuden verbringen. Wer ohne Ticket erwischt wird, muss nach draußen. Übernachtungsexpertin Donna McSherry rät, bei Kontrollen stets so zu tun, man sitze man unfreiwillig am Flughafen fest. "Weinen hilft", so die Kanadierin. Für Reisende, die Angst haben, ihren Flug zu verschlafen, hat sie noch einen besonderen Tipp: Am Körper angebrachte Notizzettel mit der gewünschten Weckzeit. "Es funktioniert. Die Leute wecken euch auf."
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