Von Miriam Hempel
Peter Suntinger hat drei Pflichttermine pro Jahr. Für den Politiker sind Verabredungen Berufsalltag. Drei davon sind es nicht. Sie betreffen ihn – und den Großglockner. Drei Mal im Jahr steht das Oberhaupt der Gemeinde Großkirchheim zu fixen Zeitpunkten auf dessen Gipfel. Mindestens nochmal so viele Begehungen kommen jährlich hinzu.
Der erste Termin fällt auf den 1.1. Suntinger hat es sich zum Ziel gesetzt, jedes Jahr als Erster auf dem höchsten Berg Österreichs zu stehen. 15 Mal in Folge ist das dem 42-Jährigen auch gelungen, nur 2001 machte das Wetter einen Strich durch sein Vorhaben. Bergsteigen nimmt der gelernte Holzbildhauer ernst. Peter Suntinger ist ein Mann der Tat und nicht der vielen Worte. Zur Jahrtausendwende stand er mit seinem Vater und einem Fotoapparat auf dem Gipfel. "Jahrgang 1935. Der hat sich’s eingebildet", brummt der kräftige Mann aus dem Zirknitztal. Am 31. Dezember 1999 waren sie bei Neuschnee zur Adlersruhe aufgestiegen und haben am folgenden Tag zum Gipfel gespurt. Einfach sei es nicht gewesen. Aber Peter gibt so schnell nicht auf.
In einer halben Stunde 30 Zentimeter Neuschnee
Der 1.1.2002 blieb ihm besonders im Gedächtnis. Zusammen mit einem Seilgefährten wurde in der Stüdlhütte übernachtet. Während des Aufstiegs schneite es stark. In einer halben Stunde fielen etwa 30 Zentimeter Neuschnee! Dazu Nebel und so viel Gegenwind, dass sie kaum stehen konnten, so kämpften sie sich mühsam aufwärts. Um Gewicht zu sparen, halbierten sie ihr neues 60-Meter-Seil. Beim Abstieg wurde die andere Hälfte wieder mitgenommen. Ein neues Seil zu durchtrennen sei ihm schwer gefallen; er erinnert sich: "Aber 2002 war es fast schon Pflicht, auf den Glockner zu kommen, weil wir im Sommer darauf fünf Wochen auf Expedition zum Dhaulagiri VII wollten." Die Strapazen am Glockner haben sich gelohnt. Die erste österreichische Expedition auf den 7246 Meter hohen Eisriesen ist erfolgreich verlaufen.
Der zweite Pflichttermin findet immer statt, sobald die Franz-Josefs-Höhe mit dem Auto zugänglich ist – dies ist meist am Muttertag der Fall, in diesem Jahr wurde die Straße allerdings schon am 28. April für den allgemeinen Verkehr freigegeben. Im Sommer steigt Peter Suntinger dann mit Freunden auf. "Durch meine Tätigkeit lerne ich so viele Menschen kennen, die sonst nie auf den Glockner kämen." Da sei es schön, wenn man ihnen eine Freude machen könne.
Aus diesem Grund steigt auch Ernst Rieger immer wieder auf den Glockner. Ernst ist Bergführer. Seit 25 Jahren. Der 50-Jährige stammt wie Peter Suntinger aus der Gemeinde Großkirchheim. 1991 hatte er mit dem Bürgermeister der kleinen Gemeinde die Eiger-Nordwand durchstiegen.
Hochzeit am Gipfelkreuz
Inzwischen sind Ernst Riegers Ziele die Wünsche seiner Gäste. Seit zehn Jahren lebt er nämlich ausschließlich vom Führen, ist Mitglied im Bergführerverein Heiligenblut. Davor war der bescheidene Mann aus Sagritz auch als Landwirt und Standesbeamter tätig gewesen. In den 1990-ern traute Ernst sogar ein Pärchen oben am Gipfelkreuz des Großglockner. "Es war eine kleine Hochzeitsgesellschaft. Wir waren am Abend ganz allein oben … die Ehe hält immer noch." Über 500 Mal stand er bereits auf dem höchsten Punkt Österreichs. Jährlich kommen 40 weitere Begehungen hinzu. Das Wetter, die Menschen und die Verhältnisse seien jedes Mal anders, aber egal: "Viele, die einmal oben waren, kommen immer wieder."
Über 30 Routen überziehen den Berg wie ein Spinnennetz. Die meisten Glockner-Besucher steigen von Kals über die Luckner- und Stüdlhütte zur Erzherzog-Johann-Hütte bzw. von Heiligenblut und der Franz-Josefs-Höhe über den Hofmannsweg, wegen des Gletscherschwundes inzwischen auch über den sogenannten Weg der Erstbegeher, über die Salmhütte und die Hohenwartscharte, 3181 Meter, zur Erzherzog-Johann-Hütte auf.
Wenig begangen, mit dem II. Schwierigkeitsgrad aber nicht anspruchsvoller als der Weiterweg von der Erzherzog-Johann-Hütte zum Großglockner, ist der Aufstieg über den Meletzki-Grat zum Glocknerleitl. Ernst Rieger hat die Route vor fünf Jahren an den Schlüsselstellen mit wenigen Bohrhaken saniert. Erstmals wurde diese Tour über den sogenannten Glocknerkarkamp 1892 im Abstieg begangen. Die Route geriet dann aber in Vergessenheit und wurde erst 1925 wiederholt und daraufhin öfter begangen.
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