Von Miriam Hempel
Blitzschlag zerstörte das Gipfelkreuz
Was Ernst bei seinen vielen Glockner-Besuchen immer wieder fasziniert, ist das eiserne Gipfelkreuz bzw. seine Geschichte. Anlässlich des 25-jährigen Ehejubiläums von Kaiser Franz Josef und Elisabeth wurde es als Kaiserkreuz 1879 vom Alpenklub Österreich gestiftet. Konstruiert hatte es Friedrich Schmidt, Dombaumeister von St. Stephan in Wien, der auch das Wiener Rathaus geplant hat. Vier Tage lang schleppten kräftige Kalser Bergführer das 250 Kilogramm schwere Eisenkreuz in Einzelteilen nach oben.
Das erste Holzkreuz war wenige Jahre nach der Erstbesteigung, am 28. Juli 1800, vom Blitz zerstört worden. 120 Jahre lang thronte dann das drei Meter hohe Eisenkreuz mit seinen Inschriften auf dem Gipfel. 1999 wurde es zur Restaurierung mit dem Helikopter ins Tal gebracht. Ernst und die Kollegen von den Bergführerverbänden Heiligenblut und Kals hatten sich engagiert für eine Restaurierung eingesetzt. Vor dem 200-jährigen Großglockner-Jubiläum im Jahr 2000 war auch im Gespräch gewesen, die Bergspitze zu vergolden, Proteste seitens der Bevölkerung und der Alpenvereine haben dies verhindern können.
Seit den ersten Besteigungsversuchen 1799 durch die Gebrüder Klotz aus Heiligenblut wirkt der Großglockner auf Bergsteiger aus aller Herren Länder wie ein Magnet – schließlich ist er nicht nur der höchste Gipfel Österreichs, sondern rangiert auch unter den Top Ten der Ostalpen. "Die beste Aussicht auf den Glockner hat man vom Fuscherkarkopf. Wenn man auf dem Süd-, später Süd-West-Rücken aufsteigt, wächst der Glockner gegenüber mit jedem Meter mit", weiß Ernst. Besonders schön sei es ganz früh am Morgen. Da könne man auf dem Weg viele Steinböcke beobachten – oder umgekehrt. "Wie sie da von oben auf einen herabschauen – da merkt man, dass man hier nur geduldeter Gast ist."
Pflanzen aus der Arktis
Die Natur liegt ihm sehr am Herzen. Jede Blume am Wegrand kann er benennen. Er kennt alle Stellen, wo man besonders viele seltene Exemplare findet. Die Gamsgrube am Fuscherkarkopf ist ein solcher Ort. Im Laufe der Zeit haben Wind und Erosion dort aus den Kalkglimmerschiefer-Felsen einen nährstoffreichen Boden geschaffen. Hier findet man Pflanzenarten, die heute nur noch in der Arktis und im inneren Zentralasien wachsen. Deshalb sollten Bergsteiger unbedingt der Versuchung widerstehen, den Abstieg durch den verlockenden Sand abzukürzen. Zumal das in dem 26 Hektar großen Sonderschutzgebiet des Nationalpark Hohe Tauern ohnehin verboten ist.
Imposante Zahlen: Mit einer Ost-West-Ausdehnung von 100 und einer Nord-Süd-Ausdehnung von 40 Kilometern erstreckt sich der Nationalpark Hohe Tauern auf einer Gesamtfläche von 1836 Quadratkilometern. Damit zählt er zu den größten Schutzgebieten Europas. Formal wurde der Nationalpark 1971 mit der Unterzeichnung der Drei-Länder-Vereinbarung durch Kärnten, Salzburg und Tirol ins Leben gerufen. Ab 1981 begann Kärnten mit der Umsetzung. Es folgten Salzburg und Osttirol. Die Wurzeln des Schutzgebietes reichen viel weiter zurück.
Schon 1918 erhielt der Österreichische Alpenverein vom Holz-Industriellen Albert Wirth, der sich sehr für Naturschutz einsetzte, eine 40 Quadratkilometer große Fläche rund um Glockner, Pasterze und Gamsgrube. Der Alpenverein sollte diese Fläche als Naturschutzgebiet sichern. 1981 brachte er sie in den Nationalpark Hohe Tauern ein. 1986 erklärte die Kärntner Landesregierung den OeAV-Grund zu den ersten beiden Sonderschutzgebieten "Großglockner-Pasterze" und "Gamsgrube".
Nationalpark mit 266 Dreitausendern
Das Großprojekt konnte nun mit viel Überzeugungsarbeit und hartem Ringen um die Fördermittel – der damalige OeAV-Vorsitzende Louis Oberwalder war einer der engagiertesten Streiter für das Projekt – verwirklicht werden. 266 Gipfel mit über 3000 Meter Höhe, etwa 250 Gletscher wie z.B. die Pasterze, mit fünf Kilometern der längste Gletscher der Ostalpen, über 500 Seen und zahlreiche Moore liegen im geschützten Bereich des Nationalparks Hohe Tauern.
In den tieferen Lagen rund um den Glockner scheinen sich besonders die Murmeltiere sichtlich wohl zu fühlen. An der Großglockner-Hochalpenstraße weisen zahlreiche Warnzeichen auf die possierlich rundlichen Pfeifer hin. Dass das kein Werbegag, sondern eine Sicherheitsvorkehrung ist, merkt man spätestens, wenn man frühmorgens die Straße passiert. Hinter so mancher Kehre kauern die braunen Nager auf dem Asphalt und täglich bremst der Autofahrer.
Auch andere Tiere trifft man im Nationalpark – an höchst ungewöhnlichen Orten: So ist der Gipfel des Glockner bewohnt – von der Gipfelmaus. Ernst sagt ganz ernst, er habe sie schon ein paar Mal gesehen. Dennoch, wenn er es seinen Gästen erzählt, wollen sie ihm nicht wirklich glauben. Letzten Sommer im August konnte er aber den Beweis liefern. Als erster war er am Gipfelkreuz angelangt und sah die Maus gerade noch weghuschen. Es hatte frisch geschneit. Im Schnee waren ihre winzigen Spuren ganz deutlich zu sehen.
Wer diesen Sommer den Großglockner besteigen will, hat vielleicht Glück, er wird womöglich den Ernst Rieger, vielleicht auch die Maus oder gar beide zusammen antreffen. Auch Peter Suntinger könnte einem begegnen. Sein großer Wunsch: noch einmal mit seinem 72-jährigen Vater im Sommer auf den Gipfel zu steigen. Diesmal zusammen mit seinem Sohn. Dann wären drei Suntinger-Generationen gleichzeitig auf dem Glockner. Ob’s klappt? Wie auch immer, der Glockner wird jedenfalls noch viele Bergsteiger-Generationen beschäftigen.
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