Von Jessica Braun
Meditative Videoprojektionen, Loungesessel und gedämpftes Licht – die neue Nutricia Lounge am Flughafen Schiphol in Amsterdam wirkt auf den ersten Blick wie ein Entspannungsraum für Passagiere der Ersten Klasse. Ein Nickerchen halten dürfen hier aber nur die, die ohnehin keinen Unterschied zwischen Business- oder Economy-Class machen: Babys. Eltern können ihre Kleinen dort baden, wickeln oder in einem der sieben minimalistischen, aber geräumigen Bettchen schlafen legen. Da das Ambiente mehr an das Separee einer modernen Bar als an ein Kinderzimmer erinnert, dürfte der für die Kleinen angestrebte Entspannungseffekt auch bei den großen Gästen Wirkung zeigen. Ein wichtiger Faktor.
"Flugreisen mit Kindern sind natürlich eine Art Stress", sagt die Umwelt- und Sozialpsychologin Dr. Bettina Graf, "für die Eltern vielleicht noch mehr als für den Nachwuchs." Vor allem dann, wenn zwischen Abflugsort und Reiseziel noch ein Umsteigeflughafen liegt. In Amsterdam, Paris, London oder Frankfurt sind Wartezeiten bis zu mehreren Stunden nahezu vorprogrammiert. Was schon für Erwachsene unangenehm ist - beständige Geräuschbelastung, eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten, elektrisches Licht und klimatisierte Luft – kann für Kinder sehr belastend sein. "Geräusche, Gerüche und neue Eindrücke können bei einem Kind Spannungszustände auslösen," so die Psychologin. Ausnahmsweise im Vorteil ist hier, wer mit einem Säugling reist. Graf dazu: "Babys kann man auch mehrere Stunden auf dem Rücken mit sich herum tragen. So lange die Eltern in der Nähe sind, fühlen sie sich wohl." Sind die Kinder noch sehr klein, besteht eine reelle Chance, dass diese mehrere Stunden am Stück schlafen. Selbst in der ungewohnt künstlichen Umgebung eines Transitbereichs.
In der Babylounge ist immer Platz
Auch der Madrider Flughafen Barajas hat einen Nurserybereich, einen Schlafraum für Kleinkinder, der zum Wickeln oder Füttern genutzt werden kann. Barajas ist ein wichtiger Umsteigepunkt für Reisen nach Südamerika oder auch nach China. Obwohl Familien nur einen kleinen Teil der Reisenden ausmachen, kann man einige der Flughäfen also durchaus als familienfreundlich bezeichnen. "Rund 46,1 Millionen Passagiere nutzen unseren Flughafen im Jahr, acht Prozent davon sind Familien mit Kindern", so Kathelijne Vermeulen, Sprecherin der Schiphol Group.
Den Ruheraum für Säuglinge hält sie dennoch für wichtig: "Wir wollten eine Art privaten Raum für junge Familien schaffen, wo sie anders als auf den Toiletten ohne Hektik Windeln wechseln können, oder eben ihr Baby schlafen legen." Bei der geringen Zahl an Reisenden mit Kindern ist es nicht verwunderlich, dass vor der Babycare Lounge keine Schlangen entstehen: "Voll belegt ist sie nie", so Vermeulen.
Neben Schlafgelegenheiten bieten fast alle Flughäfen aber auch Spielplätze für ältere Kinder. Für die Psychologin Dr. Bettina Graf ein guter Aspekt: "Es sind vor allem die undefinierten Wartezeiten, mit denen Kinder nicht umgehen können." Also das Herumsitzen und Anstehen. Ein Besuch auf dem Spielplatz kann die Kinder ablenken und – was für den bevorstehenden Flug wichtig ist – müde machen. "Eigentlich sind Kinder leicht für das Reisen zu begeistern. Man muss sich nur vorher überlegen, wie man sie beschäftigt."
Flugzeugbücher und Schmusedecke
Auch Gespräche im Vorfeld können Eltern und Kinder entlasten. "Es gibt Kinderbücher, die sich um Flughäfen und das Fliegen drehen", so Dr. Bettina Graf. Die wecken das Interesse und die Vorfreude. Die Psychologin empfiehlt, dass Kinder das Spielzeug selbst einpacken dürfen, das sie für den Flug im Handgepäck dabei haben wollen. "Ein eigener kleiner Koffer gibt ihnen die Chance, sich beim Spielen mit ihren Sachen zurück zu ziehen."
Eine Möglichkeit für die Eltern, sich ein wenig Freiraum zu schaffen, sind Kinderbetreuungsangebote wie es sie beispielsweise auf dem Londoner Flughafen Heathrow, dem Flughafen Barajas in Madrid oder auf dem Münchner Flughafen gibt. Im Münchner Kinderland werden Kinder zwischen drei und zehn Jahren für bis zu drei Stunden beaufsichtigt. Peter Prümm, Pressesprecher des Flughafens dazu: "Wir möchten Familien einen stressfreien Aufenthalt gewährleisten." Die Psychologin steht solchen Angeboten eher skeptisch gegenüber: "Nicht jedes Kind lässt sich einfach in fremde Hände geben." Ist ein Kind dazu bereit, kann dies aber eine gute Möglichkeit für die Eltern sein, sich vor dem Flug zu entspannen. Graf: "Während eines längeren Flugs müssen Eltern damit rechnen, dass sie sich beständig um das Kind kümmern müssen." Nur weil seine Eltern müde sind, heißt das nicht, dass das Kind auch schlafen möchte.
Generell rät die Psychologin, besonders am Tag vor der Reise darauf zu achten, dass Kinder genügend Schlaf bekommen und unterwegs immer genug Essen und Getränke im Handgepäck sind. Denn, so Graf, "was Kinder am meisten belastet sind Müdigkeit, Hunger oder Durst." Sind dann noch Lieblingsspielzeug, Schmusedecke- oder Kissen und bei älteren Kindern der Walkman oder MP3-Player mit dabei, kann eigentlich nichts schief gehen. Auch wenn es bis zum Abflug mal wieder länger dauert.
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