Von Antje Blinda
"Wir haben versucht, ihn zu tarnen, aber vergeblich", klagt "roambeans" im Forum des Lonely-Planet-Verlags. Als der Backpacker die chinesische Grenze von Vietnam aus überqueren wollte, wurde ihm sein Reiseführer abgenommen. "Der Grenzbeamte war sehr nett", schreibt "roambeans" (übersetzt "Wanderbohne"), "aber er erlaubte uns nicht, ihn zu behalten oder Seiten herauszureißen. Er sagte, da wären schon 200 Lonely Planets im Hinterraum."
"roambeans" ist nicht der einzige Rucksackreisende, dem der über tausend Seiten umfassende Guide an der südlichen Grenze Chinas abhanden kam. Der Verlag hat in den letzten eineinhalb Jahren rund 30 Berichte über Konfiszierungen seiner China-Ausgabe erhalten, sagte der Australien-Chef von Lonely Planet, Tony McKimmie, der australischen Zeitung "Sydney Morning Herald".
Anlass der Zensur ist eine Karte im Reiseführer, die China und seine Nachbarländer darstellt. Auf der Darstellung sind die Volksrepublik und Taiwan in verschiedenen Farben zu sehen – als zwei getrennte Länder. Chinas Außenministerium hat nun bestätigt, dass der Lonely-Planet-Führer im letzten Jahr aufgrund dieser Landkarte verboten worden ist. Das breche chinesisches Gesetz.
China betrachtet Taiwan nach wie vor als abtrünnige Provinz und erkennt dessen Souveränität nicht an. Dem Verlag war das Verbot ihres Guides bisher nicht bekannt. "Da gab es jede Menge Gerüchte, aber wir bekamen nie etwas Offizielles von der chinesischen Regierung", sagte McKimmie.
Auf seiner Website rät der Verlag seinen Kunden nun, den China-Führer zu verhüllen – was ihn aber aufgrund seiner gewichtigen Größe bei der Durchleuchtung kaum tarnen kann. Außerdem sollen die Backpacker jede wichtige Beschreibung, die für die Reise nützlich sein könnte, kopieren. Ein Vorschlag, der "roambeans" wohl geholfen hätte, wenn er ihn rechtzeitig bekommen hätte. Verzweifelt suchte er in Kunming in Hostels, Buchläden und Cafés einen anderen Backpacker-Reiseführer und wurde sogar fündig. Doch die Besitzer wollten ihren kostbaren Lonely Planet nicht herausrücken. "Denkt zweimal nach, bevor Ihr in dieses Buch investiert!", warnt das Forumsmitglied.
Keine Beschwerden bei MairDumont
In anderen chinesischen Städten ist der umfangreiche Guide durchaus in staatlichen Buchläden erhältlich. Allerdings wird er nicht in Regalen ausgestellt und nur auf Nachfrage und bei Vorzeigen des Reisepasses verkauft, berichtet "Sydney Morning Herald". Von Konfiszierungen erzählen die Backpacker meistens nur an abgelegenen Grenzübergängen. Bei der Einreise an den Flughäfen der Großstädte wie Peking wird das Gepäck wohl selten so genau kontrolliert.
Von dem Reiseführer-Bann scheint bisher ausschließlich der Verlag Lonely Planet betroffen zu sein. Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums konnte nicht bestätigen, dass auch andere Guides mit einer ähnlichen Karte verboten worden wären, berichtet "Sydney Morning Herald". Andere englischsprachige Reisebuchverlage wie Frommer's oder Rough Guides haben bisher keine Berichte von ihren Kunden über Konfiszierungen erhalten.
Auch bei deutschsprachigen Verlage wie MairDumont und Reise-Know-how haben sich bisher noch keine Käufer derartiges gemeldet. MairDumont, der auch die deutsche Übersetzung der Lonely-Planet-Bände herausgibt, hat bisher keine Kenntnis, dass die deutsche Fassung ebenfalls verboten wäre.
Die Verleger schließen aus, dass sie den Inhalt ihrer Reiseführer verändern würden, selbst wenn das Verbot aufrecht erhalten oder ausgeweitet wird. "Wir würden unsere verlegerische Freiheit bewahren und nichts am Inhalt ändern", sagte Lonely-Planet-Chef McKimmie dem "Sydney Morning Herald".
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