Berlin - Den Augen des "Lieben Führers" entkommt niemand. Wer die wenigen Schritte vom U-Bahnhof Mohrenstraße entlang des grau gestrichenen Metallzauns zurücklegt, der bleibt unweigerlich an dem Schaukasten "Lobpreisung und Verehrung" stehen. In ihm sind Geschenke zu sehen, die Nordkoreas Staatschef erhalten hat: ein Schwert aus Syrien, eine Blumenvase aus China und ein bemaltes Holzschächtelchen aus Russland. Und dazwischen immer wieder er: Kim Jong Il, Nordkoreas Steinzeitmachthaber.
Eine Tür nur wenige Meter neben dem Propagandakästchen führt bald zu einem von Berlins wundersamsten neuen Touristenquartieren. In einem grauen Plattenbau auf dem Nordkoreanischen Botschaftsgelände öffnet in den nächsten Wochen eine Unterkunft für Gäste mit schmalem Geldbeutel. Die Worte "City" und "Berlin" sind schon in gelben Buchstaben auf blauem Grund über dem Eingang zu lesen, vorm Wort "Hostel" raschelt noch eine Plastikplane.
Aus Büroräumen werden Schlafzimmer
Die Lage könnte besser kaum sein: Potsdamer Platz, Checkpoint Charlie, Brandenburger Tor - alles in Laufweite. Nur die Baustelle direkt vor dem Haus wirkt wenig gastfreundlich. Auch im Haus wird noch gewerkelt: "Vorsicht, frisch gestrichen", steht einem grünen Schild an der zukünftigen Rezeption. Nebenan steht das eigentliche Botschaftsgebäude der Nordkoreaner.
Die Häuser waren Anfang der 70er Jahre im Diplomatenviertel der DDR gebaut worden. Wo bald Touristen übernachten sollen, war früher die Konsularabteilung von Nordkorea. Im Dezember wurde laut Webseite des Hostelbetreibers die Übernahme des Gebäudes unterzeichnet, im Januar begann der Umbau "der zahlreichen Büroräume zu komfortablen Ein- und Mehrbettzimmern mit modernen Sanitäreinrichtungen in allen Zimmern".
Japans Medien lästern über klamme Koreaner
Der ungewöhnliche Bewohner fand in japanischen Medien eine hohe Aufmerksamkeit: Weil Nordkorea knapp bei Kasse sei, suchten die Machthaber wohl eine neue Einkommensquelle, heißt es in der Zeitung "Yomiuri Shimbun". Weil im Konsulat niemand von den Hostel-Plänen wusste, wurde der Fall sogleich zur bewussten "Feindpropaganda" abgestempelt. Die Japaner hätten offensichtlich diese Gerüchte absichtlich gestreut.
Nichtsdestotrotz wird in dem Gebäude auf dem Gelände der nordkoreanischen Botschaft eifrig gebaut. In dem Gebäude, das künftig Touristen beherbergen soll, residieren bereits die Berliner Akademie für Psychotherapie und der renommierte Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP).
Wann die ersten Touristen auf dem Gelände der Nordkoreaner übernachten können, ist noch unklar. Der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung in Mitte, Ephraim Gothe, erklärte, zwar liege der Antrag vor, Teile der Botschaft in ein Hostel umzubauen. Doch eigentlich sei für den Umbau noch gar kein grünes Licht gegeben worden. Um die Sache müsse er sich wohl noch einmal kümmern, meinte Gothe.
chs/reh/AP
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