SPIEGEL ONLINE: Herr Sommer, wann kommen die ersten Quallen auf den Balearen an?
Sommer: Die größten Schwärme kommen im Hochsommer, im Juli oder August. Die ersten Warnungen gibt es aber meist schon jetzt im Frühling.
SPIEGEL ONLINE: In der Feriensaison sollen 16 Fischerboote vor Mallorca und den Nachbarinseln auf Quallenfang gehen. Ist das sinnvoll?
Sommer: Wenn die Kutter nur ihre Netze raushängen und die Quallen per Zufall fischen, dann wird das zu wenig sein. Wenn die Fischer aber räumlich begrenzte Schwärme aufspüren, dann können sie etwas bewirken. Es müsste dazu eine Möglichkeit geben, die Tiere ordentlich zu lokalisieren - wie das per Echolot mit Fischschwärmen möglich ist. Schwierig wird es nur, wenn die Quallen verstreut und auf großer Front kommen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es andere Möglichkeiten, die Quallen von den Stränden fernzuhalten?
Sommer: Um große Quallen wie die Leuchtqualle abzufangen, könnte man Netze in der Tiefe aufspannen, in der die Quallenschwärme treiben, und am Boden oder an Driftkörpern verankern. Ich glaube allerdings nicht, dass sie bei Strömungen, Wind und Wellen Bestand hätten. Sie müssten schon sehr stabil verankert sein - und das ist sehr aufwendig und damit teuer.
SPIEGEL ONLINE: An der spanischen Costa del Sol werden Schildkröten gezüchtet, die gegen die Quallen zum Einsatz kommen sollen. Die Tiere verdrücken immerhin bis zu einer Tonne Qualle pro Woche. Ein Vorzeigeprojekt?
Sommer: Dazu müsste man sehr, sehr viele Schildkröten züchten. Das dauert lange.
SPIEGEL ONLINE: Welche Quallen sind im Mittelmeer gefährlich?
Sommer: Die riesigen Schwärme, die zur Quallenplage werden, bestehen meist aus der Pelagia noctiluca, der Leuchtqualle. Auch die Cyanea capillata, die Feuerqualle, kommt vor, aber nicht so geballt. Vereinzelt ist auch die Physalia physalis zu finden, die Portugiesische Staatsgaleere. Die wäre erheblich gefährlicher als die Pelagia, unter Umständen auch lebensgefährlich. Aber ich habe noch nichts davon gehört, dass die Physalia in so riesigen Schwärmen im Mittelmeer vorkommt.
SPIEGEL ONLINE: Wie giftig sind Leucht- und Feuerquallen?
Sommer: Sie verursachen eine Nesselung, einer Art Verätzung, die aber nicht tödlich ist. Tödlich sind dagegen zum Beispiel in Australien die Chironex fleckeri, die Seewespen.
SPIEGEL ONLINE: Was sollten Strandbesucher machen, wenn sie in Kontakt mit den Nesselkapseln der giftigen Quallen gekommen sind?
Sommer: Zum Abspülen sollte man Essig verwenden, was man aber auch nicht immer zu Hand hat. Die zweitbeste Möglichkeit ist das Spülen mit Salzwasser. Manchmal wird auch Abreiben mit Sand empfohlen. Andere Quellen raten davon jedoch ab. Auf gar keinen Fall sollte man Süßwasser verwenden!
SPIEGEL ONLINE: Wieso gibt es das Problem der Massenvorkommen ausgerechnet im Mittelmeer?
Sommer: Das Phänomen tritt nicht nur im Mittelmeer auf. Allerdings stehen die Badestrände der Region natürlich im Mittelpunkt des Interesses. Im vorigen Herbst hat es zum Beispiel auch einen Leuchtquallen-Schwarm gegeben, der in eine Lachsfarm in Nordirland hineintrieb. Der gesamte Bestand an Fischen starb dabei. Nur - im November badet niemand in Nordirland.
SPIEGEL ONLINE: Und in Deutschland?
Sommer: Auch in der Ostsee gibt es gelegentlich Strandsperrungen wegen der Feuerqualle. Dort kann sie sich aber nicht vermehren, sie treibt von der Nordsee her hinein. Und die Aurelia, die Ohrenqualle, die es auch in der Ostsee wie überall auf der Welt gibt, brennt nicht.
SPIEGEL ONLINE: Beruht die massenhafte Vermehrung auf natürlichen biologischen Zyklen?
Sommer: Die Massenvermehrungen treten unregelmäßig und nicht jedes Jahr auf - aber die Meldungen werden dichter und häufen sich.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Sommer: Die gängigen Erklärungen sind Überfischung, Eutrophierung und Klimaerwärmung. Allerdings sind Quallen noch wenig erforscht.
SPIEGEL ONLINE: Wieso denn das?
Sommer: Das Problem ist eben, dass die Quallen so unregelmäßig in großer Zahl auftreten. Das Risiko ist hoch, wenn man ein Projekt beantragt oder eine Doktorarbeit dransetzt, dass es eben keine oder nur ganz wenige Tiere gibt. Und wenn sie dann da sind, ist es normalerweise zu spät, die Mittel für eine gründliche Untersuchung zu mobilisieren.
SPIEGEL ONLINE: Eine einleuchtende, aber recht unbefriedigende Erklärung.
Sommer: Naja, man kann ja niemanden ein Thema für eine Doktorarbeit geben - und dann sitzt er da und wartet drei Jahre lang.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Empfehlung für Mittelmeer- und Ostseeurlauber?
Sommer: Strandurlauber müssen es mit Quallen so handhaben wie Skifahrer mit Lawinen: Wenn es Warnungen gibt, dann müssen sie die Warnungen beachten.
Das Interview führte Antje Blinda
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Aktuell | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH