Von Michael Lenz, Kuala Lumpur
Mit AirAsia zu fliegen ist kein Vergnügen. Die Sitzreihen sind so eng, dass einem normalgroßen Europäer fast die Knie unterm Kinn hängen. Auch für Pünktlichkeit ist der malaysische Billigflieger nicht berühmt. Dennoch boomt das Geschäft: Gut sieben Jahre nach einer Fastpleite fliegen AirAsia und seine Langstreckentochter AirAsia X mit 67 Airbus-Maschinen mehr als hundert Ziele in Südostasien, China und Australien an - und werden spätestens im Juni den 50-millionsten Passagier begrüßen können.
Jetzt hat die AirAsia-Gruppe Europa im Auge: London wird die erste europäische Destination von AirAsia X sein, kündigte der Chef Tony Fernandes in Kuala Lumpur an. Wann genau die erste Maschine von Malaysia gen Großbritannien abheben wird, ist noch offen. Fest steht aber in etwa der Preis für ein Ticket: einmal von Kuala Lumpur nach London und zurück soll umgerechnet 240 Euro kosten.
Sehr viel tiefer in die Tasche greifen muss, wer die gut zwölfstündige Reise in einem der 50 bequemen Schlafsessel verbringen will. Für diesen Erste-Klasse-Service verlangt AirAsia umgerechnet 1600 Euro. Das ist aber im Vergleich zu Business-Class-Preisen von umgerechnet gut 4000 Euro für die gleiche Route bei Full-Service-Airlines wie Malaysia Airlines oder Singapore Airlines immer noch ein Schnäppchen.
AirAsia X will großes Streckennetz anbieten
Langstreckenbilligflieger waren bisher nicht erfolgreich. Oasis Air versuchte sein Glück mit Flügen zwischen Hongkong und London sowie Hongkong und Vancouver - und endete mit diesem Konzept Anfang dieses Jahres in der Pleite. AirAsia X jedoch will nicht einige, ausgewählte Langstreckenziele bedienen, sondern will langfristig wie seine Mutterfluglinie ein weitgespanntes Streckennetz bieten.
Erst in der vergangenen Woche wurde das australische Perth als neueste Destination bekannt gegeben. Seit Februar steht Hangzhou in China auf dem Flugplan und im November vergangenen Jahres startete die ambitionierte Airline ihre Flüge zu Australiens Goldküste. Das wenig bescheidene Ziel von AirAsia X: der größte Langstreckenbilligflieger der Welt zu werden.
Auf der Route Asien–Europa muss die malaysische Billig-Airline nur mit den großen Linienfluggesellschaften konkurrieren müssen. Für die wird - zumindest am Anfang - der Billigheimer aus Kuala Lumpur mit zunächst fünf Flügen pro Woche allenfalls so was wie eine Laus im Pelz sein. "Aber wir werden das Angebot allmählich auf zwei Flüge pro Tag ausbauen", kündigt Fernandes an. Zwar ist auch AirAsia X, wie alle Billig-Airlines, ein strikter Point-to-Point-Carrier, befördert somit seine Passagier von A nach B ohne Rücksicht auf Anschlussflüge. Im August vergangenen Jahres aber ist Sir Richard Branson mit seiner Virgin Group mit einem 20-prozentigen Anteil bei AirAsia X eingestiegen.
Da bedarf es nicht viel Phantasie, sich eine Verknüpfung von AirAsia Group und Virgin Group vorzustellen. Mit seinen Destinationen in Australien und denen von AirAsia in Südostasien wird AirAsia X bereits mit dem für März 2009 erwarteten Jungfernflug nach London die halbe Welt umfassen. Virgin bedient mit Zielen in den USA, in Afrika, Indien, der Südsee und mit dem Billigflieger Virgin Blue die Nummer zwei nach Qantas in Australien die andere Hälfte. Die profitable Flugbahn zwischen Südostasien und Australien muss sich AirAsia X allerdings mit gleich drei Billigfliegern teilen.
Tausende Sitzplätze zum Nulltarif
Noch sind die Möglichkeiten auf dem Billigfliegermarkt in Asien riesig. Die Folgen der asiatischen Finanzkrise von vor zehn Jahren sind verdaut, die Volkswirtschaften boomen. Der Mittelstand in Malaysia, Thailand, Indonesien und vor allem in China wächst und wächst und legt eine große Konsumfreude. Shoppen bis zum Umfallen ist die Lieblingsbeschäftigung vieler Asiaten, der sie am liebsten in einer anderen als ihrer Heimatstadt nachgehen. AirAsia und seine Mitbewerber wie Tiger Airways aus Singapur oder Jetstar machen es zu Preisen möglich, die selbst bei kurzfristiger Buchung und trotz steigender Kerosinpreise mehr als attraktiv sind.
Auf der Strecke Kuala Lumpur–Singapur liefern sich die drei Billigflieger einen äußerst konsumentenfreundlichen Preiskampf mit Tausenden Sitzen zum Nulltarif, in dem auch die bisherigen Monopolisten der Route Singapore Airlines und Malaysia Airways (MAS) mitmischen.
Geradezu mörderisch ist Kampf um Marktanteile innerhalb Malaysia. Mit einem aggressiven "Jeden Tag Billigstpreise"-Kampagne versucht die MAS als "Fünfsternbilligflieger" AirAsia Paroli zu bieten. Die derzeitigen Preiskämpfe aber sind nur ein Vorgeschmack auf das, was sich Geschäftsreisende und Touristen auf innerasiatischen Strecken ab Dezember freuen können, wenn der Luftverkehr liberalisiert wird. Kurz gesagt: Dann kann jede Gesellschaft fliegen, wohin sie will.
Tony Fernandes: "Jetzt kann jeder fliegen"
Kopf und Seele, Herz und Verstand von AirAsia ist der indischstämmige Malaysier Tony Fernandes. Fernandes, der stets leger gekleidet auftritt: Der 43-Jährige trägt immer Jeans, dazu Hemd oder T-Shirt und sein Markenzeichen, das Baseballkäppi in den rot-weißen Farben von AirAsia. Der Chef der AirAsia Group beschreibt sich selbst gerne als "proletarischer Kapitalist", der dem Volk die Segnungen der Moderne verfügbar macht. So prangt auf den AirAsia-Maschinen das fast sozialistisch anmutende Motto: "Jetzt kann jeder fliegen."
Fernandes hat sein Handwerk seinem großen Vorbild Richard Branson abgeguckt, in dessen Virgin-Imperium er in den Achtzigern als Buchhalter arbeitete. Wie Branson begnügt sich auch Fernandes nicht mit einer Branche oder einem Unternehmen, sondern bastelt sich eine Verwertungskette: Neben AirAsia, AirAsia Indonesia, AirAsia Thailand, bald vermutlich auch AirAsia Vietnam und eben AirAsia X gibt es noch die Marke "Tune". Das "Kein Schnickschnack"-Prinzip der Budgetairlines hat Fernandes auf das Unternehmen Tune Money übertragen, das "Billiggeld" in Form von Billigkrediten, Billigkreditkarten und Billigversicherungen vertreibt.
Tune Hotels ist eine Budget-Hotel-Kette, dessen Buchungsprinzip auch von den Billigairlines abgekupfert ist. Je früher man bucht, desto billiger ist das Zimmer. Extras kosten extra. Die Definition von Extras reicht von Seife bis zur Klimaanlage. Eines Tages soll es mindestens ein Tune Hotel überall da geben, wo AirAsia hinfliegt - an bisher hundert Zielen.
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