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13.07.2008
 

Notbremsung in Köln

ICE-Passagiere widersprechen Darstellung der Bahn

Wer zog in Köln im defekten ICE die Notbremse? Ein Bahnmitarbeiter, behauptet die Deutsche Bahn. Dem widersprechen jetzt einem WDR-Bericht zufolge einige Fahrgäste. Ein Passagier - und nicht ein Zugbegleiter - habe den Zug gestoppt und damit Schlimmeres verhindert.

Köln - Nach dem ICE-Unfall in Köln haben Fahrgäste der bisherigen Darstellung der Bahn widersprochen, wonach Mitarbeiter der Bahn den Zug gestoppt haben. Wie der Westdeutsche Rundfunk (WDR) am heutigen Sonntag berichtet, soll nach Angaben von mehreren Mitreisenden ein Fahrgast die Notbremse gezogen haben. Am vergangenen Mittwoch war in Köln ein ICE 3 wegen eines Achsendefekts entgleist.

ICE-3-Züge in der Inspektion: Bremste ein Zugbegleiter - oder ein Fahrgast?
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DPA

ICE-3-Züge in der Inspektion: Bremste ein Zugbegleiter - oder ein Fahrgast?

Der WDR zitiert einen Augenzeugen, dem nach eigenen Angaben schon kurz nach dem Anfahren in Köln klar gewesen sei, dass der Zug entgleist war: "Es war einfach offensichtlich, dass ein Rad schon über die Schwellen humpelte." Er habe dem vorbeikommenden Zugbegleiter dann zugerufen, dass der Zug entgleist sei. Der habe aber nichts unternommen.

"Das Personal hat erst reagiert, nachdem zwischen den zwei Waggons das Bodenblech angefangen hat, sich schräg zu stellen, nachdem das Ding also schon praktisch anfing zu zerbersten", zitiert der Sender einen Augenzeugen. Der Zugbegleiter habe wohl versucht, sich mit dem Lokführer in Verbindung zu setzen.

Eine weitere Augenzeugin bestätigte gegenüber dem WDR die Angaben. Erst als der Zug immer noch nicht zum Stehen gekommen sei, sei ein Fahrgast "an die Notbremse gesprungen" und habe den Zug angehalten. Hinterher hätten sich Fahrgäste bei ihm bedankt. Die Zeugen sind in dem Rundfunkbericht namentlich genannt.

Ein Bahnsprecher wollte den Bericht am Sonntag nicht kommentieren und verwies auf eine Mitteilung der Deutsche Bahn AG vom vergangenen Freitag. Darin hieß es: "Das Fahrpersonal ist entsprechenden Kundenhinweisen nachgegangen und hat gemäß den Vorschriften die notwendigen Maßnahmen ergriffen. Konsequenz dieses korrekten Verhaltens war, dass der ICE 518 durch das Personal (...) bei der Ausfahrt aus dem Kölner Hauptbahnhof gestoppt und somit möglicher Schaden abgewendet wurde." Dies sei nach wie vor Stand der Dinge, erklärte der Sprecher.

Auch die Staatsanwaltschaft ging bislang davon aus, dass der Zug von Bahnmitarbeitern gestoppt wurde. Der Kölner Oberstaatsanwalt Günther Feld sagte am Samstag, nach den bisherigen Ermittlungen habe ein Bahnmitarbeiter die Notbremse gezogen, weil unter dem Waggon Metallteile über die Gleise und deren Verschraubungen schleiften. Dem SPIEGEL sagte Feld, dass die Entgleisung des ICE nach bisherigen Ermittlungen nicht mit der kurz zuvor erfolgten Notbremsung zusammen hing. "Das war nicht die Ursache der Entgleisung", sagte er. Am Sonntag war die Staatsanwaltschaft für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Die Ermittler gehen auch der Frage nach, ob das Zugpersonal nicht ausreichend auf Warnungen von Reisenden reagiert hat, die schon kurz hinter Frankfurt auf verdächtige Geräusche hingewiesen haben sollen. Selbst wenn es ein Bahnmitarbeiter war, der die Notbremse zog - er tat es erst in Köln. Auf der Strecke zwischen Frankfurter Flughafen und Köln war der ICE mit bis zu 300 Stundenkilometern über die Hochgeschwindigkeitsstrecke gerast.

Die Bahn teilte derweil mit, dass sie bei ihrem großangelegten Sicherheitscheck keine weiteren Mängel festgestellt habe. Alle per Ultraschall überprüften ICE-3-Züge hätten ohne Beanstandung die Werkstätten verlassen und gleich wieder eingesetzt werden können, sagte ein Unternehmenssprecher. Bis auf Weiteres sollen die Züge künftig alle 60.000 Kilometer überprüft werden - und nicht alle 300.000 wie bisher.

Grund für die bislang größte Wartungsaktion seit dem Unglück von Eschede vor zehn Jahren ist der Unfall am Mittwoch in Köln. In der Folge war es in den Tagen darauf zu massiven Störungen im Bahnverkehr gekommen. Am kommenden Montag sollen nach Angaben der Bahn 95 Prozent der ICE-3-Verbindungen wieder zur Verfügung stehen. Da bis dahin aber nur 36 der insgesamt 67 Züge dieses Typs einsatzbereit seien, müssten Ersatzzüge eingesetzt werden. Da es sich zum Teil um kürzere Züge handele, könne es weiterhin zu Einschränkungen kommen. Am Sonntag wurden nach Unternehmensangaben etwa 80 Prozent der Verbindungen angeboten.

kaz/dpa/AP

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